Der Thronprinz erobert Graz

Werbung in südsteirischer Sache und für alle Cider-Liebhaber: Seit wenigen Monaten gibt es einen österreichischen Apfelschaumwein, der die steirische Getränkekultur um eine weitere Spezialität erweitert. Für die „Digitale Tageszeitung“ habe ich über eine Release-Party des neuen „Thronprinz“ berichtet: 

Zwei steirische Winzersöhne machten sich auf, die Welt des Weines zu erkunden und kamen mit der Idee für einen Cider alias Apfelschaumwein made in Austria zurück. Jetzt sind sie auf großer Release-Tour und machen heute Abend ab 20 Uhr auch im Grazer Flann O’Brian halt.

Unterstützt werden sie dabei von der ebenfalls südsteirischen Band „The Rootups“, die sich zuletzt mit ihrer Single „Circles“ in den Soundportal-Hits listeten.

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(c) Thronprinz(en): Herbert König, Alexander Sattler, Jürgen Trummer

„In Neuseeland haben sind wir auf den Geschmack von Cider gekommen und daheim in Österreich haben wir ihn vermisst, also haben wir herumexperimentiert und kurzerhand unseren eigenen Cider kreiert“, erklärt Produktionsguru Jürgen Trummer.

Dieses eigene Experiment ist nun nach etwa drei Jahren ‚Gärzeit’ produktionsreif und lanciert unter dem Markennamen „Thronprinz“ als erster trockener österreichischer Apfelcider in den Läden, vor allem jenen der Kette „Wein & Co.“ Eine Positionierung in ausgewählten Lokalen in Graz und Teilen Wiens ist bereits nach nur wenigen Monaten gelungen, berichtet Alexander Sattler vom Sattlerhof, der auch für das Marketing des Thronprinz Ciders verantwortlich ist.

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(c) Thronprinz

Qualität – angefangen beim Rohstoff Apfel bis zum Produktionsvorgang – ist den beiden „Cider-Providern“ wichtig: nur frisch und per Hand geerntete, schonend gepresste und ausschließlich steirische Äpfel geben dem Thronprinz seinen typischen Geschmack. Ab heute kann man sich von diesem im Flann O’Brian selbst überzeugen.

 

 

Alles Grün!

Der Frühling hält langsam aber sicher in der Stadt, der Natur und dem Gemüt Einzug. Zum heutigen St. Patrick´s Day erstrahlt noch so manches mehr in grün, was natürlich anders gefärbt ist:

In Graz ist es vorzugsweise Bier, in anderen Städten sogar Flüsse. Das irische Dreifaltigkeitssymbol des Kleeblatts („Shamrock“) ist farbgebend und allgegenwärtig. Denn der Festtag des heiligen Patrick am 17. März ersetzt mitten in der Fastenzeit das liturgische violett kurzzeitig durch frisches Grün ab. Fällt der Tag in die Karwoche, wird er sogar zurückverlegt, um begangen werden zu können. Zuletzt war das 2008 der Fall, da konnte man bereits am 15. März feiern. Der Gedenktag des Bischofs Patrick, des christlichen Missionars von Irland, wird hierzulande in traditionell irischen Pubs gefeiert. Sein Sterbetag ist bis heute ein irischer Feiertag, gilt er doch als Schutzpatron des Landes.

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(c) wikimedia.org

 

Aus diesem Anlass pilgern heute wie jedes Jahr Fans des gälischen Volkes in sämtliche original irische Pubs der Stadt. Reservierungen werden tendenziell nicht angenommen, dafür geht es mancherorts schon zu Mittag los mit dem einfärbigen Treiben. Willkommen ist jeder mit Durst auf grünes Bier oder Hunger auf traditionelle Speisen wie Irish Stew oder Cottage Pie. Glücklich ist, wer einen Platz ergattern kann. Noch glücklicher, wer grün gekleidet kommt, dann winken grüne Goodies wie lustige Hüte oder Kleeblattbrillen. Hier ein Vorschlag für eine St. Patrick’s Day-Tour:

Mittagessen im Flann O’Brien:

Ab 11 Uhr lädt das größte Pub der Stadt zum Verzehr typischer Köstlichkeiten. Empfehlung des Tages: Flanns Irish Stew.

Pitcher-Challenge: O’riginal Pub, Schönaugasse 5, ab 12 Uhr.

The Pub am Mariahilferplatz 20 legt ab 17 Uhr los, im Molly Malone (Färbergasse 15) feiert man bereits seit dem 15. März bis morgen früh!

Live Irish Folk Music genießen: als Warm-Up bei der „Office Party“ in The Office Pub, Trauttmansdorffgasse 3, ab 20 Uhr mit den beiden Bands „The Shenanigans“ (p.p.c.) und „Boxty“ (GMD) den St. Patrick’s Day beim Konzert feiern.

After-Show-Party mit grünem Kleidungsstück im Pharmacy, Leonhardstraße 35.

Absacker im O’Carolan’s Irish Pub, Badgasse 2.

 

 

Urban Culture

Nein, heute gibt es keinen Beitrag zum internationalen Frauentag. Stattdessen gibt es ein im entferntesten kulturpolitisches Statement. 

Letzte Woche besuchte ich die “Urban Future Global Conference, bei der auch diesmal wieder Architekten, Städteplaner und andere Stadtexperten aus aller Welt sich über neueste Technologien und Konzepte bezüglich Stadtentwicklung, Mobilität, nachhaltiges Bauen und Wohnen sowie Logistik und Energieeffizienz austauschten. – Und die ich für meine Kulturkolumne als “Urban Culture”-Konferenz betrachtet habe.

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Future City Rendering (c) UFGC2016

Graz wurde hierfür übrigens nicht zufällig ausgewählt: Der „Urban Future“-Organisator, Thomas Pucher, ist zum einen selbst Grazer und als Architekt tätig, zum anderen weltweit gefragter Städteplaner. Er kam 2014 erstmals auf die Idee, eine Konferenz dieser Art zu veranstalten. Graz, die Stadt, deren Innenstadt Teil des UNESCO Weltkulturerbes ist und sich gleichzeitig (wie Berlin auch) “City of Design” nennen darf, bietet sich mit diesem Spannungsfeld geradezu an.

