Vegetieren bis … kommt

Ich startete mit einem Theaterabend in die neue Woche. Den Besuch im Schauspielhaus konnte ich aber alles andere als eindeutig, weder begeistert noch enttäuscht, bilanzieren. Eine Parallele zum Stück? Vor allem die Spanne zwischen Storyline und schauspielerischer Leistung klafft weit auseinander.

Wie an einem typischen Montag nicht anders zu erwarten, trauert man einerseits noch dem vergangenen Wochenende nach und blickt andererseits gespannt auf die kommende Woche. Selbiges Dilemma kennt Daniel Putkammer, gespielt von Nico Link, nur zu gut. Stets bestreitet er einen Arbeitstag nach dem anderen und hofft, der nächste Tag möge eine Besserung bringen. Unterstützung bekommt er von seinen Kollegen und diversen anderen Leidensgenossen, die ihr Dasein mittlerweile ebenso verbittert fristen und von Gastschauspieler Ralph Püttmann mannigfaltig, aber durchwegs glaubhaft gemimt werden.

Der Büroalltag, dem der Ingenieur Putkammer von Kantinenmuff bis hin zu gelangweilten wie skurrilen Kollegen ausgesetzt ist, wird erschreckend realistisch und perspektivenlos in zehn Episoden dargestellt. Der angekündigte Termin beim “Alten” aka Chef lässt Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufkeimen, Putkammer malt sich aus, was eine Beförderung an Besserungen bewirken wird. Als die vermeintliche Beförderung sich dann als Versetzung nach Rumänien entpuppt, stürzt er angesichts der wieder verlängerten Durststrecke und des andauernden Abwartens im “Warteraum Zukunft” in eine depressive Sinn- und Seinskrise. Diese mündet wenig überraschend im Eklat, einem aus Verzweiflung geborenen Kontrollverlust, der ihn fast zu klischeehaft aller Zunkunftsmöglichkeiten beraubt.

Die Figur Putkammers steht stellvertretend für eine gut ausgebildete junge Generation von Akademikern, die sich nach langen Jahren der Ausbildung dem Wahnsinn einer globalisierten Arbeitswelt ausgeliefert sieht, sich allmählich resignierend doch immer weiter abrackert, Praktika absolviert und auf den ersehnten Lohn, eine an Prestige und Bezahlung  angemessene, gesicherte Stelle im Unternehmen, hinarbeitet, bis die Erkenntnis, dass diese wohl nie erreicht werden wird, sie verzweifeln lässt. Das Schauspielerduo brilliert: Link spielt den Hamster im Hamsterrad des Kapitalismus mit reichlich Emotion und wird dabei durch unterschiedliche Positionierung auf der Bühne und wechselnder Beleuchtung unterstützt, bis er letzten Endes vor seiner eigenen Niederlage nicht mehr davonlaufen kann und grandios scheitert. Püttmann überrascht mit erstaunlicher Stimmgewalt und verkörpert sogar die betrunkene Freundin eines Freundes Putkammers überzeugend, ohne ins Gauklerische abzudriften.

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V.l.: Nico Link und Ralph Püttmann (c) Lupi Spuma

Was die Storyline besonders am Schluss an originellen Wendungen missen lässt, macht die detailverliebte Darstellung der Schräglage im Hierarchiesystem der Unternehmensunkultur mit all ihren skurrilen und neurotischen Akteuren wett. Großartiger Einsatz von Requisiten, tontechnischer Ausstattung und einem Bühnenbild, das sowohl funktional wie auch ästhetisch in der Inszenierung von Oliver Kluck zum Einsatz kommt, persiflieren das Abbild einer Arbeitswelt – zwischen Mehrarbeit, einem Wechselspiel aus Unter- und Überforderung und trotzdem prekären Lebensverhältnissen – mit all seinen Routinen und Ritualen.

 

Tagungsbericht: Feuilleton – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur

Der vollständige Tagungsbericht, den ich für Soziopolis.de zusammengestellt habe, wurde am Freitag veröffentlicht und findet sich hier noch einmal zum Nachlesen. 

Feuilleton – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur

Interdisziplinäre Tagung in Graz, 26.–28. November 2015

Das Feuilleton ist ein nicht nur literatur- und medienwissenschaftlich, sondern gesellschaftlich bedeutsamer, gleichzeitig aber nahezu unerforschter Raum, der durch stilistische und rhetorische Vielfalt geprägt ist. Die Ende November in Graz veranstaltete interdisziplinäre Tagung sollte dazu dienen, dieses Phänomen besser zu ergründen. Dazu hatten die Organisatorinnen Hildegard Kernmayer und Simone Jung ExpertInnen diverser Fachrichtungen eingeladen, die die historischen, gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen des Feuilletons nachzeichneten und diskutierten.

