Grazer Struwwelpet(e)riade am Schauspielhaus

Die Rezension des „Struwwelpeters“, der gerade als Junk Opera am Grazer Schauspielhaus zu sehen ist und der Rocky Horror Picture Show Konkurrenz macht, erschien am KultRef-Blog und gibt es nun auch hier zum Nachlesen: 

Wer kennt sie nicht aus Kindertagen, die Geschichte vom Zappel-Philipp? Oder die vom wilden Jäger, dem zündelnden Paulinchen oder dem Hanns-Guck-in-die-Luft? Der böse Friederich, der Suppen-Kaspar und der fliegende Robert. Nicht zu vergessen der arme Daumenlutscher.

All diese Figuren stammen aus der Feder eines Frankfurter Arztes und Psychologen: Heinrich Hoffmann hat mit seinem „Struwwelpeter“ 1845, zunächst für die „Gartenlaube“, später für Generationen von Kindern und Eltern, eines der erfolgreichsten Kinderbilderbücher aller Zeiten geschrieben und illustriert. Seine Geschichten sind moralisch, belehrend und pädagogisch umstritten. Viele moralisch erhobene Zeigefinger werden darin gezückt und Kinder für ihr Fehlverhalten drastisch gerügt. Das Schicksal kommt als Strafe in Form des Schneiders, der Daumen abschneidet, mit übergroßer Schere oder als Minz und Maunz, die mit erhobenen Tatzen „Der Vater hat’s verboten“ schelten und zusehen, wie das Paulinchen bis auf seine Schuhe verbrennt, daher.

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Struwwelpeter (Mayer) und die Szenerie des „Suppen-Kaspars“(c) Lupi Spuma

Das Schauspielhaus Graz hat sich des Stoffes angenommen und den Struwwelpeter als Junk Opera professionell mit Julien Crouch und Phelim McDermott inszeniert. Unter der Regie von Markus Bothe erfährt er eine Modernisierung. Aufwendig ausgestattet, schrill und trotzdem unverfälscht wird der Struwwelpeter mit seinen langen Haaren und Nägeln als Hosenrolle (Sarah Sophia Mayer) auf der Bühne weniger zum bemitleidenswerten Verweigerer, als vielmehr zum Storyteller und Drahtzieher des Geschehens. Bitterböse Kommentare und Tierquälerei inbegriffen. Die immer aktuelle Ernährungsdebatte wird am Exempel des Suppen-Kaspars, des zweifelhaften ersten Anorektikers der literarischen Geschichte, statuiert, andere Erziehungsfragen an die Spitze getrieben und grausame Todesarten der infantilen Protagonisten vorgeführt. Eine erfinderisch-erzeugte Klangkulisse, großartige schauspielerische Leistungen (Julia Gräfner überzeugt als Vater, Eizelle und sowieso in jeder Rolle, die sich sonst noch für sie oder die sie findet; Pascal Goffin und Benedikt Greiner beweisen akrobatisches Talent), Befruchtungsszenen und Moorhuhnjagd machen den Theaterabend kurzweilig und zu einem schön-schaurigen Erlebnis der skurrilen Sorte – dem selbst die Tatsache, dass am Ende alles tot ist oder die nüchterne Feststellung der Sinnlosigkeit all der Tode, keinen Abbruch tut. Der schwarzen Pädagogik Hoffmanns setzt er Mut zur Individualität entgegen.

 

Erträumte Schäume oder schäumende Träume?

Letzten Mittwoch feierte die t’eig Theatergruppe mit ihrer neuen Produktion “Schönste Zeit” Premiere. Unterstützung holte sie sich diesmal von Siebtklässlern des BORG Dreierschützengasse. Die Schüler spielten ihr eigenes gegenwärtiges und zukünftiges Ich sowie das vergangene ihrer Eltern, die zurückkehren an den Ort des Geschehens, das Brauhaus Puntigam, wo vor 30 Jahren der Maturaball stattfand. Sie erzählen von Lebenswegen und Statistiken, eingeschlagenen und verlassenen Wege, Individualität und sich doch überall ähnlich wiederholender Zukunft. 

Bill Medley und Jennifer Warnes sprechen von der “Best Time of My Life”, Pitbull & Ne-Yo von “Time of Our Lives”, die American Authors vom “Day of My Life” und die Szene aus Dirty Dancing zu den Klängen von “Time of My Life” kennt man ja. Doch wann bitteschön, hat man denn nun die schönste Zeit? Oder ist es vielleicht nur ein einzelner epischer Moment? Und wann weiß man das? Bitte nicht erst retrospektiv, sondern mit Marker: “Achtung, das ist er jetzt, der schönste Moment deines Lebens.” So läuft das leider nicht. Vielmehr bekommt man vielfach zu hören: “Genieß die Schulzeit, so schön wirst du´s nie mehr haben” oder “Die Studienzeit, das war die schönste Zeit”. Das Leben und die Schule, das sind doch zwei Paar Schuhe. In der Schule lernt man schließlich für das Leben – Oder ist es doch anders herum? Das viel diskutierte Zwitscher-Stichwort zur „Gedichtanalyse in vier Sprachen“ versus wirtschaftlichen Kenntnissen wie Steuern, Mietrecht und Versicherungen, wird im Stück durchexerziert. Wie ist es denn nun und was ist für den erträumten Lebensentwurf wichtiger?

