Tagungsbericht: Feuilleton – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur

Der vollständige Tagungsbericht, den ich für Soziopolis.de zusammengestellt habe, wurde am Freitag veröffentlicht und findet sich hier noch einmal zum Nachlesen. 

Feuilleton – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur

Interdisziplinäre Tagung in Graz, 26.–28. November 2015

Das Feuilleton ist ein nicht nur literatur- und medienwissenschaftlich, sondern gesellschaftlich bedeutsamer, gleichzeitig aber nahezu unerforschter Raum, der durch stilistische und rhetorische Vielfalt geprägt ist. Die Ende November in Graz veranstaltete interdisziplinäre Tagung sollte dazu dienen, dieses Phänomen besser zu ergründen. Dazu hatten die Organisatorinnen Hildegard Kernmayer und Simone Jung ExpertInnen diverser Fachrichtungen eingeladen, die die historischen, gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen des Feuilletons nachzeichneten und diskutierten.

HILDEGARD KERNMAYER (Graz) benannte in ihrem Eröffnungsvortrag die Charakteristika des Feuilletons des 19. Jahrhunderts. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive seien diese als Subjektivität, Poetizität und Bewegung sowie die sich daraus ergebende Gattung oder Kunstform als Feuilletonismus zu bestimmen. Laut ihrer „Feuilletonpoetik des Dazwischen“ bleibt das Feuilleton „in der Gattungstrias wegen seiner schwer fassbaren Eigenheit, bestehende Textgattungen ‚feuilletonistisch zu überformen’, außen vor“. Die Nähe feuilletonistischer Texte zum Stil der Publizistik wie auch der fehlende Anspruch des Feuilletons, sich als Literatur zu behaupten, seien einerseits der Erscheinungsform im Medium Zeitung und andererseits der ökonomischen Abhängigkeit ihrer Verfasser vom jeweiligen Medium geschuldet. Letzteres bedinge auch das hohe Maß an Selbstreflexion der Feuilletonisten.

Im Anschluss diskutierte der Literaturwissenschaftler WALTER SCHÜBLER (Wien) in seinem Vortrag „Beim Genick packen“ die Aversion, die der Journalist Anton Kuh (1890–1941) gegen den „Feuilletonismus“ als Weltanschauung an den Tag legte. Kuhs 1918 niedergeschriebene Forderung an ein neues Feuilleton der Gegenwart stellte sich gegen die „Radetzkymarsch-Trägheit“ des damaligen Österreich, seine eigenen Portraits, Skizzen und Geschichten, Besprechungen, Würdigungen und Glossen gäben dagegen die Eindrücke eines hellwachen Zeitgenossen wider, betonte Schübler.

Die Slawistin IRINA WUTSDORFF (Tübingen) thematisierte in ihrem Vortrag zwei “Prager Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur”, nämlich Jan Neruda und Egon Erwin Kisch. Ersterer war Schriftsteller und Feuilletonist im Kontext der Nationalen Wiedergeburt, Zweiterer erlangte in den Weltkriegen als “rasender Reporter” Bekanntheit. In den Werken beider Autoren ließen sich aber auch Spuren der jeweils anderen Tradition finden. Wutsdorff zeigte insbesondere auf, welche Rechtfertigungsstrategien sich angesichts des Spannungsverhältnisses zwischen Fakten und deren Bearbeitung zugunsten der Kunstfertigkeit der Texte in den Schriften nachvollziehen lassen.

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Die Organisatorinnen Simone Jung und Hildegard Kernmayer (v.l.)

Organisatorin SIMONE JUNG (Hamburg) eröffnete mit ihrem Vortrag “Das Spiel der Differenzen: Zum Politischen im Feuilleton der Gegenwart” den zweiten Teil der Tagung, dessen Schwerpunkt auf Debatte und Kritik lag. Mit der Beobachtung des großen Theaterdiskurses um die Berliner Volksbühne in den überregionalen Feuilletons vom März 2015 konstatierte Jung, diese Debatte mache Logiken und Mechanismen des feuilletonistischen Diskurses sichtbar. Im Feuilleton würden sich unterschiedliche Denk- und Lebensräume, Identitäten und Sinnhorizonte miteinander vermischen und damit neue Verweiszusammenhänge erschließen, die zwischen bürgerlich-hochkulturellen und “populären Diskursen” vermitteln. Die neue Vielfalt der Kulturen wirke sich dabei nicht nur auf Themen und Sprecher im Feuilleton aus, sondern auch auf die dort geführten kulturellen Kämpfe und Debatten.

THOMAS HECKEN (Siegen) konnte mit seinem Vortrag über “Werturteile im heutigen Feuilleton” direkt an Jung anschließen. Vom Rechtssystem ausgehend führte er aus, in welcher Weise Werturteile explizit gemacht werden. Landesmediengesetze beispielsweise verlangen, dass Publikationen sachlich richtig, sorgfältig und wahrheitsgemäß berichten sowie Kommentare deutlich vom Nachrichtenteil trennen. Hecken bewies jedoch empirisch, wie wenig Platz reinen Meldungen im Feuilleton eingeräumt wird. Er verglich Meldungen der Deutschen Presseagentur (dpa) mit deren Adaption im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und kam zu dem Ergebnis, dass die per Definition neutrale Ursprungsmeldung immer dann, wenn sie von einem Redakteur überarbeitet wurde, mit einem impliziten Gestus der moralischen oder ästhetischen Wertung versehen worden sei.

ANDREAS ZIEMANN (Weimar) betrachtete die “Praxis und Funktion des (Medien-) Intellektuellen“ aus Sicht eines Soziologen und fragte nach dessen Selbstverständnis. Ziemann geht von Pierre Bourdieus Verständnis des “klassischen Intellektuellen” aus, der im Wechselverhältnis zu dem Feld stehe, aus dem heraus er spreche und agiere. Das Feuilleton habe eine Vermittler- wie Multiplikatorfunktion und biete eine Plattform für intellektuelle Interventionen, was den Feuilletonisten selbst jedoch nicht automatisch zum Intellektuellen mache. Notwendig für die Zukunft des Feuilletons sei eine „neue Ästhetik, die sich nicht aus Zielen, sondern aus bestehenden Grenzen des Feuilletons ergeben müsse“, folgerte Ziemann.

Hildegard Kernmayer verlas nun im Namen der erkrankten NADJA GEER (Berlin) deren Vortragstext über Facebook und das Debattenfeuilleton. Geer, die zu Popkultur und -geschichte forscht, widmete sich der rund um das Video „Wrecking Ball“ der Sängerin Miley Cyrus entbrannten Popdiskussion in den sozialen Medien und kam zu dem Schluss, dass Facebook nun in der Reihe der Feuilletonplattformen angekommen sei. Ausgehend von Ijoma Mangolds in der Zeit erschienenem Artikel „Das Ende der Rechthaberei“1bemühte sie den Medienwissenschaftler Marshall McLuhan und setzte dessen Diktum „The Medium is the Message“ in Beziehung zu den “drei A der aktuellen Technik- und Medienphilosophie” – Agency, Algorithmus und Akzeleration. Sie verwies daraus folgernd auf die Problematik von “Pseudozufällen”, die aufgrund von Algorithmen in den (Feuilleton-)Debatten auftreten können, und sah in der Verweigerung, im Netz norm- und formgerecht zu schreiben, Subversionspotenzial.