Um City Change und die damit zu erwirken beabsichtigte Rettung der Welt durch eine nachhaltige “Urban Future”, ging es bei der gleichnamigen Vernetzungsveranstaltung in Graz. Michael Jacksons „Heal The World“ klingt da sofort im Ohr. Auch er formuliert die Forderung, die Welt zu einer besseren zu machen und meint ‚besser’ im Sinn von ‚lebenswerter’. Dass eine mit der Entwicklung der Städte in Verbindung stehende Rettung der Welt gar nicht abwegig erscheint, zeigen die Zahlen:

In den letzten 200 Jahren wuchs die Weltbevölkerung von einer auf über sieben Milliarden Menschen an. Dass sieben Milliarden mehr Platz und Ressourcen brauchen als eine, liegt auf der Hand. Die Bevölkerung zieht es in die Ballungsräume und dort werden mittlerweile rund 75% der gesamten Ressourcen verbraucht. Ein Wachstum solchen Ausmaßes erfordert strukturiertes Stadtmanagement. Doch das allein genügt nicht: ausreichend Raum und Versorgung sichern zwar die Existenz der Bewohner einer Stadt, gewährleisten allein aber noch kein qualitatives Leben seiner Bewohner.

Qualität meint ein Mehr als bloßes Überleben. Wohnen meint mehr als ein Dach über dem Kopf, das hat IKEA nicht nur werbetechnisch gut erkannt. „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ fragen sich auch Städteplaner und Architekten, wenn sie neue Lösungen für urbane Gebiete entwerfen und hinterfragen damit auch den Lifestyle-Begriff der jeweiligen Bewohner. Sie sind deshalb gleichermaßen Künstler wie Michael Jackson einer war oder die Filmemacher der Diagonale (– das Festival des österreichischen Films, zu dem es nächste Woche auch eine Rezension geben wird) es sind. Künstler haben eines gemein: Sie alle leisten Kulturarbeit.

Dass diese Kulturarbeit dringend notwendig ist, fällt nicht nur am Beispiel großstädtischer Metropolen auf. Stadtentwicklung (“city change”) ist durchaus auch in kleinen und mittelgroßen Städten von Bedeutung. Das betonten nicht nur die geladenen Experten der Konferenz mehrfach, sondern wird sogar dann augenscheinlich, wenn ich nur einen Blick in meine südsteirische Heimatstadt (rund 12.000 Einwohner) werfe: Ein verwaister Hauptplatz, menschenleere Gassen und nackte Verkaufsflächen in der Innenstadt. Kaum nähert man sich aber dem Stadtrand, sieht man Wohnsiedlungen und ein Einkaufszentrum nach dem anderen, die die Menschenmassen aus der Stadt locken und vom Land her anziehen. Das pulsierende Herz der Stadt, außerhalb der Stadt?

Viele österreichische Kleinstädte kämpfen vor allem in den letzten Jahren mit starker Zuwanderung in die Randbezirke und Abwanderung aus dem Zentrum. Die Folge sind Wohnungsknappheit bzw. der Zwang zu Neubauten, Gentrifizierung und eine traurige Innenstadt.

Die soziale Durchmischung müsse dafür gewährleistet bleiben, meinte, danach gefragt, auch Berlins Ex-Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), im Gespräch mit der Grazer Vize-Bürgermeisterin, Martina Schröck (SPÖ), am Mittwoch. Dies sei unter anderem Aufgabe der Politik. Wowereit muss es ja wissen, schließlich hat sich Berlin im letzten Jahrzehnt gewandelt wie keine andere europäische Metropole. Es hat sich vom Mief seiner Geschichte gelöst ohne sich von ihr zu verabschieden und präsentiert sich heute als hippe, junge, dynamische Stadt, die Kreative aus aller Welt anzieht. Diesen Wandel vollzieht Graz gerade – oder versucht es zumindest. Vieles ist schon gelungen – etwa mit dem Kunsthaus, eine Blase mitten ins Stadtbild zu bauen, ohne Boykott wegen Sittenverstoßes – doch gegen die müffelnde österreichische Gesinnung wird Graz noch länger ankämpfen müssen. Eine Baustelle ist Graz also nicht nur in den Sommermonaten.

Die ‚Baustelle‘ Stadt fällt dann ins Aufgabengebiet der Politik, wenn es darum geht, finanzielle Mittel für die Umsetzung der von Kulturarbeitern und der Visionären vorgeschlagenen, adäquaten Lösungen zu lukrieren, um eine lebenswerte “Urban Future” für ihre Stadt zu ermöglichen.

 

 

Tagungsbericht: Feuilleton – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur

Der vollständige Tagungsbericht, den ich für Soziopolis.de zusammengestellt habe, wurde am Freitag veröffentlicht und findet sich hier noch einmal zum Nachlesen. 

Feuilleton – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur

Interdisziplinäre Tagung in Graz, 26.–28. November 2015

Das Feuilleton ist ein nicht nur literatur- und medienwissenschaftlich, sondern gesellschaftlich bedeutsamer, gleichzeitig aber nahezu unerforschter Raum, der durch stilistische und rhetorische Vielfalt geprägt ist. Die Ende November in Graz veranstaltete interdisziplinäre Tagung sollte dazu dienen, dieses Phänomen besser zu ergründen. Dazu hatten die Organisatorinnen Hildegard Kernmayer und Simone Jung ExpertInnen diverser Fachrichtungen eingeladen, die die historischen, gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen des Feuilletons nachzeichneten und diskutierten.

HILDEGARD KERNMAYER (Graz) benannte in ihrem Eröffnungsvortrag die Charakteristika des Feuilletons des 19. Jahrhunderts. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive seien diese als Subjektivität, Poetizität und Bewegung sowie die sich daraus ergebende Gattung oder Kunstform als Feuilletonismus zu bestimmen. Laut ihrer „Feuilletonpoetik des Dazwischen“ bleibt das Feuilleton „in der Gattungstrias wegen seiner schwer fassbaren Eigenheit, bestehende Textgattungen ‚feuilletonistisch zu überformen’, außen vor“. Die Nähe feuilletonistischer Texte zum Stil der Publizistik wie auch der fehlende Anspruch des Feuilletons, sich als Literatur zu behaupten, seien einerseits der Erscheinungsform im Medium Zeitung und andererseits der ökonomischen Abhängigkeit ihrer Verfasser vom jeweiligen Medium geschuldet. Letzteres bedinge auch das hohe Maß an Selbstreflexion der Feuilletonisten.