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(c) Heldentheater: t’eig Theatergruppe und Schüler des BORG Dreierschützengasse auf ihrer endlosen „Road to Nowhere“

Das t’eig Theater hat diese Thematik kurzerhand in ein Stück verpackt, in dem 17-jährige Schüler sich einer bereits vergangenen Zukunft bedienen. Im Rahmen eines fingierten 30-jährigen Klassentreffens reflektieren sie anhand der Leben ihrer Eltern über ihre eigene Zukunft. Der Bogen ist gespannt: Die, die am Anfang des ‚Ernst des Lebens‘ stehen korrespondieren mit jenen, die diesen schon ein Stück weit gemeistert haben. Das heißt, die 80er Jahre sind präsent, die Handys der heute 17-Jährigen am Tisch vor dem Publikum jedoch noch präsenter. Da piept und leuchtet die Gegenwart lautlos vor sich hin, während ihre Besitzer zu “Road to Nowhere” in Endlosschleife im Leben ihrer Eltern herumtanzen und springen, schlurfen und sich voran schleppen. Die einen auf der Überholspur, die anderen hinten nach, lebend oder bloß vegetierend, mitunter Rollen tauschend, gestoppt wird auf Autobahn oder Landstraße gleichermaßen, wenn auch nur wegen der im Abstand von 10 Jahren stattfindenden Klassentreffen. Mehr oder minder sind alle bedacht auf den schönen Schein, die Fassade, teilen sich um der Anerkennung für das Erreichte willen mit oder versuchen verzweifelt, sich gut zu präsentieren, um das Versagen, das scheinbar ausweglose Unglück ihrer Situation zu vertuschen. Unisono werden sie geistig wieder zu Schülern, als die, der Klasse ehemals vorstehende, Magistra auftritt und autoritär-grantelnd zur Ruhe mahnt. 

Der vermeintlich so individuelle Weg jedes Einzelnen erscheint schließlich doch nicht so einzigartig und man muss feststellen, dass sich alles irgendwie wiederholt. „Nach den Leggings ist vor den Leggings” – Die Kinder der Achtziger haben nun selbst Kinder, die meisten beschäftigen dieselben Sorgen und kleinen Freuden, alle sind gezeichnet vom Leben und sehen in ihren Kindern dieselben Träume und Hoffnungen, die sie selbst einmal hatten. Fest steht die Vergangenheit, die Gegenwart ist nur ein kurzer Moment und die Zukunft ungewiss. Wie wahr, wie wahr. Blöd nur, dass Wege selten beschildert sind, sondern erst wenn man sie bereits beschritten hat, offenbaren, ob sie Irrungen oder bloß Wirrungen bereithalten. Und überhaupt, wo ist bei dieser Straße eigentlich die Selbstbestimmtheit, einen neuen Weg zu gehen oder umzukehren? Besser gesagt, die viel wichtigere Frage, die sich aufdrängt, ist: Wo ist die notwendige Kraft geblieben, diese Weg-Änderung vorzunehmen?

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Schlusschor und Sesselhaufen aus Statistiken und sinnbildlichen Lebenslügen (c) Heldentheater.

Thomas Sobotka und sein Team inszenieren die Zeit, ihr Vergehen und die unermüdliche Schleife des Lebens in der „Road to Nowhere“ der Talking Heads – Der Theaterabend bietet viel Wahrheit, Mut zur Wiederholung und lange Zeit für eine Status-Quo-Reflexion über das eigene Leben. Er wirft auch die Frage auf, ob der schöne Ansatz – Jung lernt von Alt – auch 2016 noch praktikabel ist. Die zugrundeliegende Moral könnte allerdings schöner nicht sein: Die schönste Zeit liegt immer vor uns. Im hinzugefügten “Hoffentlich” liegt die ungeschönte Wahrheit.

Setz-en Sie sich, bitte!

Von Helden, gefallenen und solchen, denen man Denkmale Setz-t, Sinn und Sein.

Das Spielzeithighlight 2015.2016 in Graz ist gefunden: Es ist die dramatische Adaption von Clemens J. Setz’ zweitem Roman “Die Frequenzen”. Sie feierte am Samstag ihre fulminante Uraufführung. Ein dreistündiges Fest der Sinne, das das Frequenzrauschen der preisgekrönten Vorlage auf unterschiedlichsten Bühnenebenen wahrnehmbar macht und Stunden in kurzwe(i)llige Bilder übersetzt.

Gedächtnis

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(c) Birgit Hupfeld

Mit Alexander Eisenach (Bild) hat ein großer Freund und Kenner des postdramatischen Theaters den Weg nach Graz gefunden. Dass der gebürtige Berliner auch ein Könner ist, beweist er mit der gewaltigen, multimedialen Inszenierung der “Frequenzen”. Das Schauspielhaus Graz setzt dem Autor Setz, der sich bereits im Buch gleich an mehreren Stellen selbst verewigt hat, mit dieser Adaption ein imposantes Denkmal. Der ungestüme Grazer ‘Feldhase’ wiederum zollt  der Stadt im Roman nach Manier eines aufmerksamen erkennenden Flaneurs Respekt .