“Literaturkritik im Feuilleton“ stand im Mittelpunkt von SIBYLLE SCHÖNBORNs (Düsseldorf) Überlegungen zu „Theorie und Praxis einer Gattung“, die sie am Beispiel des Theater-, Kabarett- und Literaturkritikers Max Herrmann-Neiße (1886–1941) entfaltete. Herrmann-Neiße vertrat das Prinzip der “verstehenden Kritik”, das er mit einem Bekenntnis zur “Dichtung der Zärtlichkeit” verband. Dafür setzte er eine Fähigkeit, die Werke anderer zu bewundern, voraus. Ein guter Kritiker müsse, so Hermann-Neiße, zugleich Dichter sein, was ihn letztlich zu einem Sprachrohr für ein jeweiliges Literaturverständnis mache.

CHRISTA BAUMBERGER (Basel) schloss sich mit ihrem Vortrag über Emmy Hennings im Feuilleton der 1920er- und 1930er-Jahre an. Dabei betonte sie, Hennings werde erst seit einigen Jahren nicht nur als Dada-Mitbegründerin, sondern auch als bedeutende (Feuilleton-)Autorin der literarischen Moderne im wissenschaftlichen Diskurs gewürdigt. Im Vortrag standen Hennings Literaturkritiken und Autorenporträts im Vordergrund, deren Ton plaudernd verspielt sei und Genregrenzen überschreite. „Hennings ist keine Literaturkritikerin“, lautete Baumbergers Einschätzung. Ihre Texte würden sich vielmehr gleichsam als Liebkosungen um die Bücher schmiegen und in Empfehlungen an die Leserschaft gipfeln. Gleichwohl sei ein publizistisches Wechselverhältnis zu konstatieren: Hennings sei Beobachterin im Auftrag des Feuilletons und werde als Autorin wiederum vom Feuilleton beobachtet.

BETTINA BRAUN (Zürich) beforscht im Rahmen ihrer Dissertation den Stellenwert der ‚Kleinen Form’ im Literatursystem des Exils sowie den Feuilletonismus nach 1933. Das Feuilleton erfuhr in dieser Epoche eine starke Abwertung, da es angesichts der ‚wichtigeren’ gesellschaftlichen und politischen Umstände seiner Zeit als ‚nebensächlich’ erachtet wurde. Braun zeichnete die zeitgenössische Medienwelt anhand von Textbeispielen von Robert Musil, Franz Hessel und Alfred Polgar nach. Sie sieht die Rezeptionsgeschichte als Schlüssel zum Verständnis der Exilfeuilletons, dessen wesentliche Texte sie durchaus als Kommentare zum Zeitgeschehen bewertet, und versucht damit den Vorwurf, Feuilletons seien ‚nebensächlich‘ und vermittelten keine eigene Aussage, zu widerlegen.

Kritikerstimmen aus der Versenkung zu holen und ihre Rezeptionsgeschichte nachzuzeichnen, funktioniert selbstredend nur, wenn es Archive gibt, in denen man solche findet. Zum Thema “Das Interview – Zur Ehrenrettung seiner feuilletonistischen Form” ergriffen nun MARC REICHWEIN (Innsbruck) und MICHAEL PILZ vom Innsbrucker Zeitungsarchiv das Wort. Das Interview müsse gegenwärtig darunter leiden, als billiges, recherchearmes Mittel der Berichtgestaltung zu gelten. Die beiden Forscher beziehen sich dabei vor allem auf Aussagen des Literaturkritikers Hubert Winkels, demzufolge personenbezogene Textformen in der Presse zunähmen. Ihre quantitative und qualitative Analyse habe jedoch ergeben, dass die unterstellte Zunahme personalisierter Formen auf Kosten von Rezensionen nicht belegbar sei.

Den letzten Beitrag leistete JAN DREES (Münster), der sich mit digitaler Literaturkritik beschäftigte. Drees, selbst Doktorand, Blogger und Journalist, stellte (Literatur-)Blogs als Nischen vor, in denen sich nicht nur der feuilletonistische Stil erhalten habe, sondern auch ein Ort der qualitativ-hochwertigen Literaturkritik. „Blogs kämpfen jedoch mit dem gänzlichen Fehlen eines geeigneten Finanzierungsmodells“, so Drees. Am Beispiel von zehn Literaturblogs sowie den dahinter agierenden BloggerInnen, denen er mittels einer Fragebogenerhebung Informationen und Prognosen zur aktuellen und zukünftigen Finanzierung ihrer Blogs entlocken konnte, präsentierte er mögliche Formen der Finanzierung, etwa Links zu Sponsoren, Werbeanzeigen oder Sponsored Posts.

Im Rahmen der Tagung fand auch eine Podiumsdiskussion im Grazer Kunsthaus statt, bei der die FeuilletonistInnen schließlich selbst zu Wort kamen. LOTHAR MÜLLER (Süddeutsche Zeitung), die Literaturkritikerin SIGRID LÖFFLER, DORIS AKRAP (tageszeitung) und EKKEHARD KNÖRER (Merkur) diskutierten das allgemein prognostizierte Feuilletonsterben sowie den Status Quo und die Anforderungen an ein mögliches bedeutsames Feuilleton der Zukunft. Die Struktur von Zeitungen, strategische Entscheidungen, Meinungshoheit und Selektion würden ein ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis schaffen und wurden daher zunächst als Probleme der heutigen Medienlandschaft identifiziert. Obwohl die Diskussion immer wieder durch die etwas zu strenge Moderation gebremst wurde, kam man schließlich darin überein, dass eine Feuilletonisierung aller journalistischen Bereiche im Bereich Politik, Wirtschaft und Sport erfolgt sei, dass damit einhergehend aber auch eine Politisierung wie Boulevardisierung des Feuilletons stattgefunden habe. Diese Entgrenzung sei nicht nur auf einen Mangel an Qualität unter den gegenwärtigen Bedingungen schwindender ökonomischen Ressourcen zurückzuführen, sondern vornehmlich eine Reaktion auf die sich verändernde Leserschaft.

Auf die Gründung einer „Interdisziplinären Gesellschaft für Feuilletonforschung“ konnten sich die TeilnehmerInnen der Grazer Tagung schließlich am zweiten Abend einigen. Durch die neue Gesellschaft sollen ForscherInnen aus der Soziologie, Germanistik und Medienwissenschaft im Bereich Feuilleton und Kulturjournalismus miteinander vernetzt werden, um das Feuilleton nachhaltig als Forschungsgebiet erschließen zu können.

Konferenzübersicht:

Martin Polaschek (Graz), Begrüßung

Hildegard Kernmayer (Graz), Feuilleton. Zur Poetik des Dazwischen

Walter Schübler (Wien), „Beim Genick packen und hinauswerfen!“ – Anton Kuhs Aversion gegen den, Feuilletonismus’

Irina Wutsdorff (Tübingen), Prager Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur: Jan Neruda und Egon Erwin Kisch

Simone Jung (Hamburg), Das Spiel der Differenzen. Zum Politischen im Feuilleton der Gegenwart

Thomas Hecken (Siegen), Werturteile im heutigen Feuilleton

Andreas Ziemann (Weimar), Praxis und Funktion des Medienintellektuellen

Nadja Geer (Berlin), Humus oder Löschkalk? Facebook und das Debattenfeuilleton

Sybille Schönborn (Düsseldorf), Literaturkritik im Feuilleton. Überlegungen zu Theorie und Praxis einer Gattung am Beispiel der Kritischen, kommentierten Edition der Essays und Kritiken von Max Herrmann-Neiße

Christa Baumberger (Bern), Ein „zarter und zierlicher Ton“: Emmy Hennings im Feuilleton der 1920er und 1930er-Jahre