Im Anschluss diskutierte der Literaturwissenschaftler WALTER SCHÜBLER (Wien) in seinem Vortrag „Beim Genick packen“ die Aversion, die der Journalist Anton Kuh (1890–1941) gegen den „Feuilletonismus“ als Weltanschauung an den Tag legte. Kuhs 1918 niedergeschriebene Forderung an ein neues Feuilleton der Gegenwart stellte sich gegen die „Radetzkymarsch-Trägheit“ des damaligen Österreich, seine eigenen Portraits, Skizzen und Geschichten, Besprechungen, Würdigungen und Glossen gäben dagegen die Eindrücke eines hellwachen Zeitgenossen wider, betonte Schübler.

Die Slawistin IRINA WUTSDORFF (Tübingen) thematisierte in ihrem Vortrag zwei “Prager Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur”, nämlich Jan Neruda und Egon Erwin Kisch. Ersterer war Schriftsteller und Feuilletonist im Kontext der Nationalen Wiedergeburt, Zweiterer erlangte in den Weltkriegen als “rasender Reporter” Bekanntheit. In den Werken beider Autoren ließen sich aber auch Spuren der jeweils anderen Tradition finden. Wutsdorff zeigte insbesondere auf, welche Rechtfertigungsstrategien sich angesichts des Spannungsverhältnisses zwischen Fakten und deren Bearbeitung zugunsten der Kunstfertigkeit der Texte in den Schriften nachvollziehen lassen.

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Die Organisatorinnen Simone Jung und Hildegard Kernmayer (v.l.)

Organisatorin SIMONE JUNG (Hamburg) eröffnete mit ihrem Vortrag “Das Spiel der Differenzen: Zum Politischen im Feuilleton der Gegenwart” den zweiten Teil der Tagung, dessen Schwerpunkt auf Debatte und Kritik lag. Mit der Beobachtung des großen Theaterdiskurses um die Berliner Volksbühne in den überregionalen Feuilletons vom März 2015 konstatierte Jung, diese Debatte mache Logiken und Mechanismen des feuilletonistischen Diskurses sichtbar. Im Feuilleton würden sich unterschiedliche Denk- und Lebensräume, Identitäten und Sinnhorizonte miteinander vermischen und damit neue Verweiszusammenhänge erschließen, die zwischen bürgerlich-hochkulturellen und “populären Diskursen” vermitteln. Die neue Vielfalt der Kulturen wirke sich dabei nicht nur auf Themen und Sprecher im Feuilleton aus, sondern auch auf die dort geführten kulturellen Kämpfe und Debatten.

THOMAS HECKEN (Siegen) konnte mit seinem Vortrag über “Werturteile im heutigen Feuilleton” direkt an Jung anschließen. Vom Rechtssystem ausgehend führte er aus, in welcher Weise Werturteile explizit gemacht werden. Landesmediengesetze beispielsweise verlangen, dass Publikationen sachlich richtig, sorgfältig und wahrheitsgemäß berichten sowie Kommentare deutlich vom Nachrichtenteil trennen. Hecken bewies jedoch empirisch, wie wenig Platz reinen Meldungen im Feuilleton eingeräumt wird. Er verglich Meldungen der Deutschen Presseagentur (dpa) mit deren Adaption im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und kam zu dem Ergebnis, dass die per Definition neutrale Ursprungsmeldung immer dann, wenn sie von einem Redakteur überarbeitet wurde, mit einem impliziten Gestus der moralischen oder ästhetischen Wertung versehen worden sei.

ANDREAS ZIEMANN (Weimar) betrachtete die “Praxis und Funktion des (Medien-) Intellektuellen“ aus Sicht eines Soziologen und fragte nach dessen Selbstverständnis. Ziemann geht von Pierre Bourdieus Verständnis des “klassischen Intellektuellen” aus, der im Wechselverhältnis zu dem Feld stehe, aus dem heraus er spreche und agiere. Das Feuilleton habe eine Vermittler- wie Multiplikatorfunktion und biete eine Plattform für intellektuelle Interventionen, was den Feuilletonisten selbst jedoch nicht automatisch zum Intellektuellen mache. Notwendig für die Zukunft des Feuilletons sei eine „neue Ästhetik, die sich nicht aus Zielen, sondern aus bestehenden Grenzen des Feuilletons ergeben müsse“, folgerte Ziemann.

Hildegard Kernmayer verlas nun im Namen der erkrankten NADJA GEER (Berlin) deren Vortragstext über Facebook und das Debattenfeuilleton. Geer, die zu Popkultur und -geschichte forscht, widmete sich der rund um das Video „Wrecking Ball“ der Sängerin Miley Cyrus entbrannten Popdiskussion in den sozialen Medien und kam zu dem Schluss, dass Facebook nun in der Reihe der Feuilletonplattformen angekommen sei. Ausgehend von Ijoma Mangolds in der Zeit erschienenem Artikel „Das Ende der Rechthaberei“1bemühte sie den Medienwissenschaftler Marshall McLuhan und setzte dessen Diktum „The Medium is the Message“ in Beziehung zu den “drei A der aktuellen Technik- und Medienphilosophie” – Agency, Algorithmus und Akzeleration. Sie verwies daraus folgernd auf die Problematik von “Pseudozufällen”, die aufgrund von Algorithmen in den (Feuilleton-)Debatten auftreten können, und sah in der Verweigerung, im Netz norm- und formgerecht zu schreiben, Subversionspotenzial.

“Literaturkritik im Feuilleton“ stand im Mittelpunkt von SIBYLLE SCHÖNBORNs (Düsseldorf) Überlegungen zu „Theorie und Praxis einer Gattung“, die sie am Beispiel des Theater-, Kabarett- und Literaturkritikers Max Herrmann-Neiße (1886–1941) entfaltete. Herrmann-Neiße vertrat das Prinzip der “verstehenden Kritik”, das er mit einem Bekenntnis zur “Dichtung der Zärtlichkeit” verband. Dafür setzte er eine Fähigkeit, die Werke anderer zu bewundern, voraus. Ein guter Kritiker müsse, so Hermann-Neiße, zugleich Dichter sein, was ihn letztlich zu einem Sprachrohr für ein jeweiliges Literaturverständnis mache.