HILDEGARD KERNMAYER (Graz) benannte in ihrem Eröffnungsvortrag die Charakteristika des Feuilletons des 19. Jahrhunderts. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive seien diese als Subjektivität, Poetizität und Bewegung sowie die sich daraus ergebende Gattung oder Kunstform als Feuilletonismus zu bestimmen. Laut ihrer „Feuilletonpoetik des Dazwischen“ bleibt das Feuilleton „in der Gattungstrias wegen seiner schwer fassbaren Eigenheit, bestehende Textgattungen ‚feuilletonistisch zu überformen’, außen vor“. Die Nähe feuilletonistischer Texte zum Stil der Publizistik wie auch der fehlende Anspruch des Feuilletons, sich als Literatur zu behaupten, seien einerseits der Erscheinungsform im Medium Zeitung und andererseits der ökonomischen Abhängigkeit ihrer Verfasser vom jeweiligen Medium geschuldet. Letzteres bedinge auch das hohe Maß an Selbstreflexion der Feuilletonisten.

Im Anschluss diskutierte der Literaturwissenschaftler WALTER SCHÜBLER (Wien) in seinem Vortrag „Beim Genick packen“ die Aversion, die der Journalist Anton Kuh (1890–1941) gegen den „Feuilletonismus“ als Weltanschauung an den Tag legte. Kuhs 1918 niedergeschriebene Forderung an ein neues Feuilleton der Gegenwart stellte sich gegen die „Radetzkymarsch-Trägheit“ des damaligen Österreich, seine eigenen Portraits, Skizzen und Geschichten, Besprechungen, Würdigungen und Glossen gäben dagegen die Eindrücke eines hellwachen Zeitgenossen wider, betonte Schübler.

Die Slawistin IRINA WUTSDORFF (Tübingen) thematisierte in ihrem Vortrag zwei “Prager Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur”, nämlich Jan Neruda und Egon Erwin Kisch. Ersterer war Schriftsteller und Feuilletonist im Kontext der Nationalen Wiedergeburt, Zweiterer erlangte in den Weltkriegen als “rasender Reporter” Bekanntheit. In den Werken beider Autoren ließen sich aber auch Spuren der jeweils anderen Tradition finden. Wutsdorff zeigte insbesondere auf, welche Rechtfertigungsstrategien sich angesichts des Spannungsverhältnisses zwischen Fakten und deren Bearbeitung zugunsten der Kunstfertigkeit der Texte in den Schriften nachvollziehen lassen.

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Die Organisatorinnen Simone Jung und Hildegard Kernmayer (v.l.)

Organisatorin SIMONE JUNG (Hamburg) eröffnete mit ihrem Vortrag “Das Spiel der Differenzen: Zum Politischen im Feuilleton der Gegenwart” den zweiten Teil der Tagung, dessen Schwerpunkt auf Debatte und Kritik lag. Mit der Beobachtung des großen Theaterdiskurses um die Berliner Volksbühne in den überregionalen Feuilletons vom März 2015 konstatierte Jung, diese Debatte mache Logiken und Mechanismen des feuilletonistischen Diskurses sichtbar. Im Feuilleton würden sich unterschiedliche Denk- und Lebensräume, Identitäten und Sinnhorizonte miteinander vermischen und damit neue Verweiszusammenhänge erschließen, die zwischen bürgerlich-hochkulturellen und “populären Diskursen” vermitteln. Die neue Vielfalt der Kulturen wirke sich dabei nicht nur auf Themen und Sprecher im Feuilleton aus, sondern auch auf die dort geführten kulturellen Kämpfe und Debatten.

THOMAS HECKEN (Siegen) konnte mit seinem Vortrag über “Werturteile im heutigen Feuilleton” direkt an Jung anschließen. Vom Rechtssystem ausgehend führte er aus, in welcher Weise Werturteile explizit gemacht werden. Landesmediengesetze beispielsweise verlangen, dass Publikationen sachlich richtig, sorgfältig und wahrheitsgemäß berichten sowie Kommentare deutlich vom Nachrichtenteil trennen. Hecken bewies jedoch empirisch, wie wenig Platz reinen Meldungen im Feuilleton eingeräumt wird. Er verglich Meldungen der Deutschen Presseagentur (dpa) mit deren Adaption im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und kam zu dem Ergebnis, dass die per Definition neutrale Ursprungsmeldung immer dann, wenn sie von einem Redakteur überarbeitet wurde, mit einem impliziten Gestus der moralischen oder ästhetischen Wertung versehen worden sei.

ANDREAS ZIEMANN (Weimar) betrachtete die “Praxis und Funktion des (Medien-) Intellektuellen“ aus Sicht eines Soziologen und fragte nach dessen Selbstverständnis. Ziemann geht von Pierre Bourdieus Verständnis des “klassischen Intellektuellen” aus, der im Wechselverhältnis zu dem Feld stehe, aus dem heraus er spreche und agiere. Das Feuilleton habe eine Vermittler- wie Multiplikatorfunktion und biete eine Plattform für intellektuelle Interventionen, was den Feuilletonisten selbst jedoch nicht automatisch zum Intellektuellen mache. Notwendig für die Zukunft des Feuilletons sei eine „neue Ästhetik, die sich nicht aus Zielen, sondern aus bestehenden Grenzen des Feuilletons ergeben müsse“, folgerte Ziemann.