Gesellschaft für Feuilletonforschung – Vernetzungsaktivitäten

Podiumsdiskussion: Denken zwischen Ästhetik und Ökonomie. Zur Lage des Feuilletons

Es diskutierten:

Doris Akrap (taz. die tageszeitung)

Ekkehard Knörer (Merkur)

Sigrid Löffler (ehem. u.a. profil, Die Zeit, ZDF)

Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung)

Moderation: Colette Schmidt

Bettina Braun (Zürich), Von Nebensachen reden, wo es so viele Hauptsachen gibt. Das Feuilleton in der Literaturkritik des Exils

Marc Reichwein und Michael Pilz (Berlin), Das Interview – Zur Ehrenrettung einer feuilletonistischen Form

Jan Drees (Wuppertal), Klicks statt Kohle: Digitale Literaturkritik zwischen Performanz und Prekariat

Abschlussdiskussion

Feuilletontagung IV: Das Feuilleton im Exil und der Berliner WELT

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Als Highlight der Tagung angekündigt und dem entsprechend auch von der Uni ins Kunsthaus verlegt: die Podiumsdiskussion zum Feuilleton der Gegenwart mit Sigrid Löffler, Ekkehard Knörer, Lothar Müller und Doris Akrap.

Die eingeladenen Feuilletonisten diskutierten auf dem Podium über das „Denken zwischen Ökonomie und Ästhetik“ und stellten sich Fragen wie

  • Was ist Feuilleton oder wie ist die Feuilleton-Kultur von heute zu beschreiben?
  • Bei all den Einsparungen; kann ohne freie Mitarbeiter überhaupt noch ein Feuilleton-Teil gemacht werden?
  • Wohin geht das Feuilleton, wandert es ins Internet ab und welche Nischen sucht es sich dort?

Die Moderation übernahm Colette Schmidt vom österreichischen Standard.  

Gleich zu Beginn positionierte sich Sigrid Löffler: „In Österreich gibt es keine Plattform für Literaturkritik und schon gar keine ernst zu nehmenden Feuilletons“, daher sei sie vor mittlerweile rund 20 Jahren nach Deutschland ausgewandert und habe dies nie bereut.

Interessant war die allgemein geteilte Beobachtung, dass inzwischen eine Feuilletonisierung aller journalistischen Bereiche (zum Beispiel des Politikteils) stattgefunden habe, einhergehend mit einer gleichzeitigen Politisierung des Feuilletons auf der einen und einer Boulevardisierung auf der anderen Seite.

Eine Tendenz, die dem aufmerksamen Leser auffällt. Mehr Mainstream in Bezug auf Auswahl und Besprechung der Bücher und Filme, mehr Informationen über den Kunstmarkt als über Kunst an sich.  

Diagnostiziert wurde eine abnehmende Qualität des Feuilleton und befürchtet: Feuilletonssterben, eine selbstheraufbeschworene und sich daher erfüllende Prophezeihung?

Die Struktur der Zeitung sei entscheidend; Meinungshoheit, strategische Entscheidungen, Selektion – das übliche Problem, öffentliche Meinung und die veränderte Leserschaft sind konstituierende Faktoren für das heutige Feuilleton in deutschsprachigen Zeitungen und seine Positionierung.

So agieren beispielsweise Chefredakteurszeitungen (SZ) anders als Herausgeberzeitungen (F.A.Z.), sie alle unterliegen demselben Druck, auf bestimmte Dinge wie etwa Neuerscheinungen zu reagieren.

Die Wandlung des Feuilletons hat in der Beobachtung von Lothar Müller vor knapp 30 Jahren mit dem so genannten Historikerstreit begonnen. Seitdem habe sich das Feuilleton formal und ästhetisch verändert. Diskursiv sei es nach wie vor, daher auch kritisch. Kritische Diskurse müssten in der Öffentlichkeit diskutiert werden, sagt Knörer, um eine „Selbstaufklärung des Geschmacksurteils im Kollektiven“ (nach Habermas` „Strukturwandel der Öffentlichkeit“) zu erreichen. Sigrid Löffler relativierte: „Durch die Beschleunigung, passiert diese Diskussion jedoch nicht mehr“. Vor allem für die Literaturkritik fehle im Feuilleton schlicht die Zeit für angeregte Debatten, weshalb sie auch immer mehr an Bedeutung verliere. „Ein Buch ist schließlich keine Premiere“, sagt Löffler. Damit spielt sie auf den Aktualitätsdruck an. Zeitungen müssten Kritiken zum Erscheinungszeitpunkt eines Buches bringen. Selbiges gilt für neue Filme und dergleichen. Anders sei dies bei Blogs: Literaturblogs dürften verspätet reagieren, hier fänden auch Diskussionen statt. Außerdem werde Zeitdiagnostik beispielsweise anhand der Buchkritiken von Dave Eggers “The Circle”, etwa wie im die „Zeit“-Artikel von Ijoma Mangold versucht, und daraus lediglich Symptome einer Kultur abgeleitet, ohne deren literarische Ästhetik mitzudenken. Die Leistung des Feuilletons muss sein, beides, Zeitdiagnostik und ästhetische Maxime der Kunst und Kultur zu diskutieren.

Dass solche Ökonomisierungen und auch der Abbau von Kulturkorrespondenten in Feuilletonredaktionen deren Qualität mindern, dürfe laut Lothar Müller nicht verwundern, schließlich könne mit derartigen Verknappungen keine weltweite Informierung mehr gewährleistet werden.

Vielmehr gehe das Feuilleton dazu über grundsätzliche Debatten anzuregen, hin zur Klärung der Frage: “In welcher Gesellschaft leben wir denn heute?”

Navid Kermani, der heuer deshalb den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekam, wurde hier als Paradebeispiel genannt.

Knörer springt in die Bresche des Rezensionsfeuilletons. Er verteidigt: “Die Themen waren immer dieselben, das Niveau war ein anderes.” Daraufhin entbrannte die Diskussion über das bildungsbürgerliche Publikum, an das sich das Feuilleton der großen deutschen Zeitungen richte, und dessen Existenz in Jahr 2015. Löffler beschreibt das aktuelle Leserbild als das von “ungeduldigen, oberflächlichen Durchblätterern”.

Nischen finde das Feuilleton nach Meinung von Akrap nicht nur im Netz, sondern auch in Fernsehformaten wie der “heute-show” des ZDF. Dort findet Gesellschaftskritik in offen satirischer Weise statt, Akrap erkennt darin aber durchaus auch feuilletonistische Züge.  

Auf die Frage aus dem Publikum von Organisatorin Hildegard Kernmayer, wohin die feuilletonistische Feuilletonschreibe wie sie um 1900 praktiziert wurde, verschwunden sei, antworteten die Redner fast unisono: In die Kolumnen. Und einzig das “Streiflicht” der Süddeutschen erfüllt noch am ehesten den Anspruch der scheinbaren Leichtigkeit und ausgeklügelten stilistischen Bauweise der Kleinen Form – ganz nach der ursprünglichen Intention seines Erfinders Franz Josef Schöningh, “eine Art Leuchtturm im Sturmgebraus der täglichen Hiobsbotschaften” zu bieten.