CHRISTA BAUMBERGER (Basel) schloss sich mit ihrem Vortrag über Emmy Hennings im Feuilleton der 1920er- und 1930er-Jahre an. Dabei betonte sie, Hennings werde erst seit einigen Jahren nicht nur als Dada-Mitbegründerin, sondern auch als bedeutende (Feuilleton-)Autorin der literarischen Moderne im wissenschaftlichen Diskurs gewürdigt. Im Vortrag standen Hennings Literaturkritiken und Autorenporträts im Vordergrund, deren Ton plaudernd verspielt sei und Genregrenzen überschreite. „Hennings ist keine Literaturkritikerin“, lautete Baumbergers Einschätzung. Ihre Texte würden sich vielmehr gleichsam als Liebkosungen um die Bücher schmiegen und in Empfehlungen an die Leserschaft gipfeln. Gleichwohl sei ein publizistisches Wechselverhältnis zu konstatieren: Hennings sei Beobachterin im Auftrag des Feuilletons und werde als Autorin wiederum vom Feuilleton beobachtet.

BETTINA BRAUN (Zürich) beforscht im Rahmen ihrer Dissertation den Stellenwert der ‚Kleinen Form’ im Literatursystem des Exils sowie den Feuilletonismus nach 1933. Das Feuilleton erfuhr in dieser Epoche eine starke Abwertung, da es angesichts der ‚wichtigeren’ gesellschaftlichen und politischen Umstände seiner Zeit als ‚nebensächlich’ erachtet wurde. Braun zeichnete die zeitgenössische Medienwelt anhand von Textbeispielen von Robert Musil, Franz Hessel und Alfred Polgar nach. Sie sieht die Rezeptionsgeschichte als Schlüssel zum Verständnis der Exilfeuilletons, dessen wesentliche Texte sie durchaus als Kommentare zum Zeitgeschehen bewertet, und versucht damit den Vorwurf, Feuilletons seien ‚nebensächlich‘ und vermittelten keine eigene Aussage, zu widerlegen.

Kritikerstimmen aus der Versenkung zu holen und ihre Rezeptionsgeschichte nachzuzeichnen, funktioniert selbstredend nur, wenn es Archive gibt, in denen man solche findet. Zum Thema “Das Interview – Zur Ehrenrettung seiner feuilletonistischen Form” ergriffen nun MARC REICHWEIN (Innsbruck) und MICHAEL PILZ vom Innsbrucker Zeitungsarchiv das Wort. Das Interview müsse gegenwärtig darunter leiden, als billiges, recherchearmes Mittel der Berichtgestaltung zu gelten. Die beiden Forscher beziehen sich dabei vor allem auf Aussagen des Literaturkritikers Hubert Winkels, demzufolge personenbezogene Textformen in der Presse zunähmen. Ihre quantitative und qualitative Analyse habe jedoch ergeben, dass die unterstellte Zunahme personalisierter Formen auf Kosten von Rezensionen nicht belegbar sei.

Den letzten Beitrag leistete JAN DREES (Münster), der sich mit digitaler Literaturkritik beschäftigte. Drees, selbst Doktorand, Blogger und Journalist, stellte (Literatur-)Blogs als Nischen vor, in denen sich nicht nur der feuilletonistische Stil erhalten habe, sondern auch ein Ort der qualitativ-hochwertigen Literaturkritik. „Blogs kämpfen jedoch mit dem gänzlichen Fehlen eines geeigneten Finanzierungsmodells“, so Drees. Am Beispiel von zehn Literaturblogs sowie den dahinter agierenden BloggerInnen, denen er mittels einer Fragebogenerhebung Informationen und Prognosen zur aktuellen und zukünftigen Finanzierung ihrer Blogs entlocken konnte, präsentierte er mögliche Formen der Finanzierung, etwa Links zu Sponsoren, Werbeanzeigen oder Sponsored Posts.

Im Rahmen der Tagung fand auch eine Podiumsdiskussion im Grazer Kunsthaus statt, bei der die FeuilletonistInnen schließlich selbst zu Wort kamen. LOTHAR MÜLLER (Süddeutsche Zeitung), die Literaturkritikerin SIGRID LÖFFLER, DORIS AKRAP (tageszeitung) und EKKEHARD KNÖRER (Merkur) diskutierten das allgemein prognostizierte Feuilletonsterben sowie den Status Quo und die Anforderungen an ein mögliches bedeutsames Feuilleton der Zukunft. Die Struktur von Zeitungen, strategische Entscheidungen, Meinungshoheit und Selektion würden ein ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis schaffen und wurden daher zunächst als Probleme der heutigen Medienlandschaft identifiziert. Obwohl die Diskussion immer wieder durch die etwas zu strenge Moderation gebremst wurde, kam man schließlich darin überein, dass eine Feuilletonisierung aller journalistischen Bereiche im Bereich Politik, Wirtschaft und Sport erfolgt sei, dass damit einhergehend aber auch eine Politisierung wie Boulevardisierung des Feuilletons stattgefunden habe. Diese Entgrenzung sei nicht nur auf einen Mangel an Qualität unter den gegenwärtigen Bedingungen schwindender ökonomischen Ressourcen zurückzuführen, sondern vornehmlich eine Reaktion auf die sich verändernde Leserschaft.

Auf die Gründung einer „Interdisziplinären Gesellschaft für Feuilletonforschung“ konnten sich die TeilnehmerInnen der Grazer Tagung schließlich am zweiten Abend einigen. Durch die neue Gesellschaft sollen ForscherInnen aus der Soziologie, Germanistik und Medienwissenschaft im Bereich Feuilleton und Kulturjournalismus miteinander vernetzt werden, um das Feuilleton nachhaltig als Forschungsgebiet erschließen zu können.