Hildegard Kernmayer verlas nun im Namen der erkrankten NADJA GEER (Berlin) deren Vortragstext über Facebook und das Debattenfeuilleton. Geer, die zu Popkultur und -geschichte forscht, widmete sich der rund um das Video „Wrecking Ball“ der Sängerin Miley Cyrus entbrannten Popdiskussion in den sozialen Medien und kam zu dem Schluss, dass Facebook nun in der Reihe der Feuilletonplattformen angekommen sei. Ausgehend von Ijoma Mangolds in der Zeit erschienenem Artikel „Das Ende der Rechthaberei“1bemühte sie den Medienwissenschaftler Marshall McLuhan und setzte dessen Diktum „The Medium is the Message“ in Beziehung zu den “drei A der aktuellen Technik- und Medienphilosophie” – Agency, Algorithmus und Akzeleration. Sie verwies daraus folgernd auf die Problematik von “Pseudozufällen”, die aufgrund von Algorithmen in den (Feuilleton-)Debatten auftreten können, und sah in der Verweigerung, im Netz norm- und formgerecht zu schreiben, Subversionspotenzial.

“Literaturkritik im Feuilleton“ stand im Mittelpunkt von SIBYLLE SCHÖNBORNs (Düsseldorf) Überlegungen zu „Theorie und Praxis einer Gattung“, die sie am Beispiel des Theater-, Kabarett- und Literaturkritikers Max Herrmann-Neiße (1886–1941) entfaltete. Herrmann-Neiße vertrat das Prinzip der “verstehenden Kritik”, das er mit einem Bekenntnis zur “Dichtung der Zärtlichkeit” verband. Dafür setzte er eine Fähigkeit, die Werke anderer zu bewundern, voraus. Ein guter Kritiker müsse, so Hermann-Neiße, zugleich Dichter sein, was ihn letztlich zu einem Sprachrohr für ein jeweiliges Literaturverständnis mache.

CHRISTA BAUMBERGER (Basel) schloss sich mit ihrem Vortrag über Emmy Hennings im Feuilleton der 1920er- und 1930er-Jahre an. Dabei betonte sie, Hennings werde erst seit einigen Jahren nicht nur als Dada-Mitbegründerin, sondern auch als bedeutende (Feuilleton-)Autorin der literarischen Moderne im wissenschaftlichen Diskurs gewürdigt. Im Vortrag standen Hennings Literaturkritiken und Autorenporträts im Vordergrund, deren Ton plaudernd verspielt sei und Genregrenzen überschreite. „Hennings ist keine Literaturkritikerin“, lautete Baumbergers Einschätzung. Ihre Texte würden sich vielmehr gleichsam als Liebkosungen um die Bücher schmiegen und in Empfehlungen an die Leserschaft gipfeln. Gleichwohl sei ein publizistisches Wechselverhältnis zu konstatieren: Hennings sei Beobachterin im Auftrag des Feuilletons und werde als Autorin wiederum vom Feuilleton beobachtet.

BETTINA BRAUN (Zürich) beforscht im Rahmen ihrer Dissertation den Stellenwert der ‚Kleinen Form’ im Literatursystem des Exils sowie den Feuilletonismus nach 1933. Das Feuilleton erfuhr in dieser Epoche eine starke Abwertung, da es angesichts der ‚wichtigeren’ gesellschaftlichen und politischen Umstände seiner Zeit als ‚nebensächlich’ erachtet wurde. Braun zeichnete die zeitgenössische Medienwelt anhand von Textbeispielen von Robert Musil, Franz Hessel und Alfred Polgar nach. Sie sieht die Rezeptionsgeschichte als Schlüssel zum Verständnis der Exilfeuilletons, dessen wesentliche Texte sie durchaus als Kommentare zum Zeitgeschehen bewertet, und versucht damit den Vorwurf, Feuilletons seien ‚nebensächlich‘ und vermittelten keine eigene Aussage, zu widerlegen.

Kritikerstimmen aus der Versenkung zu holen und ihre Rezeptionsgeschichte nachzuzeichnen, funktioniert selbstredend nur, wenn es Archive gibt, in denen man solche findet. Zum Thema “Das Interview – Zur Ehrenrettung seiner feuilletonistischen Form” ergriffen nun MARC REICHWEIN (Innsbruck) und MICHAEL PILZ vom Innsbrucker Zeitungsarchiv das Wort. Das Interview müsse gegenwärtig darunter leiden, als billiges, recherchearmes Mittel der Berichtgestaltung zu gelten. Die beiden Forscher beziehen sich dabei vor allem auf Aussagen des Literaturkritikers Hubert Winkels, demzufolge personenbezogene Textformen in der Presse zunähmen. Ihre quantitative und qualitative Analyse habe jedoch ergeben, dass die unterstellte Zunahme personalisierter Formen auf Kosten von Rezensionen nicht belegbar sei.