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Organisatorinnen Simone Jung und Hildegard Kernmayer

Mit drei weiteren Beiträgen ging es am Samstag, wieder pünktlich um 9 Uhr morgens, weiter mit dem Feuilleton. Diesmal mit dem zweiten schweizerischen Vortrag “Von Nebensachen reden, wo es so viele Hauptsachen gibt. Das Feuilleton in der Literaturkritik des Exils” der Schweizer Literaturwissenschaftlerin Bettina Braun. Sie ist Doktorandin des Deutschen Seminars an der Universität Zürich und beforscht im Rahmen ihrer Dissertation den Stellenwert der Kleinen Form im Literatursystem des Exils sowie den Feuilletonismus nach 1933.

Ihre erste These postuliert eine Abwertung der Feuilletontexte exilierter Autoren der 1930er-Jahre. Dies hängt vor allem mit der die Schwierigkeit zusammen, aus dem Exil Feuilletonsammlungen in Buchform zu herauszugeben und die damit verbundene Missachtung der Texte seitens der Literaturkritik. Der Medienwechsel von der Zeitung ins Buch sei damals Voraussetzung für eine literaturkritische Diskussion gewesen. Außerdem werde das Spielerische und seine stilistische Leichtigkeit dem Feuilleton oft zum Vorwurf gemacht. In Zeiten großer Ungewissheit und gesellschaftlicher wie politischer Turbulenzen, Texte über Nebensächlichkeiten, von Dichtern, die in tiefer Abgeschiedenheit leben, nicht zu beachten, war ein trügerischer Schluss der Exilpresse.

Braun zeichnet die zeitgenössische Medienwelt hinter den Texten nach. Die Rezeption ist ihre Schnittstelle zwischen Literatur und Journalismus, an der das Feuilleton angesiedelt ist. Exemplarisch und textnah tut sie das anhand der Rezeption der Feuilletons von Robert Musil, Alfred Polgar und Franz Hessel und beweist, dass sich die Form nicht wie vorgeworfen “verselbständigt” hat und ohne eigene Aussage auskommt. Hessel, der auch als Übersetzer von Marcel Proust Bekanntheit erlangte, veröffentlichte seine gesammelten Werke in fünf Bänden erst 1999. Er emigrierte 1938 zum zweiten Mal nach Paris. Musil wanderte bekanntlich in die Schweiz aus, Polgar nach Prag und Berlin.

Ernst Ottwalt, betont als einer der Wenigen: “Polgars Werk sinkt vor Leichtigkeit in die Tiefe”. Er verdrehe die Tatsachen nicht, sondern präsentiert sie so polemisch zugespitzt, dass sie sie noch unterstreichen würden, lobt Hans Sahl im Vorwort zum “Sekundenzeiger(auf GoogleBooks verlinken ist ok?). Polgars “Handbuch eines Kritikers” wurde als eines der wenigen Werke positiv aufgenommen und diskutiert.

In der Diskussion im Anschluss an den Vortrag wurde Musils “Nachlass zu Lebzeiten”, hier im Gutenberg-Spiegel als Volltext nachzulesen, als Beispiel für Sprachspiel, anachronistische Darstellung und die grundsätzliche Problematik von Feuilletonsammlungen, die unter dem Ettikett “Für den Tag geschrieben” geführt werden, besprochen.

 

Kritikerstimmen aus der Versenkung holen und damit eine Rezeptionsgeschichte nachzeichnen funktioniert nur, wenn es Archive gibt, in denen man solche findet. Deshalb fokussierte der vorletzte Beitrag der Tagung eine quantitative Auswertung des Innsbrucker Zeitungsarchivs und qualitative Aspekte der journalistischen Form des Interviews. Unter dem Titel: “Das Interview – Zur Ehrenrettung seiner feuilletonistischen Form” referierten Marc Reichwein von der Welt und Michael Pilz vom Innsbrucker Zeitungsarchiv.

Das Interview – beliebtestes Mittel der Berichtgestaltung, billige Art schnell und viel schreiben zu können, affirmatives Infotainment ohne große Recherche. Oder?

Das ist es doch was man gemeinhin am Image des Interviews kratzt. Die Selbstdarstellung von Autoren, die unkritisch-hinterfragende Haltung der Journalisten.

Pilz und Reichwein sind der Aussage Hubert Winkels, Juror beim Bachmann-Preis und Kulturchef beim Deutschlandfunk, nachgegangen: “Personenbezogene Textsorten nehmen immer mehr Raum ein.” Schon Haacke hat 1952 eine “Interviewseuche” diagnostiziert. Eine Umfrage Thierry Chervels vom perlentaucher wirft die “Halbierungsthese” in den Raum: die Zahl der Kritiken von 2001 bis heute sei nicht nur zurückgegangen, sondern habe sich sogar halbiert.

Die beiden gingen diesem Imageproblem nach, umrissen kurz die Traditionslinie, aus der heraus das Interview entstand und gaben einen Überblick zur aktuellen Forschung. Nach quantitativer und qualitativer Analyse kamen sie zum überraschenden Schluss: Diese Tendenz ist nicht belegbar.

Reichwein und Pilz verglichen anhand der Daten aus dem Innsbrucker das Verhältnis von Interviews und personalisierten Formen – Es könne Zunahme von Interviews und vor allem keine Verdrängung auf Kosten von Rezensionen festgestellt werden.  

Einzig in der “Zeit” habe man eine Anstieg von Interviewformen bemerkt, dies hänge vermutlich mit der Erscheinungsform des Wochenmediums zusammen und sei ein zu erforschendes Desiderat.

Mit André Müller, Tom Kummer und Moritz von Uslar brachten sie zum Abschluss noch drei amüsante Beispiele aus der Interviewpraxis, die auch dem Feuilletonismus der Gegenwart zugeschrieben werden.

Feuilletontagung III: Medienintellektuelle und das Facebook-Feuilleton

Es wird einen internationalen Verein für Feuilletonforschung geben. Darauf einigten sich die Teilnehmer der Grazer Tagung am Freitagabend vor der Podiumsdiskussion mit Doris Akrap (taz), Sigrid Löffler (ehem. ZDF), Ekkehard Knörer (Merkur) und Lothar Müller (SZ). Mit dem neuen Verein wird ForscherInnen aus der Soziologie, Germanistik und Medienwissenschaft vernetzen, möglicherweise ein Archiv errichten, Texte sammeln, Tagungen organisieren. Das ist ein schöner Ausblick. Das Beitragsbild von Miriam Leitold zeigt den Vortrag des Professors für Mediensoziologie Andreas Ziemann. Dieser Text wurde gemeinsam verfasst von Jan Drees und mir.

552323_509019125783793_20461169_nSimone Jung aus Hamburg (Facebook-Profilfoto), eine der Organisatorinnen der Tagung, eröffnete am Freitag um 9 Uhr morgens mit ihrem Vortrag über “Das Spiel der Differenzen: Zum Politischen im Feuilleton der Gegenwart.” Als Promovierende der Uni Hamburg und zugleich Journalistin (u.a. De:Bug, F.A.S., taz) ist Jung prädestiniert für die Verbindung von Wissenschaft und feuilletonistischem Sprechen. Ihre Argumentation startete mit der Beobachtung des großen Theaterdiskurses um den belgischen Kurator und Museumsdirektor Chris Dercon, der am 26. März diesen Jahres als neuer Intendant der Berliner Volksbühne im Feuilleton vorgestellt wurde. Damals stand ad hoc der von Vorgänger Frank Castorp eingebrachte Vorwurf des “Eventschuppens” im Raum – ein Vorwurf, der anschließend in den feuilletonistischen Büchern etlicher Zeitungen diskutiert wurde.