Schräglage

Setz’ Liebeserklärung an das “nicht-lineare Wesen der Zeit” erzählt vom Synästheten Alexander Kerfuchs, der an einem Tinitus und unter dem Vaterverlust leidet, und seinem Schulfreund Walter Zmal, aus dem, zu Tode gefördert, schließlich gar nichts wurde. Die Protagonisten sind durch die gemeinsam zugebrachte Kindheit und die jeweiligen ödipalen Konflikte verbunden, einander aber doch fremd. Der Roman belebt unbelebte Dinge, verschränkt sinnliche Wahrnehmungsebenen und strotzt, obwohl formal nicht perfekt, durch verwegene Dialoge und virtuoses Sprachspiel von poetischer Kraft, Humor und Skurrilität. Geleitet wird die Erzählung von der physikalischen Theorie des Welle-Teilchen-Dualismus, jener nahe an der Philosophie angesiedelten Vorstellung einer Verschränkung von Raum und Zeit, auf der die Quantenphysik fußt. In der Raumzeit herrscht eine Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieser transzendente Leitfaden gibt die Lesart des Romans vor und verbindet als Hintergrundrauschen im Frequenzbereich die vielschichtigen Erzählstränge zum skurrilen Ganzen. “Warum sollten nicht die Frequenzen das Entscheidende sein?” – Selten war ein Titel passender.

Versatz

Dramaturgin Karla Mäder verspricht einen skurrilen Abend in detailreichen Bildern, die nicht wissen lassen, wo man zuerst hinschauen soll. Eine Art inszenierte Reizüberflutung also. Sie behält Recht. Bevor aber überhaupt an eine Theateraufführung gedacht werden konnte, mussten 700 Seiten Text und darin geschildertes komplexes Geschehen in ein spielbares Drehbuch gepackt werden, das es möglichst linear entwickelt, beschreibt sie die intensive Arbeit an einer Reihung der nahezu unüberschaubaren Erzählstränge. Deklarierter Fokus dabei lag jedoch auf einer Wiedergabe der ironisch-humorigen Sprachkunst Setz’, dessen Dialoge fast prädestiniert für eine theatrale Umsetzung erscheinen. Schließlich entstand innerhalb von nur fünf Probenwochen die Dramaturgie, die von nur fünf Schauspielern und einem Kind umgesetzt wird.

Zeitvertreib

Das hochmotivierte Ensemble gibt alles und brilliert in der Darstellung sich vor Verzweiflung windender Charaktere. Aufwendige Kostüme und häufige -wechsel (Claudia Irro) und die Drehbühne machen die schauspielerische Leistung noch bemerkenswerter. Franz Xaver Zach mimt eine sich mit Proust´schen Fragebögen abmühende Gottfigur und stellt sein Können in einer schier endlosen, die anderen einschläfernden, monologischen Schimpftirade unter Beweis. Die suchende, Schöne und fachlich fragwürdige Psychologin Valerie wird von Evamaria Salcher ausdrucksstark gespielt. Vera Bommer ist als Lydia gleichermaßen überzeugend wie als Patientin Valeries oder wenn sie Walters Vater imitiert, ebenso Jan Brunhoeber als neurotischer Schauspieler Walter Zmal, der in der Bühnenfassung kurzerhand zum psychopathischen Mörder Valeries degradiert wird. Setz’ Namensvetter Clemens Maria Riegler verkörperte Alexander Kerfuchs – als wahnsinniger Rosa-Brillen-Träger, verlassenes Kind oder missverstandener Mann im Clinch mit der Frau am Steuer jenes Wagens, der Fiat heißt (bezeichnenderweise lateinisch für ‘es ist geschehen’ oder ‘es werde’ steht), gelb ist wie der Freitag in der synästhetischen Wahrnehmung Kerfuchses und das Kennzeichen “G-FR111” (111 das numerologisch ‘Unvorhersehbarkeit’ meint) trägt – in allen Facetten seines emotional gemarterten Daseins. Diesem wird am Ende bei der zweiten Hochzeit des Vaters, mit David Bowies “Space Oddity” treffend untermalt, der Todesstoß versetzt.

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(c) Lupi Spuma

Glashaus

Die zwei jugendlichen Ichs des Protagonisten – eines gespielt vom Kinderdarsteller Felix Ostanek, das andere von Riegler bzw. Brunhoeber – tauschen ihre Rollen, als sie sich vorne treffen, während hinter der Bühne weitergespielt wird und Walter von Riss erzählt, der quer durch die Raumzeit verläuft. Eine erklärende und ähnlich grandios umgesetzte Szene spielt Franz Xaver Zach als Walters Vater hinter der Bühne. Er kriecht unter das Bett und gibt so vor, im Keller besagten Riss zu entdecken. Die Filmsequenz dieses Ortswechsels wird gleichzeitig vom Kind Walter, der im Bett darüber liegt, mitangehört und so die Vorgeschichte als Schlüsselszene präsentiert. Als der verängstigte kleine Junge seine Mutter fragt, ob sie denn da sei, antwortet diese mit einer weiteren sprachlich explizit werdenden Gleichzeitigkeit: “Ja, ich bin im Wohnzimmer und der Küche.” Verantwortlich für die (Dreh-)Bühnengestaltung ist Daniel Wollenzin. Ihm gelang mit der vorder- und hintergründig bespielbaren Ansicht ein raffinierter Clou. Vorne steht eine vom großen Architekten gestaltete Fassade, die außer Schein nicht viel bietet, aber als ausgebranntes Schaufenster und Badezimmer verwendet wird. Hinten bespielt wird das Gerüst erkennbar, das die Fassade aufrechterhält und unter anderem als Gasthaus, Schlafzimmer und Garten funktionalisiert wird.