Den letzten Beitrag leistete JAN DREES (Münster), der sich mit digitaler Literaturkritik beschäftigte. Drees, selbst Doktorand, Blogger und Journalist, stellte (Literatur-)Blogs als Nischen vor, in denen sich nicht nur der feuilletonistische Stil erhalten habe, sondern auch ein Ort der qualitativ-hochwertigen Literaturkritik. „Blogs kämpfen jedoch mit dem gänzlichen Fehlen eines geeigneten Finanzierungsmodells“, so Drees. Am Beispiel von zehn Literaturblogs sowie den dahinter agierenden BloggerInnen, denen er mittels einer Fragebogenerhebung Informationen und Prognosen zur aktuellen und zukünftigen Finanzierung ihrer Blogs entlocken konnte, präsentierte er mögliche Formen der Finanzierung, etwa Links zu Sponsoren, Werbeanzeigen oder Sponsored Posts.

Im Rahmen der Tagung fand auch eine Podiumsdiskussion im Grazer Kunsthaus statt, bei der die FeuilletonistInnen schließlich selbst zu Wort kamen. LOTHAR MÜLLER (Süddeutsche Zeitung), die Literaturkritikerin SIGRID LÖFFLER, DORIS AKRAP (tageszeitung) und EKKEHARD KNÖRER (Merkur) diskutierten das allgemein prognostizierte Feuilletonsterben sowie den Status Quo und die Anforderungen an ein mögliches bedeutsames Feuilleton der Zukunft. Die Struktur von Zeitungen, strategische Entscheidungen, Meinungshoheit und Selektion würden ein ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis schaffen und wurden daher zunächst als Probleme der heutigen Medienlandschaft identifiziert. Obwohl die Diskussion immer wieder durch die etwas zu strenge Moderation gebremst wurde, kam man schließlich darin überein, dass eine Feuilletonisierung aller journalistischen Bereiche im Bereich Politik, Wirtschaft und Sport erfolgt sei, dass damit einhergehend aber auch eine Politisierung wie Boulevardisierung des Feuilletons stattgefunden habe. Diese Entgrenzung sei nicht nur auf einen Mangel an Qualität unter den gegenwärtigen Bedingungen schwindender ökonomischen Ressourcen zurückzuführen, sondern vornehmlich eine Reaktion auf die sich verändernde Leserschaft.

Auf die Gründung einer „Interdisziplinären Gesellschaft für Feuilletonforschung“ konnten sich die TeilnehmerInnen der Grazer Tagung schließlich am zweiten Abend einigen. Durch die neue Gesellschaft sollen ForscherInnen aus der Soziologie, Germanistik und Medienwissenschaft im Bereich Feuilleton und Kulturjournalismus miteinander vernetzt werden, um das Feuilleton nachhaltig als Forschungsgebiet erschließen zu können.

Konferenzübersicht:

Martin Polaschek (Graz), Begrüßung

Hildegard Kernmayer (Graz), Feuilleton. Zur Poetik des Dazwischen

Walter Schübler (Wien), „Beim Genick packen und hinauswerfen!“ – Anton Kuhs Aversion gegen den, Feuilletonismus’

Irina Wutsdorff (Tübingen), Prager Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur: Jan Neruda und Egon Erwin Kisch

Simone Jung (Hamburg), Das Spiel der Differenzen. Zum Politischen im Feuilleton der Gegenwart

Thomas Hecken (Siegen), Werturteile im heutigen Feuilleton

Andreas Ziemann (Weimar), Praxis und Funktion des Medienintellektuellen

Nadja Geer (Berlin), Humus oder Löschkalk? Facebook und das Debattenfeuilleton

Sybille Schönborn (Düsseldorf), Literaturkritik im Feuilleton. Überlegungen zu Theorie und Praxis einer Gattung am Beispiel der Kritischen, kommentierten Edition der Essays und Kritiken von Max Herrmann-Neiße

Christa Baumberger (Bern), Ein „zarter und zierlicher Ton“: Emmy Hennings im Feuilleton der 1920er und 1930er-Jahre

Gesellschaft für Feuilletonforschung – Vernetzungsaktivitäten

Podiumsdiskussion: Denken zwischen Ästhetik und Ökonomie. Zur Lage des Feuilletons

Es diskutierten:

Doris Akrap (taz. die tageszeitung)

Ekkehard Knörer (Merkur)

Sigrid Löffler (ehem. u.a. profil, Die Zeit, ZDF)

Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung)

Moderation: Colette Schmidt

Bettina Braun (Zürich), Von Nebensachen reden, wo es so viele Hauptsachen gibt. Das Feuilleton in der Literaturkritik des Exils

Marc Reichwein und Michael Pilz (Berlin), Das Interview – Zur Ehrenrettung einer feuilletonistischen Form

Jan Drees (Wuppertal), Klicks statt Kohle: Digitale Literaturkritik zwischen Performanz und Prekariat

Abschlussdiskussion

Künstlergeschichten

Die heutige Kolumne erzählt drei Geschichten von Künstlern, die im Großen wie im Kleinen ihren Leidenschaften nachgehen. 