Jung konstatiert: “Die Debatte um den Intendantenwechsel an der Volksbühne in Berlin macht exemplarisch viele Logiken und Mechanismen des feuilletonistischen Diskurses sichtbar. (…) Im Feuilleton prallen Kulturen aufeinander, die nicht nur heterogen, sondern auch höchst widersprüchlich sind. Der Streit ist nicht nur ein Streit um eine womöglich neue Theaterkultur, er offenbart vielmehr eine Kultur, die nicht mehr eine homogene in sich geschlossene Kultur ist, sondern eine plural heterogene Kultur, die im Feuilleton Verhandlung findet. Im Feuilleton vermischen sich also unterschiedliche Denk- und Lebensräume, Identitäten und Sinnhorizonte.”

Die Fernsehserie “Lost” und Günter Grass finden im Feuilleton gleichermaßen ihren Platz. Damit erschließen sich neue Verweisungszusammenhänge, die sich zwischen bürgerlich hochkulturellen und “den neuen populären Diskursen” bewegen. Mit einem historischen Rückblick auf die medientechnischen und diskursästhethischen Praktiken des 19. Jahrhunderts (Schnellpresse, Popularisierung, die bürgerliche Kulturauffassung als klare Abgrenzung zur feudalen Lebenswelt) belegt Jung, dass Feuilletons von Beginn an hybrid angelegt waren.

Das von Anfang an heterogen argumentierende Feuilleton “mit seinen spezifischen Diskurselementen, Praktiken und Wahrnehmungsstrukturen produziert (…) nicht nur eine Vielfalt an Verhandlungsformen, von der Kolumne, zur Glosse, von der Rezension zum Essay, vom Gedicht zur Illustration, sondern auch eine Vielzahl von Kulturen, die sich seit dem 20. Jahrhundert zwischen der Hochkultur und der Massenkultur formen. (…) Als Zwischenraum der Verhandlung von alten und neuen Kulturen, kann es Verschiebungen einleiten, mithin neues entstehen lassen.”

5k_jpeg_DSC_6559Thomas Hecken, Professor an der Universität Siegenintellektueller Sidekick des gestrigen Tages und Herausgeber von “Pop: Kultur & Kritik” (Bild links) konnte direkt an Simone Jung anschließen mit seinen Vortrag über “Werturteile im heutigen Feuilleton”. Das ist natürlich ein Herzensthema, weil der Diskursunkundige in diesen Tagen des uneigentlichen Sprechens nach Lektüre der meistens Rezensionen fragen kann: Worum geht es in dem Roman, dem Theaterstück oder Film? Ist das rezensierte Werk gut, schlecht, Mittelmaß? Das gegenwärtige Feuilleton windet sich. Hecken führte aus, in welcher Weise dennoch Werturteile explizit gemacht werden, obwohl sich äußerst selten die Deutlichkeit eines Marcel Reich-Ranicki zeigen lässt.

Seine Ausführungen leitete Hecken aus dem Rechtssystem ab. So verlangen die Landesmediengesetze, dass Publikationen sachlich richtig, sorgfältig, wahrheitsgemäß berichten und Kommentare deutlich vom Nachrichtenteil trennen. Dies soll beispielsweise dazu beitragen “die Achtung vor dem Lebenden zu stärken”. – Hecken stellte fest, dass Meldungen im Feuilleton keinen oder kaum Platz finden. Er griff exemplarische Meldungen von der dpa heraus und analysierte deren Adaption im Feuilleton der FAZ. Die per Definition neutrale Meldung sei immer dann, wenn sie von einem Redakteur überarbeitet wurde mit einem impliziten Gestus der Wertung präsentiert. Interessant war, dass Heckens Studierende, denen er verschiedene Feuilletons vorgelegt hatte, in der Mehrzahl Schwierigkeit hatten, die darin artikukierten Werten einzuschätzen.

Andreas Ziemann, der vermutlich diskursfreudigste Teilnehmer der Tagung, beobachtete in seinem Vortrag “Praxis und Funktion des (Medien-) Intellektuellen“ und fragte, nach  dem Selbstverständnis von Intellektuellen, Schreibenden, angestellten und freien Autoren. Ziemann, leidenschaftlicher Systemtheoretiker, ging hier jedoch vom Bourdieu’schen Verständnis des “klassischen Intellektuellen” aus, das diesen als bidimensionales Wesen charakterisiert: “Zum einen muß er (der Intellektuelle) einer autonomen, von religiösen, politischen und ökonomischen Mächten unabhängigen Welt (einem Feld) (…) angehören und deren besondere Gesetze respektieren”, zum anderen diese im Feld gesammelte Kompetenz, außerhalb des Feldes einbringen. Deutlich wird hier also die notwendige Trennung von Profession und Intellektuellen-Dasein. – “Intellektuelle sind nicht per se Männer und Frauen des Geistes und des Wortes”, hält Ziemann fest, “wenn sie sich nur durch die Medien Intellektuellen-Status erarbeitet haben, sind sie ohne Medien nichts.”

Beispiele für das Feuilleton als “zwischen ästhetischer Kritik und ästhetischem Spielraum” infrage gestellten Möglichkeitsraum und dessen selbst eingeleiteten Abgesang findet er in Paul Hühnerfelds “Stirbt das Feuilleton aus?” oder Hellmuth Karaseks “Unterm Strich. Feuilletonistisches zum Groß-Feuilleton”. Das Feuilleton sei Vermittler, Multiplikator und Plattform für intellektuelle Interventionen; der Feuilletonist selbst jedoch nicht automatisch ein Intellektueller. Intellektueller ist man nur situativ, oder mit Ulrich Oevermann (1996): “Man kann Intellektueller nicht permanent sein, als dauerhaften Beruf ausüben oder gar als Beruf erlernen. Vielmehr wird man situativ zum Intellektuellen”.

Das Potenzial, dass das Feuilleton aus seiner derzeitigen “”Misere” schöpfen könne, vergleicht Ziemann mit dem Stand der Soziologie in den 1950ern. Er orientiert sich an Helmut Schelskys Konzept der Wirklichkeitskontrolle (1959), demnach “nicht die Ziele, sondern die Grenzen des sozialen Handelns der legitime Gegenstand der gegenwärtigen Soziologie” seien. Eben gleiches gelte für eine “neue Ästhetik des Feuilletons”.

Organisatorin Hildegard Kernmayer verlas im Namen der erkrankten Nadja Geer über “Humus oder Löschkalk? Facebook und das Debattenfeuilleton.” Geer, freie Autorin und Professorin für angewandte Angewandte Literaturwissenschaft in Konstanz und Berlin, forscht zur Popkultur und -geschichte. Die Bilder sind bekannt: Miley Cyrus, nackt auf einer Abrissbirne hin- und herschwingend. Auf der daraufhin entbrannten Pop-Diskussion gründet Geers Ihre Beobachtung, dass Facebook nun als Feuilleton-Plattform angekommen sei (Social-Only-Journalismus). Findet das Feuilleton in den sozialen Medien seinen Platz? Alles Weitere kann man in Ijoma Mangolds Zeit-Text “Das Ende der Rechthaberei” nachlesen. Geer bemüht Marshall McLuhans “The Medium is the Message” und setzt dieses Diktum in Beziehung zu den “drei A der aktuellen Technik- und Medienphilosophie” – der Agency, dem Algorithmus und der Akzeleration. Sie weist z.B. auf die Problematik von “Pseudo-Zufällen” durch Algorithmen auf (Feuilleton-)Debatten hin.