Schein

Die Ebene der Schauspieler ist also nur eines der eingesetzten theatralen Mittel, die in ihrer Vielzahl gleichzeitig die Erzählung vermitteln. Der Vielstimmigkeit und Polyvalenz der Vorlage versucht die Inszenierung gerade in den Details – selbst der auftretende Chor versucht alle menschenmöglichen Tonlagen/Frequenzen abzudecken – gerecht zu werden. Mehrere Dinge passieren auf der Bühne in einer Verschmelzung von Handlung und Raum nebeneinander. Abhängig davon, wo der Blick gerade innehält, nimmt man als Zuschauer eine Perspektive ein, die ein völlig anderes Bild ergibt, als noch Momente oder Zentimeter zuvor. Gleichzeitig wird verkündet: “Es gibt keine unterschiedlichen Perspektiven, es gibt nur das hier”. Das Wie und das Was des Geschehens verschwimmt spätestens dann, wenn das Gespielte simultan zu sehen ist, aufgenommen wird und auf einer zweiten transparenten ‘Leinwand’ gezeigt wird.

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(c) Lupi Spuma

Thomason

Der Roman wie die Inszenierung werfen Fragen auf. Fragen nach Identität, Selbstbestimmung oder dem Schicksal. Sinnfragen. Setz entwirft einen komplexen Entwurf vom komplexen Leben. “Was passiert, passiert.” Der Riss in der Wand, der Walters “seelische Gleichgewichtsstörung” auslöst, wird zum Riss in der Welt. Er ist tiefgreifend, aber seine Grenzen verlaufen unscharf bis messerscharf. Die Inszenierung strotzt vor widersprüchlicher Skurrilität, in Szene gesetzten Dinge und Handlungen, die ihrer Funktion längst beraubt oder schlicht gänzlich entartet simultan erscheinen, dennoch überdauern und von teils intertextueller Sprache als sinnlose Sinnsuche entlarvt werden (=Thomasons) . “Es ist als würde man kleine Holzkästen malen und behaupten, es wären Schafe” (aus Der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry).   

 

 

Vegetieren bis … kommt

Ich startete mit einem Theaterabend in die neue Woche. Den Besuch im Schauspielhaus konnte ich aber alles andere als eindeutig, weder begeistert noch enttäuscht, bilanzieren. Eine Parallele zum Stück? Vor allem die Spanne zwischen Storyline und schauspielerischer Leistung klafft weit auseinander.

Wie an einem typischen Montag nicht anders zu erwarten, trauert man einerseits noch dem vergangenen Wochenende nach und blickt andererseits gespannt auf die kommende Woche. Selbiges Dilemma kennt Daniel Putkammer, gespielt von Nico Link, nur zu gut. Stets bestreitet er einen Arbeitstag nach dem anderen und hofft, der nächste Tag möge eine Besserung bringen. Unterstützung bekommt er von seinen Kollegen und diversen anderen Leidensgenossen, die ihr Dasein mittlerweile ebenso verbittert fristen und von Gastschauspieler Ralph Püttmann mannigfaltig, aber durchwegs glaubhaft gemimt werden.

Der Büroalltag, dem der Ingenieur Putkammer von Kantinenmuff bis hin zu gelangweilten wie skurrilen Kollegen ausgesetzt ist, wird erschreckend realistisch und perspektivenlos in zehn Episoden dargestellt. Der angekündigte Termin beim “Alten” aka Chef lässt Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufkeimen, Putkammer malt sich aus, was eine Beförderung an Besserungen bewirken wird. Als die vermeintliche Beförderung sich dann als Versetzung nach Rumänien entpuppt, stürzt er angesichts der wieder verlängerten Durststrecke und des andauernden Abwartens im “Warteraum Zukunft” in eine depressive Sinn- und Seinskrise. Diese mündet wenig überraschend im Eklat, einem aus Verzweiflung geborenen Kontrollverlust, der ihn fast zu klischeehaft aller Zunkunftsmöglichkeiten beraubt.

Die Figur Putkammers steht stellvertretend für eine gut ausgebildete junge Generation von Akademikern, die sich nach langen Jahren der Ausbildung dem Wahnsinn einer globalisierten Arbeitswelt ausgeliefert sieht, sich allmählich resignierend doch immer weiter abrackert, Praktika absolviert und auf den ersehnten Lohn, eine an Prestige und Bezahlung  angemessene, gesicherte Stelle im Unternehmen, hinarbeitet, bis die Erkenntnis, dass diese wohl nie erreicht werden wird, sie verzweifeln lässt. Das Schauspielerduo brilliert: Link spielt den Hamster im Hamsterrad des Kapitalismus mit reichlich Emotion und wird dabei durch unterschiedliche Positionierung auf der Bühne und wechselnder Beleuchtung unterstützt, bis er letzten Endes vor seiner eigenen Niederlage nicht mehr davonlaufen kann und grandios scheitert. Püttmann überrascht mit erstaunlicher Stimmgewalt und verkörpert sogar die betrunkene Freundin eines Freundes Putkammers überzeugend, ohne ins Gauklerische abzudriften.