„Wenn du durch die Stadt spazierst und einen Typen wie irre singen hörst, bin ich das.“ Mit diesen Worten erklärte mir unlängst ein Bekannter sein neues Hobby: Straßenmusik. An schönen Wochenenden sucht er sich ein nettes Plätzchen in der Innenstadt, meistens ist es eines in der Herrengasse, stellt seinen Schemel auf, packt seine Gitarre aus und beginnt zu musizieren. Dazu singt er. Warum er das macht? Weil es ihm gefällt.

Eine andere Bekannte erzählte mir voller Stolz von einem Engagement bei einem Chorprojekt, das ihr vor kurzem angeboten wurde, weil aufgefallen war, dass sie eine tolle Stimme hat. „Und das, obwohl ich nicht mal eine Gesangsausbildung habe“, betont sie. Sie ist Lehrerin, sang schon immer gern, ist es aber mittlerweile gewohnt, stets den Gesang anderer auf dem heißgeliebten Klavier oder der Orgel zu begleiten. Warum sie singt? Weil es ihr Spaß macht.

Paul Pizzera hat es diese Woche mit einem eigenen Song auf die neue Bravo Hits, das Chart-Sample, das ihn seit frühester Kindheit geprägt hat, wie er selbst gestand, geschafft. Wie aus einem Germanistik-Studenten ein gefeierter Kabarettstar und Musiker wurde? Es hat ihm getaugt.

Und es ist gut geworden.

 

Feierlaune

Damen in wunderschönen langen Ballkleidern, Herren in Fracks und mit Fliegen. Die traditionell-romantische Vorvalentinstagsausstrahlung der Debutantenpaare im feierlichen Ambiente der Wiener Staatsoper. Der 60. Wiener Opernball – das gesellschaftliche Großereignis Österreichs.  Aus gegebenen Anlass musste ich heute die Ballkultur meines Heimatlandes in meiner Kolumne mit ironischer Spitze kommentieren. 

Der Opernball zog gestern wieder die internationale Aufmerksamkeit auf Wien. Der Hausball der österreichischen Staatsoper hat aber noch viel mehr zu bieten als Lugner und Co. Er ist das gesellschaftliche Großereignis unseres Landes. Seit erstmals 1877 findet er jeweils am letzten Donnerstag vor dem Aschermittwoch statt und läutet damit das Ende der Faschingszeit ein. Diese ist zugleich auch die offizielle Ballsaison, mit Ausnahme des Advents. Von 11. November bis Aschermittwoch werden die vielfältigsten Bälle gefeiert: Die Palette reicht von Landbällen wie Lumpenbällen, „Pingerlbällen“, Feuerwehrbällen und Silversterbällen bis hin zu großen Bällen in vornehmen Sälen, deren Pforten einst der Adel für das Volk nach englischem Vorbild geöffnet hat.

Heute ist Österreichs Ballkultur bunter, Tradition trifft Moderne und Bälle werden zu Events, oft auch zu Werbezwecken, öffentlicher Zur-Schau-Stellung oder zum Netzwerken genutzt. Eines ist jedoch jedem Ball gemein: Es wird sich herausgeputzt, „aufgmascherlt“, getanzt, gegessen und getrunken. Kurz: Gefeiert – egal aus welchem Grund, der Österreicher findet immer einen. Bevor das bunte Treiben aber in der mit etwas weniger Bällen angereicherten „Fastenzeit“ mündet, geht es morgen mit dem Bauernbundball weiter, dann folgt der Faschingsdienstag und selbst am Aschermittwoch wird (Hering) geschmaust.

 

 

 

 

Turn(er) on!

Frank Turner kommt 2016 gleich zweimal nach Graz.

Das erste Mal war Sonntag, 20 Uhr. Frank Turner kam nach fast drei Jahren wieder in die Stadt. Diesmal reiste er mit neuem Album (Positive Songs For Negative People) im Gepäck und gastierte im restlos ausverkauften Orpheum. Der sympathische Brite begeisterte seine Fans einmal mehr mit Folk Rock und Punk Klängen, einem starken Programm und einer Bühnenpräsenz, die ihresgleichen sucht.

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Frank Turner auf der Orpheum-Bühne (c) junebug

Zwei starke universell-zeitkritische Statements stellte Frank Turner zu Beginn als Konzert-Regeln auf: “Everybody be nice to each other” und “It doesn’t mather, where you come from, it matters where you go” (Peggy sang the Blues), dann legte er los.

Turner, gewohnt in schwarzer Hose und weißem Hemd, das freie Sicht auf seine tätowierten Arme (Tattoos), betrat die Bühne relativ pünktlich nachdem die Vorband, Skinny Lister, diese geräumt hatte. Er lachte herzlich, begrüßte die Menge auf Deutsch, teilte die Menge in die dunkle und die helle Seite der „Macht“ (Star Wars), coverte spontan einen Motörhead-Song zum Gedenken an Ian „Lemmy“ Kilmister und spielte „Broken Piano“ gefühlvoll und erstmals solo auf der E-Gitarre. David Bowie ehrte er, ebenso wie die Tour-Flagge, die er eigens zu Beginn seiner Welttournee gestaltet hat und die ihm seither auf jedes Konzert folgt. Er band die Vorband, seine eigene Band “The Sleeping Souls” und die jubelnden Fans gleichermaßen mit ein – Erstgenannte ließ er crowdsurfen, Zweiteren gestand er so viel Raum zu, als wäre nicht er der Star, sondern sie und den Fans schenkte er trotzdem nahezu ungeteilt große Aufmerksamkeit. Obendrein hatte er während der vollen zwei Stunden, die er nonstop großartig performte, sichtlich Spaß. Wir Grazer Fans auch.