Lothar Müller merkt später an, weniger stellte sich die Frage nach der Art und Weise, wie sich Debatten in sozialen Medien abspielen als vielmehr die Frage nach den Akteuren. tatsächlich sei es so: Als Nutzer glaube man lediglich, mit den eigenen Post teilte man sich “einer Öffentlichkeit” mit; tatsächlich schafft man lediglich seine eigene Filterblase, eine spezifische Teilkultur (community) und lässt andere Bereiche außen vor. Simone Jung konkretisierte: Im Feuilleton sei der Raum auf allgemeine Weise geöffnet. Dort kämen mehrere Sub-Kulturen zusammen, während sich auf Facebook homogen strukturierte  Gruppen austauschten.

a7223f69b1“Literaturkritik im Feuilleton: Überlegungen zu Theorie und Praxis einer Gattung am Beispiel der kritischen, kommentierten Edition der Essays und Kritiken von Max Herrmann-Neiße” beobachtet Sibylle Schönborn, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität DüsseldorfMax Herrmann-Neiße schrieb als Theater-, Kabarett- und Literaturkritiker und vertrat das Prinzip der “verstehenden Kritik” und verband sie mit einem Bekenntnis zur “Dichtung der Zärtlichkeit”. Dafür setzte er nicht nur Bewunderungsfähigkeit für die Werke anderer voraus. Für Herrmann-Neiße war ein guter Kritiker auch ein Dichter. Jene Autoren, die er mit dem Merkmal des Dichters auszeichnete, waren auch Sprachrohr für ein jeweiliges Literaturverständnis fungieren.

Idealjournalisten waren für ihn Alfred Polgar, Kurt Tucholsky, Hans Siemsen und Alfred Kerr. Später zählte er noch Peter Altenberg und Robert Walser hinzu. Diese seien verantwortungsbewusste “Dinge durchschauende” Köpfe, die von unabhängiger Position den Befund zu notieren wagten, die gleichzeitig Dichter waren, die Situationen leibhaftig sehen konnten. Editorisch spannend ist, wann und wo er welchen Autor wahrnahm, stets mit seinen Feuilletons an einem Abbild der sich gegenwärtig vollziehenden Literaturgeschichte arbeitend. Seine gesammelten, zu Lebzeiten herausgebrachten Kritiken waren zugleich kanonisch und der Kanon selbst in Herrmann-Neißes Verständnis eine vierte, der  Epik, Dramatik und Lyrik hinzugestellte Gattung.

Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Christa Baumberger, unter anderem Herausgeberin von Emmy Hennings Prosawerk und Kuratorin der Ausstellung “Dada Original” in der Schweizerischen Nationalbibliothek (5.3.-28.5.2016) beschloss den Freitag mit ihrem Vortrag “Ein ‘zarter und zierlicher Ton’: Emmy Hennings im Feuilleton der 1920er und 1930er Jahre”. Bekannt ist Hennings vor allem als weibliches Mitglied der Zürcher Dada-Bewegung, als Frau und Nachlassverwalterin Hugo Balls oder als Muse der expressionistischen Dichtergeneration. Erst seit einigen Jahren wird sie auch als bedeutende Autorin der literarischen Moderne gewürdigt. Als äußerst produktive Feuielletonistin verfasste sie ab Beginn der 1920er Jahre zahlreiche Literaturkritiken, Reiseschilderungen und Betrachtungen zeitbezogener Themen. Für ihre Arbeiten im Feuilleton eignete sie sich einen “zarten und zierlichen Ton” an, der manchmal nur “mühevoll errungen” war (Brief an Maria Hildebrandt, 18.1.1932). – Im Vortrag selbst standen Henning Literaturkritiken und Autorenportraits im Vordergrund.

61rtldCnnMLBemerkenswert war die aktuelle Herangewesenweise an Hennings. Baumberger eröffnete mit Roman Buchelis 2008 formuliertem Fazit, dass „die Krise des Feuilletons (…) eine Krise der Kritik“ sei. “Von Zeitfragen über politische Themen wie Terrorismus, Kriege und Konflikte zu Wissenschaftsdebatten, hin zu Freizeit, Sport und – last but not least – Kultur: Alles kann im Feuilleton abgehandelt werden. An den Rand gedrängt wurde von dieser Entwicklung das eigentliche Kerngeschäft, die Kunstkritik: von der Musikkritik bis zur Literaturkritik. Als mit dem Debattenfeuilleton der Kulturteil der Zeitungen neu erfunden werden sollte, drohte das kritische Metier vollends ins Abseits (wenn nicht gar in den Ruch der Langeweile) zu geraten.

Rezensionsfeuilleton heisst fortan mit einem leicht abschätzig gemeinten Begriff das trockene Brot der Kunstkritik. Die Selbstprofilierung des Feuilletons vollzieht sich nun vornehmlich über kulturfremde Themen oder künstlich erzeugte Erregungen.” Doch 2013 kommt Bucheli auf seine Argumentation zurück und sieht in der Digitalisierung “eine Chance für die Neudefinition und Vertiefung der Literaturkritik”, da hier eine kritische Öffentlichkeit hergestellt werde.

Baumberger: “Blenden wir von da um hundert Jahre zurück, zum Feuilleton in der Weimarer Republik. 1920 bis 1930 entfaltet die Presse eine mediale Vielfalt von bislang ungekannten Dimensionen. 1928 erscheinen allein in der Metropole Berlin rund 100 Tageszeitungen, darunter 10 in fremden Sprachen, ca 100 Unterhaltungs- und ca 100 Fachzeitschriften, davon 20 fremdsprachige.” Literaturzeitschriften gab es an jeder Ecke und die Kritik werte jede Publikation auf. “Die Grenzen zwischen eigentlichen Kritiken und anderen Feuilletontexten sind fliessend; Autorenporträts, Erinnerungstexte an Autoren und öffentliche Briefe von Dichter an Dichterkollegen sind gang und gäbe.” Der Ton dieser Texte ist zumeist plaudernd, ein neuer Stil wird durchgesetzt, der auf besondere Weise von Emmy Hennings kultiviert wird. Sie ist Beobachterin fürs Feuilleton und als Autorin wird sie wiederum vom Feuilleton beobachtet. Wenn Dichter über Dichter schreiben, entsteht eine besondere Form, wie in Hennings Bericht über Johanns R. Bechers Verhaftung, erschienen am 6. Januar 1926 im Berliner Tageblatt. Hennings, die selbst einst inhaftiert war, die sich immer wieder literarisch mit dem Gefängnis auseinandersetzte, schrieb subjektiv, ihre eigene Kritikerposition relativierend und poetisierend – wie man es auch von Else Lasker-Schüler kennt:

„Der Dichter Becher ist verhaftet, vermutlich aus politischen Gründen. Ach, du mein Gott, ich kenne Becher so gut; seit Jahren, und er weiss von Politik so wenig, wie das Kätzchen. Er ruft nur: Immer Drauf! Und Dran! und hin und her! und dann dichtet er schön. […] Wie kann so ein Mensch gefährlich sein? Aber ich trau mich nichts gegen die Verhaftung zu tun. Denn, wenn ich sage, er hat hübsche Glühwürmer im Kopf, ein paar Raketen, meinetwegen Sterne, dann besorge ich, dass er selbst gekränkt ist.“ Berührt das? Definitiv. Es macht zugleich neugierig auf diese wundersam herzergießende, frei denkende Dichterin. Baumberger im Fazit: “Hennings ist keine Literaturkritikerin, ihre Stärke ist nicht die kritisch-intellektuelle Durchdringung eines fremden Stoffes und das Fällen eines Urteils. Bezeichnenderweise haben wir bislang keinen einzigen Verriss von Hennings gefunden. Ihre Texte schmiegen sich gleichsam als Liebkosungen um die Bücher – das Resultat sind Empfehlungen an die Leserschaft.”