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V.l.: Nico Link und Ralph Püttmann (c) Lupi Spuma

Was die Storyline besonders am Schluss an originellen Wendungen missen lässt, macht die detailverliebte Darstellung der Schräglage im Hierarchiesystem der Unternehmensunkultur mit all ihren skurrilen und neurotischen Akteuren wett. Großartiger Einsatz von Requisiten, tontechnischer Ausstattung und einem Bühnenbild, das sowohl funktional wie auch ästhetisch in der Inszenierung von Oliver Kluck zum Einsatz kommt, persiflieren das Abbild einer Arbeitswelt – zwischen Mehrarbeit, einem Wechselspiel aus Unter- und Überforderung und trotzdem prekären Lebensverhältnissen – mit all seinen Routinen und Ritualen.

 

Da ist der Wolf drin

Am Donnerstag feierte ein neues Stück am Grazer Schauspielhaus Premiere. Fast das ganze Ensemble samt Intendanz versammelte sich neben verschiedensten Medienvertretern auf der Zuschauertribüne im HAUS ZWEI. Die Neugier auf den Wolf dürfte groß gewesen sein.

Lupus in Fabula“ von Henriette Dushe ist eine kunstvoll verdichtete Todesfuge über das schöne Leben und sein hässliches Ende. „Der Tod, der Tod, … der Tod ist eine Sau“ heißt es anders als im Celan-Original. Die Inszenierung von Claudia Bossard zeigt, wie Angehörige mit dem nahenden Tod eines geliebten Menschen umgehen und wie sie sich in ihrer Trauer gebärden. „Sprechen ist die Hauptsache von allem“, wird programmatisch verkündet. Drei Schwestern, gespielt von Vera Bommer (sie brilliert als die Jüngste), Veronika Glatzner (als die Mittlere) und Evamaria Salcher (als die Älteste), reden über ihren Schmerz hinweg, versuchen ihn wegzusprechen, um jeden Preis und um nur ja keine Emotionen zum sterbenden Vater aufkommen zu lassen. Es ist der verzweifelte Versuch ihrer Ohnmacht zu entkommen. Ihr Sprechen ist eine namen- und verblose Realitätsflucht, teils makaber und voll schwarzem Humor. Gerede, das ohne echte Aussage auskommt. Sogar ganz ohne Mutter.

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(c) Lupi Spuma

Eine Flucht ins Manifeste und ins Terrain platter, aber dadurch sicherer Metaphorik. Jede für sich hat auf der Bühne ein Bollwerk zur Verfügung, spinnt mit geschickt eingesetzten Requisiten einen Kokon, um sich zu schützen. Die Medikamenten-Szene offenbart den Wolf, der schon im Kartoffelbrei steckt und mit dem verfrühten Winter im Rudel lautstark mit Geheul daherkommt als Potenzierung und Umkehrung der bis dahin angewandten Strategien. Der Tod, eine Vereinigung von Konkretem und Absurdem, er kommt ironisch daher, weil er nicht einmal erfahrbar ist (– frei nach Thomas Bernhard). Doch am Ende sind sie alle da, am Sterbebett des Vaters, warten und hüllen weiße Stille über die Lücke, die bleibt.

 

Vom Finden, Verlieren, Wiederfinden und schließlich doch Verlieren

Neben dem aus der letzten Spielzeit übrig gebliebenen Inszenierung von Ed Hauswirth Jugend ohne Gott“ steht nun noch ein zweites Ödön von Horváth Stück auf dem Spielplan des Grazer Schauspielhauses: „Kasimir und Karoline“, ein Stück über die Käuflichkeit von Zuneigung, inszeniert von Dominic Friedel.

„Und die Liebe höret nimmer auf“… aber sterben müssen wir alle.

Die Anweisung Horváths, das Stück spiele „in unserer Zeit“, hat sich der junge Regisseur Dominic Friedel zu Herzen genommen. Mit moderner Musik, stimmenstark dargeboten von den Schauspielern selbst und flimmernden Lichtern wird nicht nur irgendeine Jahrmarktstimmung evoziert, sondern eine von heute. Das Bühnenbild ist auf die „Wiesn“ reduziert und damit grandios. Es wird getanzt, gelacht, gesungen und gespielt. Bis der Schutzmantel des Geldes weicht und darunter Ungewissheit, Machtlosigkeit und Verzweiflung zum Vorschein kommen. Geliebt wird scheinbar oberflächlich, solange das Prekariat vertuscht und dem Hedonismus gefrönt werden kann.

Ödön von Horváths sozialkritisches Stück „Kasimir und Karoline“ zeigt, was mit einer Liebe in Abhängigkeit von monetären Verhältnissen passiert. Der Chauffeur Kasimir ist gerade ‚abgebaut’ worden – also neo-arbeitslos und begleitet seine Verlobte Karoline nur um derentwillen auf das Münchner Oktoberfest. Dort verlieren sie sich bald. Er landet beim Kleinkriminellen Merkl Franz, sie verirrt sich in die Arme des Eugen Schürzinger und des Kommerzienrats Konrad Rauch. Beide buhlen um sie.