“Frank Turner und Graz sind Freunde” das gestand er und versprach spontan noch heuer ein weiteres Graz-Konzert. Der Termin ist offiziell noch nicht bekannt, Kartengeier dürfen aber schon in den Starlöchern scharren.

 

Da ist der Wolf drin

Am Donnerstag feierte ein neues Stück am Grazer Schauspielhaus Premiere. Fast das ganze Ensemble samt Intendanz versammelte sich neben verschiedensten Medienvertretern auf der Zuschauertribüne im HAUS ZWEI. Die Neugier auf den Wolf dürfte groß gewesen sein.

Lupus in Fabula“ von Henriette Dushe ist eine kunstvoll verdichtete Todesfuge über das schöne Leben und sein hässliches Ende. „Der Tod, der Tod, … der Tod ist eine Sau“ heißt es anders als im Celan-Original. Die Inszenierung von Claudia Bossard zeigt, wie Angehörige mit dem nahenden Tod eines geliebten Menschen umgehen und wie sie sich in ihrer Trauer gebärden. „Sprechen ist die Hauptsache von allem“, wird programmatisch verkündet. Drei Schwestern, gespielt von Vera Bommer (sie brilliert als die Jüngste), Veronika Glatzner (als die Mittlere) und Evamaria Salcher (als die Älteste), reden über ihren Schmerz hinweg, versuchen ihn wegzusprechen, um jeden Preis und um nur ja keine Emotionen zum sterbenden Vater aufkommen zu lassen. Es ist der verzweifelte Versuch ihrer Ohnmacht zu entkommen. Ihr Sprechen ist eine namen- und verblose Realitätsflucht, teils makaber und voll schwarzem Humor. Gerede, das ohne echte Aussage auskommt. Sogar ganz ohne Mutter.

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(c) Lupi Spuma

Eine Flucht ins Manifeste und ins Terrain platter, aber dadurch sicherer Metaphorik. Jede für sich hat auf der Bühne ein Bollwerk zur Verfügung, spinnt mit geschickt eingesetzten Requisiten einen Kokon, um sich zu schützen. Die Medikamenten-Szene offenbart den Wolf, der schon im Kartoffelbrei steckt und mit dem verfrühten Winter im Rudel lautstark mit Geheul daherkommt als Potenzierung und Umkehrung der bis dahin angewandten Strategien. Der Tod, eine Vereinigung von Konkretem und Absurdem, er kommt ironisch daher, weil er nicht einmal erfahrbar ist (– frei nach Thomas Bernhard). Doch am Ende sind sie alle da, am Sterbebett des Vaters, warten und hüllen weiße Stille über die Lücke, die bleibt.

 

Künstlerhaus Graz bilanziert 2015 und blickt auf 2016

Gerade findet die Jahrespressekonferenz 2016 im Künstlerhaus statt. Kulturlandesrat Christian Buchmann und der Direktor der Halle für Kunst und Medien (KM) Sandro Droschl präsentieren eine Bilanz von 2015 sowie das Programm und Budget für 2016.

Sieben Einzel- und vier Gruppenausstellungen sowie 45 Veranstaltungen und rege Publikationstätigkeit lockten rund 14.000 Neugierige ins neue KM, das in seinem dritten Ausstellungsjahr damit ein Besucher-Plus von 4% verzeichnet. Deshalb und nicht zuletzt auch der Unterstützung durch die öffentliche Hand wegen, kann ein ausgeglichener Haushalt präsentiert werden – keine Selbstverständlichkeit im Kultursektor. Besonderer Dank wird dem engagierten schlank bemessenen Team des KM, Kooperationspartnern und dem Land Steiermark ausgesprochen. Der Schwerpunkt vom Vorjahr soll auch heuer weitergeführt werden: die Vernetzung von internationaler, heimischer und steirischer Gegenwartskunst. Dafür wurde das Jahresbudget von knapp 575.000 auf fast 600.000 Euro angehoben.

Kurator Christian Egger plant damit ein qualitatives und vielseitiges Programm. Den Auftakt bildet die noch im Jänner stattfindende Personale um die junge Steirerin Flora Neuwirth mit ihren Kunstraum „clubblumen“, es folgen Auseinandersetzungen der Kunst mit Ökonomie oder Sprache und aufsehenerregende Präsentationen großer Namen wie Keren Cytter, Edward Hopper oder Klaus Scherübel.

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Direktor Sandro Droschl mit Landesrat Christian Buchmann (c) Land Steiermark

 

Duck-Slam on!