Ausgewählte Literatur: “Pop: Kultur & Kritik #7”, transcript, 180 Seiten, 16,90 Euro / Andreas Ziemann: “Soziologie der Medien”, transcript, 160 Seiten, 12,50 Euro / Nadja Geer: “Sophistication. Zwischen Denkstil und Pose”, V&R Unipress, 268 Seiten, 44,99 Euro / Schönborn, Sibylle (Hrsg.): “Exzentrische Moderne: Max Herrmann-Neiße (1886-1941)”, 284 Seiten, 72,80 Euro / Nicola BehrmannChrista Baumberger (Hgg.): “Emmy Hennings Dada”, Scheidegger und Spiess, 240 Seiten, 48 Euro

Feuilletontagung I: Prager Grenzgänger und zur Poetik des Dazwischen

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Bis Samstag findet die Tagung „Feuilleton – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur“ an der Karl-Franzens-Uni Graz statt, organisiert von Frau Professor Hildegard Kernmayer und Simone Jung. Es geht um das Politische im Feuilleton der Gegenwart, um Werturteile im heutigen Feuilleton usw. usf. – ich spreche am Samstag zum Abschluss der Tagung über „Klicks statt Kohle: Digitale Literaturkritik zwischen Performanz und Prekariat“ (wird hier im Blog dokumentiert.) Dieser Text entstand bei Aperol Spritz und Welschriesling zusammen mit dem deutschen Literaturblogger, Autor und Journalisten Jan Drees (Bild unten) in der Lobby des Hotel Daniel. Google.Docs macht es möglich. Als intellektueller Sidekick und Schlußredakteur hat sich Professor Thomas Hecken von “Pop. Kultur & Kritikspätabends zur Verfügung gestellt.

Mit dem Hinweis von Frau Prof. Hildegard Kernmayer beim Eröffnungsvortrag am heutigen Donnerstag, dass Pariser Feuilletons Anfang des 19. Jahrhundert benutzt wurden, um die sie umgebende Anzeigenwerbung “kulinarisch” aufzuwerten, war gleich ein Bogen gespannt zur Jetztzeit. “Die Verlage werden sich perspektivisch etwas einfallen lassen müssen, wollen Sie Ihre Buchanzeigen nicht zwischen Börsenmeldungen und Kleinanzeigen wiederfinden”, schrieb Thomas Hummitzsch von intellectures vor wenigen Tagen auf Nachfrage. “Denn der Platz für Kulturberichterstattung nimmt perspektivisch ab – ganz aktuell: man beachte bspw. die Strategie des unter Druck geratenen Tagesspiegels, der Trends aufgreifen und zukunftsträchtige Bereiche stärken will (Kultur gehört nicht dazu) – und damit auch der Platz, Anzeigen in passender Umgebung zu schalten. Da wäre doch Bewegung möglich, gut gemachte Kulturseiten könnten hier eine neue Umgebung online bieten.”

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Zu den Anfängen: Kernmayer benennt in ihrem Eröffnungsvortrag die Charakteristika des Feuilletons des 19. Jahrhunderts aus literaturwissenschaftlicher Perspektive. Allen voran stehen da Subjektivität, Poetizität, Bewegung und die sich daraus ergebende Gattung des Feuilletons – oder ‘Feuilletonismus’ als Kunstform.

Sie macht damit einen Vorschlag für eine Feuilleton-Poetik des Dazwischen – Flaneure, Bohemian und traumwandlerische Spaziergänger aus dem klassischen Wiener oder Berliner Feuilleton sind damit hauptsächlich gemeint – so verweist sie auf David Wagners “Welche Farbe hat Berlin”.

Ein tolles Buch. Wenn es ums Cover geht, müsste man auf David Wagners Titel antworten: „Rot!“ Und politisch stimmt das auch. Die Berlin-Heimat, die David Wagner, der feuilletonistische Flaneur, durchwandert, ist allerdings bunter. Er zeigt, wo früher der Adolf-Hitler-Platz stand. Es gibt einen Parcour von der „Flittchenbar im Golden Gate“ bis zum „Küchenstudio Tristesse“ und danach weiter ins Berghain, Techno feiern. Überall ploppen 3-D-Schilder auf, der Art: „Schau mal – so sah das vor hundert Jahren aus“, oder auch: „So wohnen die Leute in diesem Haus. Wollen wir mal reinsehen? Im Augenblick wird viel über „Augmented Reality“, also der computergestützten, erweiterten Realität gesprochen, die es einem ermöglicht, mit Smartphone durch die Stadt zu gehen, die Kamera auf irgendein Gemäuer zu halten und dann belehrt das Telefon: „Wir stehen vorm Brandenburger Tor. Das wurde erbaut im Jahr 1791 und so weiter.“ Genauso funktioniert das Buch von David Wagner. „Augmented Reality“ auf Papier eben. Aber wenn es mal hinfallen sollte, kann kein Display zerbrechen.

Ohne TitelDie dem Feuilleton oft vorgeworfene Leichtigkeit und Oberflächenbetrachtung spiegelt sich in solchen Texten zwar wider, war aber schon bei Autoren wie Daniel Spitzer, Ludwig Speidel, Ferdinand Kürnberger oder Alfred Polgar zu finden. Sie ist demnach kein neues Phänomen.

Das Selbstverständnis der Feuilletonisten an exponierter Stelle, nämlich “unter dem Strich”, das ober dem Strich Geschriebene zu kommentieren und vor allem zu kritisieren, gibt dem künstlerischen Produkt Tiefe. Die ersten Feuilletons waren nicht, wie heute, ein eigenes Buch, sondern wurden durch einen feinen Strich vom politischen Teil der Zeitung abgegrenzt, liefen dort im unteren Drittel der Seiten.

In der Gattungs-Trias bleibt das Feuilleton wegen seiner schwer fassbaren Eigenheit außen vor. Prosa, Lyrik, Drama werden “feuilletonistisch überformt” (Kernmayer). Auch die stilistische wie thematische Vielfalt macht eine ästhetische Definition des Feuilletons so schwierig. Die Nähe zur Publizistik und der fehlende Anspruch des Feuilletons, sich als Literatur zu behaupten, ist einerseits der Erscheinungsform in periodischen Medien geschuldet und andererseits der Abhängigkeit von der Bezahlung, darin begründet sich allerdings auch das hohe Maß an Subjektivität und Selbstreflexion der Autoren. Glauben wir das?

Eine Tagung kümmert also in einem der ältesten Gebäude Graz’ (umfassend historisch erklärt von Gemeinderat Dr. Peter Piffl-Perčević im Grußwort – freilich im lodengrünen Janker gehalten) verschiedene Aspekte der bislang hoffnunglos unterforschten Feuilletonwissenschaft. Es gibt einige Bände, wie „Feuilleton für alle“ von Gernot Steger, 1998 bei deGruyter erschienen, aus dem gleichen Jahr „Judentum im Wiener Feuilleton“ von Hildegard Kernmayer. Konrad Lischka, ehemaliger Chefredakteur des Magazins Bücher und Redakteur bei Spiegel.de, hat 2013 digital die Studie „Zurück zur Zukunft? Eine inhaltsanalytische Betrachtung der Feuilletonteile von FAZ und SZ im Zeitraum von 1999 bis 2002“ veröffentlicht. Herauszuheben sind Erhard Schütz: „Echt falsche Pracht. Kleine Schriften zur Literatur“ (Verbrecher Verlag 2011) und von Thomas Steinfeld “Was vom Tage bleibt: Das Feuilleton und die Zukunft der kritischen Öffentlichkeit in Deutschland”.