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(c) Lupi Spuma

Sarah Sophia Mayer spielt Karoline als lebenslustiges junges Mädchen. Leicht und unbelastet schwebt sie über die Bühne. Oktoberfest genießt sie in vollen Zügen. Wer ihr dabei Gesellschaft leistet scheint anfangs nicht, zwischenzeitlich völlig egal und schließlich übermächtig wichtig. Nico Link verleiht ihrem Verlobten durch und durch melancholische Züge. Sein Abgleiten in die Hoffnungslosigkeit einer Depression ist beinahe körperlich spürbar. Listig und argwöhnisch, dabei aber zumindest dem Anschein nach charmant, besticht Pascal Goffin, wie schon in „Volpone oder Der Fuchs“ als Karoline umgarnender Schürzinger. Die schrägste Bühnenperformance, dieser im wahrsten Sinne des Wortes „schrägen“ (auch dem Bühnenbild geschuldeten) Inszenierung, lieferten der Merkl Franz und seine Erna alias Jan Brunhoeber und Henriette Blumenau ab. Der düstere Merkl stellt sich zunächst nur durch Kommentare und Seitenhiebe heraus, zieht Kasimir nach und nach zu sich auf die ‚schiefe Bahn’ und endet schließlich selbst als in der Dunkelheit gleich dreimal sterbendes Skelett. Sein Totentanz ist zugleich schrill und anmutig. Clemens Maria Riegler mimt den erfolgreichen Unternehmer Konrad Rauch, der anfangs schüchtern, später gemein und skrupellos den Ausspruch: „Zukunft ist eine Beziehungsfrage“ verkörpert.

Die zärtliche Szene zwischen Kasimir und Erna nach Merkls Tod ist schauspielerisch top, ebenso wie die zusätzlich noch gesanglich starke Performance von Julia Richter und Silvana Veit, die die leichten Mädchen am Oktoberfest darstellen. Die traurige Stimmung wird durch passende Songs wie Johnny Cashs „Hurt“ noch zusätzlich verstärkt, nur einige herzhafte Lacher werden von Franz Xaver Zach zur Auflockerung provoziert.

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(c) Lupi Spuma

All die Träume vom Anfang entpuppen sich schließlich als Schäume. Die Situation endet im Fiasko – Kasimir und Karoline, die ehrliche Gefühle füreinander hatten, verlieren sich in den Wirren von Pessimismus, Optimismus und Zynismus, dem Streben nach Erfolg und Macht, echter und käuflicher Zuneigung. Aus ihren Träumen eine gemeinsame Realität zu basteln schaffen die Figuren ob mangelnder Kommunikation und fehlender Rückbesinnung auf ihre Grundwerte schließlich nicht. Hin und hergerissen zwischen Träumen, Sehnsüchten und dem Zufriedensein mit der Imperfektion („Das Leben ist nun einmal unvollkommen“) machen sie jeder für sich weiter. Denn „solange wir uns nicht aufhängen, solange leben wir.“

Regisseur Friedel hat mit einem fähigen Ensemble, toller Bühnengestaltung und originellen Charakterzeichnungen aus dem Horváth´schen Text eine trauernde Stille inmitten vom Oktoberfest-Lärm auf die Bühne gezaubert. Hochmodern und sozialkritisch wie es das Original bei seiner Entstehung war, überlässt Friedels Inszenierung dem Zuseher selbst, darüber zu spekulieren was wohl das „Zeppelin“ der heutigen Gesellschaft sein mag.

 

 

Stadt-Land-Verrat

 

Die Rabtaldirndln waren mit „Du gingst fort – Eine Art Fahndungsformat“ zu Gast im Schauspielhaus Graz. Sie blieben ihrem einenden Thema treu und zeichneten auch in dieser Inszenierung das Spannungsfeld zwischen Stadt und Land nach. Das vierköpfige Theater- und Performancekollektiv aus der Weststeiermark wurde 2014 mit dem BestOFFstyria-Award ausgezeichnet und performte am Montag gewohnt gut, obwohl zumindest eine der vier aufgeweckten Mädels bald fortgehen wird aus ihrer Heimat („Die Rabtaldirndln sind einander Heimat“) – nicht in die Stadt, dafür in den Mutterschutz. Dramaturgie, Handlung und Ausstattung kamen diesmal von Ed Hauswirth und Georg Klüver-Pfandtner. Bühne war das Haus Zwei.

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(c) Nikola Milatovic

Emotionalität wurde angekündigt. Emotional wurde es. Wenn man wollte.

Die Rabtaldirndln bedienten so ziemlich alle Klischees, die man sich vom steirischen Landleben nur vorstellen kann: Angefangen bei Dialektausdrücken und dem Duzen als normalste aller Publikumsansprachen, traditionellen Dirndl-Gewändern, Volkstanz über Aversionen gegen moderne Technik, innigen Bindungen zu Familienmitgliedern und deftiger Hausmannskost bis hin zum Gemeindegasthaus als Ort, an dem Politik gemacht wird und dem Schnaps-Trink-Zwang. Steirische „Landeierei“ wie sie im Buche steht – Ein Fest für die vorurteilsfreie Urbanität des Schauspielhauses.

Thema war das aber nicht. Thema war Landflucht, Identitätssuche und -konstruktion, Entfremdung und Rückkehr: der Verrat an der Heimat, der vielen vorgeworfen wird, die die vermeintliche Idylle des Landlebens freiwillig zugunsten der Anonymität der Stadt verlassen. „Ausheimische“, die Art von Heimat-Verrätern, sind am Land ebenso schlecht angestellt wie „Zuagroaste“ (Zugewanderte). Wie kann man einfach weggehen und das Land und die Familie im Stich lassen? Wie kann man sich freiwillig für die Stadt entscheiden? Wie freiwillig das heimelige Nest verlassen und flügge werden? Und: Gab es Anzeichen, die auf eine bevorstehende Flucht schließen hätten lassen?