Konferenzübersicht:

Martin Polaschek (Graz), Begrüßung

Hildegard Kernmayer (Graz), Feuilleton. Zur Poetik des Dazwischen

Walter Schübler (Wien), „Beim Genick packen und hinauswerfen!“ – Anton Kuhs Aversion gegen den, Feuilletonismus’

Irina Wutsdorff (Tübingen), Prager Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur: Jan Neruda und Egon Erwin Kisch

Simone Jung (Hamburg), Das Spiel der Differenzen. Zum Politischen im Feuilleton der Gegenwart

Thomas Hecken (Siegen), Werturteile im heutigen Feuilleton

Andreas Ziemann (Weimar), Praxis und Funktion des Medienintellektuellen

Nadja Geer (Berlin), Humus oder Löschkalk? Facebook und das Debattenfeuilleton

Sybille Schönborn (Düsseldorf), Literaturkritik im Feuilleton. Überlegungen zu Theorie und Praxis einer Gattung am Beispiel der Kritischen, kommentierten Edition der Essays und Kritiken von Max Herrmann-Neiße

Christa Baumberger (Bern), Ein „zarter und zierlicher Ton“: Emmy Hennings im Feuilleton der 1920er und 1930er-Jahre

Gesellschaft für Feuilletonforschung – Vernetzungsaktivitäten

Podiumsdiskussion: Denken zwischen Ästhetik und Ökonomie. Zur Lage des Feuilletons

Es diskutierten:

Doris Akrap (taz. die tageszeitung)

Ekkehard Knörer (Merkur)

Sigrid Löffler (ehem. u.a. profil, Die Zeit, ZDF)

Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung)

Moderation: Colette Schmidt

Bettina Braun (Zürich), Von Nebensachen reden, wo es so viele Hauptsachen gibt. Das Feuilleton in der Literaturkritik des Exils

Marc Reichwein und Michael Pilz (Berlin), Das Interview – Zur Ehrenrettung einer feuilletonistischen Form

Jan Drees (Wuppertal), Klicks statt Kohle: Digitale Literaturkritik zwischen Performanz und Prekariat

Abschlussdiskussion

Turn(er) on!

Frank Turner kommt 2016 gleich zweimal nach Graz.

Das erste Mal war Sonntag, 20 Uhr. Frank Turner kam nach fast drei Jahren wieder in die Stadt. Diesmal reiste er mit neuem Album (Positive Songs For Negative People) im Gepäck und gastierte im restlos ausverkauften Orpheum. Der sympathische Brite begeisterte seine Fans einmal mehr mit Folk Rock und Punk Klängen, einem starken Programm und einer Bühnenpräsenz, die ihresgleichen sucht.

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Frank Turner auf der Orpheum-Bühne (c) junebug

Zwei starke universell-zeitkritische Statements stellte Frank Turner zu Beginn als Konzert-Regeln auf: “Everybody be nice to each other” und “It doesn’t mather, where you come from, it matters where you go” (Peggy sang the Blues), dann legte er los.

Turner, gewohnt in schwarzer Hose und weißem Hemd, das freie Sicht auf seine tätowierten Arme (Tattoos), betrat die Bühne relativ pünktlich nachdem die Vorband, Skinny Lister, diese geräumt hatte. Er lachte herzlich, begrüßte die Menge auf Deutsch, teilte die Menge in die dunkle und die helle Seite der „Macht“ (Star Wars), coverte spontan einen Motörhead-Song zum Gedenken an Ian „Lemmy“ Kilmister und spielte „Broken Piano“ gefühlvoll und erstmals solo auf der E-Gitarre. David Bowie ehrte er, ebenso wie die Tour-Flagge, die er eigens zu Beginn seiner Welttournee gestaltet hat und die ihm seither auf jedes Konzert folgt. Er band die Vorband, seine eigene Band “The Sleeping Souls” und die jubelnden Fans gleichermaßen mit ein – Erstgenannte ließ er crowdsurfen, Zweiteren gestand er so viel Raum zu, als wäre nicht er der Star, sondern sie und den Fans schenkte er trotzdem nahezu ungeteilt große Aufmerksamkeit. Obendrein hatte er während der vollen zwei Stunden, die er nonstop großartig performte, sichtlich Spaß. Wir Grazer Fans auch.

“Frank Turner und Graz sind Freunde” das gestand er und versprach spontan noch heuer ein weiteres Graz-Konzert. Der Termin ist offiziell noch nicht bekannt, Kartengeier dürfen aber schon in den Starlöchern scharren.

 

Mehr als bloß ‚Snape’…

Ein Nachruf.

J.K. Rowlings „Harry Potter“-Welt faszinierte meine Generation als erste und seither viele weitere. Heute gilt die Geschichte um den modernen britischen Zauberlehrling längst als überzeitlicher Jugendklassiker. Diese Woche ist er leider aus traurigem Anlass in aller Munde:

Alan Rickman alias Severus Snape, Harrys Lehrer für Zaubertränke und verhasster Hauslehrer von Slytherin, starb kurz vor seinem 70. Geburtstag in seiner Heimatstadt London. Mit der Rolle in „Harry Potter“ rundete Rickman seine Karriere jedoch bloß ab: Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Rickman war künstlerisch talentiert und vielseitig: Er arbeitete als Grafikdesigner, Kostümbildner, Schauspieler und Regisseur. Er brachte es auf eine beachtliche Anzahl Fernseh- und Kinofilme, spielte an der Seite von Größen wie Bruce Willis und auf namhaften britischen Bühnen, überzeugte vor allem als zwiespältiger Charakter-Bösewicht und erntete viel Lob sowie den Theatregoer`s Choice Award für Regie am Royal Court Theatre in London.

Ohne Talent, kein Geld aber ohne Fleiß kein Preis –umgekehrt oder einerlei? Rickman jedenfalls hatte das alles und eine ordentliche Portion Charisma mit Intelligenz verpackt zu feinen Dosen. Als er seiner langjährigen Partnerin Rima Horton 2012 das Ja-Wort gab, wusste er wohl schon, dass ihn der Krebs wie schon seinen Vater schließlich besiegen würde. Mehr als ein Zauberer, aber doch nur ein, wenn auch außergewöhnlicher, Sterblicher.

 

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Gedacht, gesagt, bereut?

Wie die anderen Kolumnen auch schon zeigen, braucht es bei mir meist einen persönlichen Aufhänger, um ein Thema zu finden. Diesmal war es die Flüchtigkeit der digitalen Kommunikation. Zum x-ten Mal habe ich vorschnell eine Anfrage positiv beantwortet – ja, ich tue mir schwer „nein“ zu sagen – und das danach bereut. Zuerst denken, dann antworten. So war das früher. Heute bedeutet „Enter“ gleich „Senden“. Das spart Zeit, – vielleicht  aus jugendlichem Elan heraus, man muss ja noch so viel lernen – gesteht aber dem Kopf meist zu wenig davon zu, um sein berechtigtes Abwägen anzustellen. Das und der Umstand, dass ich begonnen habe, eine Brieffreundschaft zu unterhalten, haben mich zu diesem Plädoyer an den Brief bewogen (wie immer im Original unter „Kultur am Wochenendenachzulesen).