Die Grazer Poetry Slam Szene ist so lebendig wie ihre Texte. Hauptverantwortlich dafür ist der Verein PLuS – Performte Literatur und Slam. Das Team rund um Mario Tomic und Yannick Steinkellner veranstaltet Literaturwettbewerbe wie Hörsaal-Slams (Stichwort:  Julia Engelmann „Eines Tages, Baby“, mittlerweile als Buch erhältlich) oder die legendären Kombüsen-Slams. „Poetry Slams erweitern das lokale Kulturspektrum in der Steiermark um ein Vielfaches, Literatur belebt wie keine andere Kunstform und regt Menschen zum kreativen Schreiben an“, sagen Tomic und Co. Neu sind Slams im Kaffeehaus: Am 14. November letzten Jahres fand der erste dieser Art im Ducks Coffee Shop in der Raubergasse 14 statt. Herrlichen Kaffee zu erstaunlicher Poesie genießen, das ist der Mehrwert dieses Formats. Heute Abend ab 18.00 Uhr treten wieder vier Slammer gegeneinander im Duck-Slam #3 an und tragen ihre selbstgeschriebenen Texte vor. Über den Sieger wird mittels Kaffeebohnen abgestimmt. Man darf sich also wieder auf feine Reime, Satire und Sprachwitz freuen. Und natürlich auf Kaffee und grüne Smoothies.

 

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Fannys Weg zum Funny Girl

Fanny Brice, der größte komische Broadway- und Radio-Star im Amerika des 20. Jahrhunderts, ist Protagonistin des Musicals „Funny Girl“, das seit 16. Januar in Graz gastiert.

Nach dem Theater Chemnitz, Dortmund und dem Staatstheater Nürnberg ist die Oper Graz die bereits vierte Station der Neuauflage des Musical-Klassikers. Mit der Uraufführung im New Yorker Winter Garden Theatre 1964 feierte Barbra Streisand, 21-jährig, in der Rolle der Fanny Brice und mit dem (im Drehbuch umstrittenen) Charthit „People“ ihren Durchbruch. Beide Damen verbindet ein starker Charakter. Stur und durchsetzungsfähig gingen Brice und Streisand ihren eigenen Weg – den von Stars.

In der Neuinszenierung führt Frederike Haas die Tradition weiter und performt nicht nur stimmlich stark. Für die Triple-Threat Musical-Darsteller kam in „Funny Girl“ eine zusätzliche Herausforderung hinzu: Sie mussten nicht nur tanzen, schauspielern und singen können, sondern für viele Sequenzen auch steppen lernen. Passend zur Zeit der 1910er bis 1920er Jahre und der Musik von Jule Styne. Der ursprünglich klassisch ausgebildete Komponist fand auch in „Funny Girl“ für jede Situation den richtigen Ton, der im englischen Original auf der Grazer Bühne ein halbes Jahrhundert später noch immer großartig klang. Die restliche Textfassung wurde von Heidi Zerning, die auch Alice Munros deutsche Stimme ist,  ins Deutsche übersetzt.

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Uschi Plautz, Götz Zemann und Marc Seitz mit dem Ensemble (c) Werner Kmetitsch

Die Wandelbarkeit der Fanny Brice wird anschaulich dargestellt: Über 18 verschiedene Kostüme trägt Haas im Laufe der zweieinhalb Stunden dauernden Darbietung. Das Werden zum Broadway-Star, dem ‚Funny Girl’ wird übrigens ähnlich wie bei Nestroys virtuosem Perückeneinsatz, durch das vom ursprünglichen Feuerrot ausgehenden Erblonden ihrer Haare angezeigt. Ihre unterschiedlichen Rollen, privat wie beruflich, verschweigt das Stück ebenso wenig wie die Komik der jiddischen Sprachkünstlerin, Satirikerin der „Zeigfeld-Follies“ und späteren „Baby Snooks“ im Radio (hier ein Beispiel). Überhaupt überzeugte die Ausstattung von Susanne Hubrich mit einer Detailtreue, die den Zuschauer staunen ließ. Stefan Huber und Bernd Krispin beeindruckten mit ihrer feinfühligen Inszenierung vor allem deshalb, weil er Fanny so vielschichtig präsentierte – als Star und Mensch in ihrem Umfeld und ihrer Gedankenwelt.

Wie bringt man innere Gefühle und Gedanken einer Figur auf die Bühne? Das dürfte eine der größten Herausforderungen bei dieser Inszenierung gewesen sein – gelöst wurde das Problem mittels Zweiteilung des Bühnenbildes. Fannys Hälfte wurde beleuchtet, ein Spot auf sie gerichtet, der Rest gedämpft und das Geschehen auf der anderen Bühnenhälfte eingefroren. Dann sprach sie ihren Monolog.

Neben Frederike Haas erfüllen Boris Pfeifer als Nick Arnstein, Uschi Plautz als Rose Brice und Götz Zemann als Florenz Zeigfeld jr., außerdem Marc Seitz als Eddie Ryan, Fannys bester Freund und Choreograph, die hohen Erwartungen des Publikums.