Diese Fragen erfordern eine Ermittlung, eine kriminalterminologische Ermittlung: Eine Fahndung nach den Vermissten. Nach der Tante, der Schwester, dem Onkel.

Ob sie nach Übersee, in die große Metropole oder nur ins Nachbardorf ausgewandert sind, der Verrat an der Wiege ist derselbe. Zumindest für die Hinterbliebenen kommt die Auswanderung der geliebten Personen einem Verbleichen derselben gleich. Das ist nur allzu typisches ländliches Denken. Das kann man bestätigen, wenn man selber „Verräter“ ist. Das macht das Stück dann auch emotional. Die Sager, die Konflikte, der Verrat und der Vorwurf.

Im Verlauf der anderthalb Stunden Klamauk, Konstruktion und wunderbar ironisch inszenierter Klischeemeierei werden pro vermisster Person Beweisstücke angeführt, die als Indiz für das geplante Verbrechen gedeutet werden. Sei es ein noch so banales „Drum“, an das sich gemeinsame Erinnerungen heften. Sei es eine kaputte Gitarre, ein Kinderbuch oder ein Strickjäckchen.

Die Zimmer der Ausgewanderten werden in Ehren gehalten, die persönlichen Gegenstände, die zurückgelassen wurden ebenso. Man hält die Zeit an, konserviert das Vergangene im Gegenwärtigen. Diese Zimmer muten an wie Särge und dienen doch einem Zweck: zu simulieren als wären die „Ausheimischen“ nie weggegangen. Man will nicht glauben, dass sie in der Stadt eine Heimat gefunden haben könnten: „Durchs ‚böln’ (= bellen vulgo für Dialekt sprechen) verraten´s si eh in da Stodt.“

 

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Man trauert, als wären sie nicht mehr auf der Welt und würden nie mehr wiederkommen. Kommen sie doch auf Besuch, ist dieser immer zu kurz und schmälert das Verbrechen nicht, ist „eh nix wert“, sondern unterstreicht es nur noch. Dabei könnte man doch auch umgekehrt besuchen. Aber: Das geht nicht.

In die Stadt? Wo sich doch alle gesellschaftlichen Strukturen auflösen? Wo man am Markt kaufen muss, was man zu Hause einfach im Wald holt? Wo die Luft so schlecht ist? Wo man seine Menschlichkeit zu verlieren beginnt, sobald man auch nur die Stadtgrenze passiert hat? – Das geht nicht.

Lieber die Decke auf den Kopf fallen lassen, lieber die Tradition wahren, lieber Hausfrau bleiben, lieber den elterlichen Hof übernehmen, lieber nicht nach dem persönlichen Glück suchen, lieber nicht bewundern, wenn andere das doch tun – wenn andere ausreißen aus den beengenden, erzkatholischen, konservativen Strukturen, die Traditionen genannt werden. Das macht man einfach nicht, was würden denn die Leute denken?

Die Frage nach dem Warum? Verpönt. Das fragt man nicht. Lieber gute Miene zum bösen Spiel machen, um der Kollektivlüge willen. Schließlich ist ein „Landei (nur) jemand, der in die Stadt kommt und keine Ahnung von der Stadt hat.“

Ebenso wie die Begründungen, warum das Land mehr Lebensqualität bietet, wurden die Ausreden der Verräter und ihre Begründungen, warum sie in die Stadt gegangen sind konterkariert.

Es gibt keine Arbeitsplätze am Land. Die Anonymität in der Stadt ist ein Vorteil. Konventionen sollen gebrochen werden – aus der Bequemlichkeit herauskommen ist notwendig, um Neues zu erreichen. Es war wegen der Vielfalt an persönlichen Möglichkeiten, die die Stadt bietet. Alle coolen Leute gehen weg.

„Ich wurde nur zufällig am falschen Ort geboren, da musste ich weg.“

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(c) Rania Moslam

Das Festpicken am falschen Ort, anschaulich durch Superkleber gezeigt, kann und muss verhindert werden. Vor allem dann, wenn man schon „immer besser in der Schule war“ und „lässig, frech und überraschend anders“ als die anderen war.

Tja dann –„Heimat kann man halt net leugnen.“

Dead End: Cactus Land

Die Londoner Regisseurin Lily Sykes inszeniert “Cactus Land” nach Motiven von Anthony Loyds “My War Gone By, I Miss It So”. Lyod ist britischer Kriegsjournalist und wurde bereits mehrfach für seine Fotos und Reportagen ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Amnesty International Award“ im Jahr 2013. (Besetzung)

1880. 1966. 1972. 1992. … heute.

Faszination ist der Grund, warum Menschen freiwillig in den Krieg ziehen. Sie kann sogar so weit reichen, dass man sich irgendwann vor der Normalität des Alltags fürchtet.

Der Krieg hinterlässt Spuren, offensichtliche und versteckte. Wenn diese Spuren lebendig werden und einen zu verfolgen beginnen, dann wird die gegenwärtige Normalität zum Schauplatz eines Krieges. Selbst der Griff zum Duschgel, auf dem steht: “Wash&Go”, wird dann spitz interpretiert: Leben oder weitermachen und sterben. – Anyway…

My War Gone By, I Miss It So“ ist das Portrait eines persönlichen Krieges. Das Buch beschreibt die Grausamkeit des Krieges und ist Zeugnis des augenscheinlichen Grauens, das Menschen einander bereit sind anzutun. Gleichzeitig zeigt Lyod darin schonungslos ehrlich, wie er mit dem Krieg umgeht, dass er davon verfolgt wird und  doch noch immer von ihm fasziniert ist.