Waren die großen Denker vergangener Zeiten genialer als heutige? Ob Goethe geahnt hat, dass sich Jahrhunderte nach ihm noch immer ganze Generationen mit seinen Texten auseinandersetzen würden? Er wahrscheinlich schon, vermutlich hätten das aber wenige andere gedacht. Roberto Bolaño beispielsweise starb in dem Bewusstsein, dass niemand seine Texte lesen wollte. Posthum wurde er plötzlich zu den größten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts gezählt. Das Leben ist manchmal ungerecht. Nicht jeder bekommt, die Anerkennung, die er verdient. Zu glauben, die alltäglichen und spontanen Chatfluten wiederum können für die Nachwelt interessant sein, ist auch naiv. Es sei denn, man heißt Stefanie Sargnagel. Sie schafft die ironische Spitze zwischen Literatur und Facebook. Unsere Gesprächskultur aufs Korn zu nehmen, bietet sich an: Reden, reden, reden. Ohne Luft zu holen, ohne nachzudenken. Und trotz der Menge nicht verständlicher. „Zach!“

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„all’s well that inks well“, (c) wikimedia.org

Mehr denken, weniger reden, aber besser schreiben. Geht nicht? Mit dem guten alten Brief schon. Ja, den gibt es noch, handgeschrieben und mindestens zwei Tage unterwegs, per Post. Eine Ewigkeit? Toll, da stehen dann die Dinge drin, die nicht nur Momentaufnahmen sind und wirklich Bestand haben.

 

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Feuilletontagung IV: Das Feuilleton im Exil und der Berliner WELT

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Als Highlight der Tagung angekündigt und dem entsprechend auch von der Uni ins Kunsthaus verlegt: die Podiumsdiskussion zum Feuilleton der Gegenwart mit Sigrid Löffler, Ekkehard Knörer, Lothar Müller und Doris Akrap.

Die eingeladenen Feuilletonisten diskutierten auf dem Podium über das „Denken zwischen Ökonomie und Ästhetik“ und stellten sich Fragen wie

  • Was ist Feuilleton oder wie ist die Feuilleton-Kultur von heute zu beschreiben?
  • Bei all den Einsparungen; kann ohne freie Mitarbeiter überhaupt noch ein Feuilleton-Teil gemacht werden?
  • Wohin geht das Feuilleton, wandert es ins Internet ab und welche Nischen sucht es sich dort?

Die Moderation übernahm Colette Schmidt vom österreichischen Standard.  

Gleich zu Beginn positionierte sich Sigrid Löffler: „In Österreich gibt es keine Plattform für Literaturkritik und schon gar keine ernst zu nehmenden Feuilletons“, daher sei sie vor mittlerweile rund 20 Jahren nach Deutschland ausgewandert und habe dies nie bereut.

Interessant war die allgemein geteilte Beobachtung, dass inzwischen eine Feuilletonisierung aller journalistischen Bereiche (zum Beispiel des Politikteils) stattgefunden habe, einhergehend mit einer gleichzeitigen Politisierung des Feuilletons auf der einen und einer Boulevardisierung auf der anderen Seite.

Eine Tendenz, die dem aufmerksamen Leser auffällt. Mehr Mainstream in Bezug auf Auswahl und Besprechung der Bücher und Filme, mehr Informationen über den Kunstmarkt als über Kunst an sich.  

Diagnostiziert wurde eine abnehmende Qualität des Feuilleton und befürchtet: Feuilletonssterben, eine selbstheraufbeschworene und sich daher erfüllende Prophezeihung?

Die Struktur der Zeitung sei entscheidend; Meinungshoheit, strategische Entscheidungen, Selektion – das übliche Problem, öffentliche Meinung und die veränderte Leserschaft sind konstituierende Faktoren für das heutige Feuilleton in deutschsprachigen Zeitungen und seine Positionierung.

So agieren beispielsweise Chefredakteurszeitungen (SZ) anders als Herausgeberzeitungen (F.A.Z.), sie alle unterliegen demselben Druck, auf bestimmte Dinge wie etwa Neuerscheinungen zu reagieren.

Die Wandlung des Feuilletons hat in der Beobachtung von Lothar Müller vor knapp 30 Jahren mit dem so genannten Historikerstreit begonnen. Seitdem habe sich das Feuilleton formal und ästhetisch verändert. Diskursiv sei es nach wie vor, daher auch kritisch. Kritische Diskurse müssten in der Öffentlichkeit diskutiert werden, sagt Knörer, um eine „Selbstaufklärung des Geschmacksurteils im Kollektiven“ (nach Habermas` „Strukturwandel der Öffentlichkeit“) zu erreichen. Sigrid Löffler relativierte: „Durch die Beschleunigung, passiert diese Diskussion jedoch nicht mehr“. Vor allem für die Literaturkritik fehle im Feuilleton schlicht die Zeit für angeregte Debatten, weshalb sie auch immer mehr an Bedeutung verliere. „Ein Buch ist schließlich keine Premiere“, sagt Löffler. Damit spielt sie auf den Aktualitätsdruck an. Zeitungen müssten Kritiken zum Erscheinungszeitpunkt eines Buches bringen. Selbiges gilt für neue Filme und dergleichen. Anders sei dies bei Blogs: Literaturblogs dürften verspätet reagieren, hier fänden auch Diskussionen statt. Außerdem werde Zeitdiagnostik beispielsweise anhand der Buchkritiken von Dave Eggers “The Circle”, etwa wie im die „Zeit“-Artikel von Ijoma Mangold versucht, und daraus lediglich Symptome einer Kultur abgeleitet, ohne deren literarische Ästhetik mitzudenken. Die Leistung des Feuilletons muss sein, beides, Zeitdiagnostik und ästhetische Maxime der Kunst und Kultur zu diskutieren.

Dass solche Ökonomisierungen und auch der Abbau von Kulturkorrespondenten in Feuilletonredaktionen deren Qualität mindern, dürfe laut Lothar Müller nicht verwundern, schließlich könne mit derartigen Verknappungen keine weltweite Informierung mehr gewährleistet werden.