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(c) Werner Kmetitsch

Gleich zu Beginn des zweiaktigen Musicals, in der ersten Erinnerungssequenz, die Brice in ihrer Garderobe des Theaters memoriert, singt sie überzeugt: „Selbst, wenn keiner mein Talent erkennt – ich bin ein Star!“ Und damit sollte sie bis Ende, im zweiten großen Song mit „Don’t rain on my parade“, Recht behalten.

Das Musical zeichnet die Anfangsphase der steilen Karriere und die Liebesgeschichte von Brice und ihrem ersten Ehemann Nick Arnstein nach. Dabei transportiert es noch viel mehr als echte Emotionen zwischen dem zukünftigen Ehepaar, „Funny Girl“ porträtiert Fanny Brice junge, zielstrebige Frau, die es selbstbewusst mit jedem Mann aufnimmt und das in einer Zeit, in der die Rolle der Frau noch lange keine emanzipierte war. Ohne Fleiß kein Preis, das wusste Brice und arbeitete hart, bis sie unabhängig und erfolgreich war. Doch ließ sie dieses Wissen nicht davor zurückscheuen, dem Theater zum rechten Zeitpunkt, jenem, an dem für sie die Erreichung ihres persönlichen Glückes so nahelag, den Rücken zu kehren. Da ist sie die Frau, die auf der Bühne „My Man“ singt und ihre Erfüllung auch in der Aufgabe als Ehefrau und Mutter findet. Für sie ist Karriere und (Ehe-)Frau-Sein kein Widerspruch. Sie ist eine Frau, die weiß, was sie will und was nicht, eine, die für die Liebe kämpft, doch letztlich einsehen muss, dass Liebe allein nicht reicht.

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Frederike Haas und Boris Pfeifer (c) Werner Kmetitsch

Zumindest nicht für ein Happy End jeder Lovestory, schon gar nicht über alle gesellschaftlichen Hürden hinweg. Die Beziehung zu Arnstein scheitert schließlich nicht an seiner Spielsucht, sondern an der Unvereinbarkeit von Liebe und Macht. Ihre Liebe war echt, doch zusammen funktionierten die beiden nicht („Das wird aus einer Ehe mit einer erfolgreichen Frau, die sich durch ihn reicher fühlt, wenn er verdreckt aus dem Sandkasten kriecht“) und so mussten sie am Ende des zweiten Aktes einsehen, dass sie zwar einander lieben, aber sich selbst mehr (und aufgrund dessen gar nicht erst versuchen wollten, daran zu arbeiten). Daraufhin leiten sie die Scheidung ein und Fanny, nun endgültig zum Funny Girl lanciert, beschließt, neu anzufangen und nicht zurückzuschauen. (Die ‚echte’ Brice hat übrigens nach Scheidung Nummer drei beschlossen, für den Rest ihres Lebens allein zu bleiben und diesen Vorsatz strikt durchgehalten.) Glück in der Liebe und Pech im Spiel – oder umgekehrt, aber immer nur eins von beidem. Das könnte man als Lehre aus diesem Stoff ziehen ohne dabei zu vergessen, den schön realistisch-feministischen Anspruch mitzudenken.

Für all jene, die keine Karten mehr bekommen konnten, seien hier und hier noch die beiden Verfilmungen zu “Funny Girl” und dem Sequel “Funny Lady” als Tipp zum Nachschauen erwähnt.

 

Mehr als bloß ‚Snape’…

Ein Nachruf.

J.K. Rowlings „Harry Potter“-Welt faszinierte meine Generation als erste und seither viele weitere. Heute gilt die Geschichte um den modernen britischen Zauberlehrling längst als überzeitlicher Jugendklassiker. Diese Woche ist er leider aus traurigem Anlass in aller Munde:

Alan Rickman alias Severus Snape, Harrys Lehrer für Zaubertränke und verhasster Hauslehrer von Slytherin, starb kurz vor seinem 70. Geburtstag in seiner Heimatstadt London. Mit der Rolle in „Harry Potter“ rundete Rickman seine Karriere jedoch bloß ab: Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Rickman war künstlerisch talentiert und vielseitig: Er arbeitete als Grafikdesigner, Kostümbildner, Schauspieler und Regisseur. Er brachte es auf eine beachtliche Anzahl Fernseh- und Kinofilme, spielte an der Seite von Größen wie Bruce Willis und auf namhaften britischen Bühnen, überzeugte vor allem als zwiespältiger Charakter-Bösewicht und erntete viel Lob sowie den Theatregoer`s Choice Award für Regie am Royal Court Theatre in London.

Ohne Talent, kein Geld aber ohne Fleiß kein Preis –umgekehrt oder einerlei? Rickman jedenfalls hatte das alles und eine ordentliche Portion Charisma mit Intelligenz verpackt zu feinen Dosen. Als er seiner langjährigen Partnerin Rima Horton 2012 das Ja-Wort gab, wusste er wohl schon, dass ihn der Krebs wie schon seinen Vater schließlich besiegen würde. Mehr als ein Zauberer, aber doch nur ein, wenn auch außergewöhnlicher, Sterblicher.

 

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