Für Lewis wurde ‚der’ Krieg zu ‚seinem’ Krieg. Lily Sykes inszeniert das in „Cactus Land“ so: Alex Lewis (alias Anthony Lyod) befindet sich in seinem Hotelzimmer, wo er von den Geistern seines Krieges heimgesucht wird und durch Radiosequenzen und Unterbrechungen durch das Zimmermädchen mehrmals von der Welt seines Unterbewusstseins in die Realität und die Gegenwart zurück geholt wird.

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Innerhalb der zwei Stunden öffnen sich dem Zuseher Türen des Verständnisses, die davor nicht existierten. Geschickt verknüpft Sykes Lyods Geschichte mit der ihrer eigenen Mutter, einer „Heimat“-Dokumentarfilmerin. Was harmlos klingt, schafft Komplexes pointiert zu vermitteln. Die Themen sind vielfältig, die Struktur vielschichtig, die Botschaften tückisch-sarkastisch, aber zu viele an der Zahl. Die Opulenz des Pointierten unterläuft so dessen Leistung.

Die besetzten Zuschauerreihen gingen nicht über das Parterre hinaus. Hätte man dem Stück seine zweite Hälfte verwehrt – Der Song nach der Pause wäre als Schluss nicht zu toppen gewesen: “Cactus Land. This is our world now. Deadland.”

Ziel und Punkt.

Nach „h’amlet“ und „Pinocchio“ feiert das t’eig Theater seine heuer schon dritte Premiere. Bekannte Gesichter, neues Stück und gewohnt abgestimmter Aufführungsort. Eine Rezension. 

Anton Tschechows Stück “Drei Schwestern” wird vom t’eig Theater ins Heute verlegt. Zunehmende Kapitalisierung und sozialer Zerfall korrespondieren in ihrer Aktualität mit unserer heutigen ‚individualisierten’ Gesellschaft. Die Möglichkeiten und Voraussetzungen für ein gutes Leben allein, reichen nicht aus, um tatsächlich auch ein solches zu führen. „3schWESTERN“ beweist: Fehlt die notwendige Handlungsfähigkeit, ist Gegenwartsverneinung oft die Folge.

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(c) Heldentheater

„Zielpunkt“ meint im Stück nicht nur die ehemalige Filiale der Lebensmittelkette als Ort der Inszenierung. Auch nicht allein das wiederkehrende Mantra „nach Moskau“, sondern den Fluchtpunkt der Figuren. Im Jetzt unzufrieden und mangels Tatkraft für Veränderung hängen sie sie in einem apathischen Zustand fest: „Leben ist Leiden und bald wissen wir wofür“.

Die Dialoge führen oft ins Nichts oder werden durch derbe Witze und Zitate, teils passend, teils schmerzhaft, überformt. Das Tschechow’sche Aneinander-vorbei-Reden setzen die Schauspieler um, indem sie nur in Blickrichtung des Publikums und räumlich versetzt zueinander sprechen. Das wirkt zunächst irritierend, vor allem, weil diesmal nicht so klar wie sonst ersichtlich war, wann und wie die Schauspieler ihre Rollen tauschen.

Im Vergleich zu früheren Inszenierungen ist das Stück ebenso gut post-dramatisch durchkomponiert und detailreich ausstaffiert, wirkt aber noch dekonstruierender, zusammenhangloser. Und wird damit umso originalgetreuer.

Prinzessin unverblümt

Julia Gräfner, der neue Star des Grazer Ensembles, rockt in ihrem eigenen Solostück die Bühne zur Musik von Meat Loaf: „Ich würde alles für die Liebe tun, ich mach’s aber nicht“ in der Spielzeit 15.16 am Schauspielhaus Graz. Eine Beschreibung des Abends und seiner Wirkung. 

Nackt bis auf einen Slip. Sich langsam und genüsslich, den Moment voll auskostend, ankleidend. Herrenkleidung. Ein männlicher Mann, dem Auftreten zufolge, eine weibliche Person, der Biologie nach. Nichts für schwache Nerven und provokativ. Aufrührend und genial.

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(c) Lupi Spuma

Julia Gräfner präsentiert in „Ich würde alles für die Liebe tun, ich mach`s aber nicht“ einmal mehr ihr schauspielerisches Können und stellt ihre Bühnenpräsenz unter Beweis – allein. In diesem Stück, das zugleich auch ihr Abschlussprojekt an der Berner Universität der Künste war, portraitiert und präsentiert die Newcomerin eine Hommage an den Musiker und Schauspieler Meat Loaf. Gleichzeitig persifliert sie die Mythen und Legenden, die konventionalisiert im Westen über das Phänomen ‚Liebe’ vorherrschen.

Sie räumt radikal mit der Prinzessinnen-Vorstellung auf und holt dabei das Publikum genau dort ab, wo es steht: verfangen in den Wirren der unterschiedlichen gesellschaftlich- akzeptierten oder nicht akzeptierten Liebeskonzepte.

Emotional, intim und berührend. Kindisch, erotisch und pubertär. Ironie, die weh tut. Überspitzte „Du kannst jederzeit ausbrechen und neu beginnen“-Moral.