Vielmehr gehe das Feuilleton dazu über grundsätzliche Debatten anzuregen, hin zur Klärung der Frage: “In welcher Gesellschaft leben wir denn heute?”

Navid Kermani, der heuer deshalb den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekam, wurde hier als Paradebeispiel genannt.

Knörer springt in die Bresche des Rezensionsfeuilletons. Er verteidigt: “Die Themen waren immer dieselben, das Niveau war ein anderes.” Daraufhin entbrannte die Diskussion über das bildungsbürgerliche Publikum, an das sich das Feuilleton der großen deutschen Zeitungen richte, und dessen Existenz in Jahr 2015. Löffler beschreibt das aktuelle Leserbild als das von “ungeduldigen, oberflächlichen Durchblätterern”.

Nischen finde das Feuilleton nach Meinung von Akrap nicht nur im Netz, sondern auch in Fernsehformaten wie der “heute-show” des ZDF. Dort findet Gesellschaftskritik in offen satirischer Weise statt, Akrap erkennt darin aber durchaus auch feuilletonistische Züge.  

Auf die Frage aus dem Publikum von Organisatorin Hildegard Kernmayer, wohin die feuilletonistische Feuilletonschreibe wie sie um 1900 praktiziert wurde, verschwunden sei, antworteten die Redner fast unisono: In die Kolumnen. Und einzig das “Streiflicht” der Süddeutschen erfüllt noch am ehesten den Anspruch der scheinbaren Leichtigkeit und ausgeklügelten stilistischen Bauweise der Kleinen Form – ganz nach der ursprünglichen Intention seines Erfinders Franz Josef Schöningh, “eine Art Leuchtturm im Sturmgebraus der täglichen Hiobsbotschaften” zu bieten.

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Organisatorinnen Simone Jung und Hildegard Kernmayer

Mit drei weiteren Beiträgen ging es am Samstag, wieder pünktlich um 9 Uhr morgens, weiter mit dem Feuilleton. Diesmal mit dem zweiten schweizerischen Vortrag “Von Nebensachen reden, wo es so viele Hauptsachen gibt. Das Feuilleton in der Literaturkritik des Exils” der Schweizer Literaturwissenschaftlerin Bettina Braun. Sie ist Doktorandin des Deutschen Seminars an der Universität Zürich und beforscht im Rahmen ihrer Dissertation den Stellenwert der Kleinen Form im Literatursystem des Exils sowie den Feuilletonismus nach 1933.

Ihre erste These postuliert eine Abwertung der Feuilletontexte exilierter Autoren der 1930er-Jahre. Dies hängt vor allem mit der die Schwierigkeit zusammen, aus dem Exil Feuilletonsammlungen in Buchform zu herauszugeben und die damit verbundene Missachtung der Texte seitens der Literaturkritik. Der Medienwechsel von der Zeitung ins Buch sei damals Voraussetzung für eine literaturkritische Diskussion gewesen. Außerdem werde das Spielerische und seine stilistische Leichtigkeit dem Feuilleton oft zum Vorwurf gemacht. In Zeiten großer Ungewissheit und gesellschaftlicher wie politischer Turbulenzen, Texte über Nebensächlichkeiten, von Dichtern, die in tiefer Abgeschiedenheit leben, nicht zu beachten, war ein trügerischer Schluss der Exilpresse.

Braun zeichnet die zeitgenössische Medienwelt hinter den Texten nach. Die Rezeption ist ihre Schnittstelle zwischen Literatur und Journalismus, an der das Feuilleton angesiedelt ist. Exemplarisch und textnah tut sie das anhand der Rezeption der Feuilletons von Robert Musil, Alfred Polgar und Franz Hessel und beweist, dass sich die Form nicht wie vorgeworfen “verselbständigt” hat und ohne eigene Aussage auskommt. Hessel, der auch als Übersetzer von Marcel Proust Bekanntheit erlangte, veröffentlichte seine gesammelten Werke in fünf Bänden erst 1999. Er emigrierte 1938 zum zweiten Mal nach Paris. Musil wanderte bekanntlich in die Schweiz aus, Polgar nach Prag und Berlin.

Ernst Ottwalt, betont als einer der Wenigen: “Polgars Werk sinkt vor Leichtigkeit in die Tiefe”. Er verdrehe die Tatsachen nicht, sondern präsentiert sie so polemisch zugespitzt, dass sie sie noch unterstreichen würden, lobt Hans Sahl im Vorwort zum “Sekundenzeiger(auf GoogleBooks verlinken ist ok?). Polgars “Handbuch eines Kritikers” wurde als eines der wenigen Werke positiv aufgenommen und diskutiert.

In der Diskussion im Anschluss an den Vortrag wurde Musils “Nachlass zu Lebzeiten”, hier im Gutenberg-Spiegel als Volltext nachzulesen, als Beispiel für Sprachspiel, anachronistische Darstellung und die grundsätzliche Problematik von Feuilletonsammlungen, die unter dem Ettikett “Für den Tag geschrieben” geführt werden, besprochen.

 

Kritikerstimmen aus der Versenkung holen und damit eine Rezeptionsgeschichte nachzeichnen funktioniert nur, wenn es Archive gibt, in denen man solche findet. Deshalb fokussierte der vorletzte Beitrag der Tagung eine quantitative Auswertung des Innsbrucker Zeitungsarchivs und qualitative Aspekte der journalistischen Form des Interviews. Unter dem Titel: “Das Interview – Zur Ehrenrettung seiner feuilletonistischen Form” referierten Marc Reichwein von der Welt und Michael Pilz vom Innsbrucker Zeitungsarchiv.

Das Interview – beliebtestes Mittel der Berichtgestaltung, billige Art schnell und viel schreiben zu können, affirmatives Infotainment ohne große Recherche. Oder?

Das ist es doch was man gemeinhin am Image des Interviews kratzt. Die Selbstdarstellung von Autoren, die unkritisch-hinterfragende Haltung der Journalisten.

Pilz und Reichwein sind der Aussage Hubert Winkels, Juror beim Bachmann-Preis und Kulturchef beim Deutschlandfunk, nachgegangen: “Personenbezogene Textsorten nehmen immer mehr Raum ein.” Schon Haacke hat 1952 eine “Interviewseuche” diagnostiziert. Eine Umfrage Thierry Chervels vom perlentaucher wirft die “Halbierungsthese” in den Raum: die Zahl der Kritiken von 2001 bis heute sei nicht nur zurückgegangen, sondern habe sich sogar halbiert.