Es gibt ein paar verstreute Aufsätze und diesen lückenhaften Wikipedia-Artikel. Daher ist diese Tagung, die Anfang sein soll für eine noch zu gründende „Gesellschaft für Feuilletonforschung“, als Versuch für die Neubelebung der Disziplin zu verstehen.

Dem entsprechend heterogen (allem Anfang wohnt ein Zauber inne) sind Themen und Vortragende sortiert. Morgen spricht Simone Jung über „Das Spiel der Differenzen. Zum Politischen Feuilleton der Gegenwart“. Abends diskutieren Doris Akrap (taz), Ekkehard Knörer (Merkur), Sigrid Löffler (ehem. „Literarisches Quartett“) und Lothar Müller (SZ) über das „Denken zwischen Ästhetik und Ökonomie. Zur Lage des Feuilletons.“ Bettina Braun von der Universität Zürich präsentiert Samstag ihren Vortrag „Von Nebensachen reden, wo es viele Hauptsachen gibt. Das Feuilleton in der Literaturkritik des Exils“. Heute ging es mit Walter Schübler aus Wien um „Anton Kuhs Aversion gegen den ‚Feuilletonismus‘“ und mit Irina Wutsdorff aus Tübingen um „Prager Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur: Jan Neruda und Egon Erwin Kisch“.

Anton Kuh 1926 gezeichnet von Emil OrlikAnton Kuh (Bild) wird kaum jemand kennen. Kuh wurde 1890in Wien geboren und starb 1941 in New York. Wikipedia hilft weiter. „Unter seinem eigenen Namen und unter dem Pseudonym Yorick veröffentlichte Anton Kuh u. a. Satiren und zahlreiche kurze Prosastücke, in denen er sich im Sinne vonPazifismus und Demokratie kritisch, witzig und hellsichtig mit seiner Zeit auseinandersetzte. Kuh würdigte früh die überragende Bedeutung Franz Kafkas und sprach sich bereits in den 1920er Jahren prophetisch warnend gegen den aufkommenden rechten Zeitgeist aus. Bekannt war Kuh als Vortragskünstler. Tucholsky nannte ihn einen „Sprechsteller“, was angesichts eines doch recht umfangreichen publizierten Œuvres nicht ganz zutreffend erscheint.“

Walter Schübler diskutiert in seinem Vortrag „Beim Genick packen“, Anton Kuhs Aversion gegen den „Feuilletonismus“ als Weltanschauung. Die 1918 von Kuh niedergeschriebene Forderung an ein neues Feuilleton der Gegenwart liest sich wie ein aktueller Text von Rainald Goetz. Kuh will „die Generation, die sich schreibend an der Verherrlichung des großen Schlachten beteiligt hat, die Plakatträger und Apologeten der Alten Zeit, mit lebenslanger Quarantäne belegen“ (Schübler im Vortrag). Kuh: „Sie sind feudal, nobel, träumerisch und aus Brünn. Ihre philosophische Haltung ist etwa folgende: Eine Zeitung muß als Weltprodukt die Welt bejahen, damit sich der Abonnent in ihr beruhigt, wohlig, sicher fühlt und an sie glaubt. Ergo ist sie für Fortschritt, Entwicklung, Technik, mehr Licht und weniger Denken.“ Das propagiert Kuh in der bereits zu Weltkriegszeiten gegründeten Zeitschrift „Der Friede“ und Alfred Polgar, verantwortlich für den literarischen Teil, nennt direkt alle „Nichtmitarbeiter“, als da sind: die „sogenannten Jungwiener“, die „Librettisten“, die „Feuilletonisten“. Zuallererst müsse eine gute Zeitschrift nämlich eine „Zeit-Schrift“ sein, „eine Art Uhr, die die politische, soziale, literarische Stunde schlägt“; eine Zeitschrift auch die auf die „wienerische Note“ werde verzichten müssen.

Kuhs Feuilletons stellen sich mit Verve gegen die Radetzkymarsch-Trägheit des damaligen Österreichs. „In Tonlage und Gestus sind seine Texte das genau Gegenteil der Wiener Feuilleton-Feinsäuselei“, erinnert Schübler. „Seine Portraits, Skizzen und Geschichten, Besprechungen, Würdigungen und Glossen geben die Eindrücke eines hellwachen Zeitgenossen wider.“ Noch 1940, Kuh ist längst in den USA und arbeitet für den New Yorker „Aufbau“ (der sich immerhin von 1934-2004 halten konnte), da kämpft er weiter und polemisiert gegen Raoul Auenheimer, der nicht nur Hitler ein „rhetorisches Talent“ attestierte, das dieser angeblich mit Napoleon teile. Das alles, schreibt Kuh unter seinem Pseudonym „Yorick“ sei nicht weniger als „Literaturgezänk“, das im „repräsentativen Organ der Immigration“ nichts verloren habe. Klare Kante statt feinsinniges Feuilletonflorett. So war es schon immer – man lese dazu nur Karl Kraus. Um den wird es in den kommenden Tagen gehen, mag er auch nicht explizit im Programmheft stehen.

Doch zuvor geht es mit der Slawistin Prof. Irina Wutsdorff um zwei “Prager Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur.” Jan Neruda und Egon Erwin Kisch haben eines gemeinsam: den emanzipatorischen Ansatz. Der eine war Schriftsteller und Feuilletonist im Kontext der Nationalen Wiedergeburt, wollte jedoch mehr Reporter sein, der andere erlangte in den Weltkriegen als “rasender Reporter” Berühmtheit und nahm sich den Schreiberling zum Vorbild. Der Vortrag warf die Frage nach Objektivität und der Suche nach Wahrheit auf.

Jan Neruda ist Namensvorbild des Nobelpreisträgers Pablo Neruda (was nicht ganz so smart ist wie das Pseudonym vom Franzosen Stendhal, der sich aus tiefer Bewunderung nach dem Geburtsort Johann Joachim Winckelmanns benannte), schuf feuilletonistische Prosa in Hlas, der “Stimme”, mit besonderer sozialkritischer Note, Kisch war als Reporter Zeuge vor Ort und den Tatsachen auf der Spur. In Werken beider lassen sich Spuren der jeweils anderen –  journalistischen bzw. literarischen – Disziplin finden. Wutsdorff zeigt die Gebärden der Rechtfertigung und das Spannungsverhältnis zwischen Fakten und der Bearbeitung jener im Bewusstsein um die Kunstfertigkeit der Texte.

Das uralte Problem um die Gemachtheit von Texten und die Abbildung der Realität kam in der anschließenden Diskussion einmal mehr auf, vor allem auch, weil Wutsdorff systematische Tendenzen aus ihrer Darstellung abzuleiten versuchte. Bearbeitung geschieht immer, oft werde sie nur nicht bewusst mitgedacht und ihre Referenz nicht offengelegt. Die dahinterliegenden Prinzipien der Formgebung, der Subjektivität oder der Objektivität ziehen nicht nur im Journalismus entscheidende Referenzialitätsbeziehungen nach sich. Die Frage nach Macht und Meinungshoheit gilt daher ebenso mitzubedenken. – Morgen um 9:00 Uhr geht es pünktlich weiter, nichts mit c.t. Das akademische Viertelstündchen hat heutzutage keine Bedeutung mehr.