Die beiden gingen diesem Imageproblem nach, umrissen kurz die Traditionslinie, aus der heraus das Interview entstand und gaben einen Überblick zur aktuellen Forschung. Nach quantitativer und qualitativer Analyse kamen sie zum überraschenden Schluss: Diese Tendenz ist nicht belegbar.

Reichwein und Pilz verglichen anhand der Daten aus dem Innsbrucker das Verhältnis von Interviews und personalisierten Formen – Es könne Zunahme von Interviews und vor allem keine Verdrängung auf Kosten von Rezensionen festgestellt werden.  

Einzig in der “Zeit” habe man eine Anstieg von Interviewformen bemerkt, dies hänge vermutlich mit der Erscheinungsform des Wochenmediums zusammen und sei ein zu erforschendes Desiderat.

Mit André Müller, Tom Kummer und Moritz von Uslar brachten sie zum Abschluss noch drei amüsante Beispiele aus der Interviewpraxis, die auch dem Feuilletonismus der Gegenwart zugeschrieben werden.

Feuilletontagung III: Medienintellektuelle und das Facebook-Feuilleton

Es wird einen internationalen Verein für Feuilletonforschung geben. Darauf einigten sich die Teilnehmer der Grazer Tagung am Freitagabend vor der Podiumsdiskussion mit Doris Akrap (taz), Sigrid Löffler (ehem. ZDF), Ekkehard Knörer (Merkur) und Lothar Müller (SZ). Mit dem neuen Verein wird ForscherInnen aus der Soziologie, Germanistik und Medienwissenschaft vernetzen, möglicherweise ein Archiv errichten, Texte sammeln, Tagungen organisieren. Das ist ein schöner Ausblick. Das Beitragsbild von Miriam Leitold zeigt den Vortrag des Professors für Mediensoziologie Andreas Ziemann. Dieser Text wurde gemeinsam verfasst von Jan Drees und mir.

552323_509019125783793_20461169_nSimone Jung aus Hamburg (Facebook-Profilfoto), eine der Organisatorinnen der Tagung, eröffnete am Freitag um 9 Uhr morgens mit ihrem Vortrag über “Das Spiel der Differenzen: Zum Politischen im Feuilleton der Gegenwart.” Als Promovierende der Uni Hamburg und zugleich Journalistin (u.a. De:Bug, F.A.S., taz) ist Jung prädestiniert für die Verbindung von Wissenschaft und feuilletonistischem Sprechen. Ihre Argumentation startete mit der Beobachtung des großen Theaterdiskurses um den belgischen Kurator und Museumsdirektor Chris Dercon, der am 26. März diesen Jahres als neuer Intendant der Berliner Volksbühne im Feuilleton vorgestellt wurde. Damals stand ad hoc der von Vorgänger Frank Castorp eingebrachte Vorwurf des “Eventschuppens” im Raum – ein Vorwurf, der anschließend in den feuilletonistischen Büchern etlicher Zeitungen diskutiert wurde.

Jung konstatiert: “Die Debatte um den Intendantenwechsel an der Volksbühne in Berlin macht exemplarisch viele Logiken und Mechanismen des feuilletonistischen Diskurses sichtbar. (…) Im Feuilleton prallen Kulturen aufeinander, die nicht nur heterogen, sondern auch höchst widersprüchlich sind. Der Streit ist nicht nur ein Streit um eine womöglich neue Theaterkultur, er offenbart vielmehr eine Kultur, die nicht mehr eine homogene in sich geschlossene Kultur ist, sondern eine plural heterogene Kultur, die im Feuilleton Verhandlung findet. Im Feuilleton vermischen sich also unterschiedliche Denk- und Lebensräume, Identitäten und Sinnhorizonte.”

Die Fernsehserie “Lost” und Günter Grass finden im Feuilleton gleichermaßen ihren Platz. Damit erschließen sich neue Verweisungszusammenhänge, die sich zwischen bürgerlich hochkulturellen und “den neuen populären Diskursen” bewegen. Mit einem historischen Rückblick auf die medientechnischen und diskursästhethischen Praktiken des 19. Jahrhunderts (Schnellpresse, Popularisierung, die bürgerliche Kulturauffassung als klare Abgrenzung zur feudalen Lebenswelt) belegt Jung, dass Feuilletons von Beginn an hybrid angelegt waren.

Das von Anfang an heterogen argumentierende Feuilleton “mit seinen spezifischen Diskurselementen, Praktiken und Wahrnehmungsstrukturen produziert (…) nicht nur eine Vielfalt an Verhandlungsformen, von der Kolumne, zur Glosse, von der Rezension zum Essay, vom Gedicht zur Illustration, sondern auch eine Vielzahl von Kulturen, die sich seit dem 20. Jahrhundert zwischen der Hochkultur und der Massenkultur formen. (…) Als Zwischenraum der Verhandlung von alten und neuen Kulturen, kann es Verschiebungen einleiten, mithin neues entstehen lassen.”

5k_jpeg_DSC_6559Thomas Hecken, Professor an der Universität Siegenintellektueller Sidekick des gestrigen Tages und Herausgeber von “Pop: Kultur & Kritik” (Bild links) konnte direkt an Simone Jung anschließen mit seinen Vortrag über “Werturteile im heutigen Feuilleton”. Das ist natürlich ein Herzensthema, weil der Diskursunkundige in diesen Tagen des uneigentlichen Sprechens nach Lektüre der meistens Rezensionen fragen kann: Worum geht es in dem Roman, dem Theaterstück oder Film? Ist das rezensierte Werk gut, schlecht, Mittelmaß? Das gegenwärtige Feuilleton windet sich. Hecken führte aus, in welcher Weise dennoch Werturteile explizit gemacht werden, obwohl sich äußerst selten die Deutlichkeit eines Marcel Reich-Ranicki zeigen lässt.

Seine Ausführungen leitete Hecken aus dem Rechtssystem ab. So verlangen die Landesmediengesetze, dass Publikationen sachlich richtig, sorgfältig, wahrheitsgemäß berichten und Kommentare deutlich vom Nachrichtenteil trennen. Dies soll beispielsweise dazu beitragen “die Achtung vor dem Lebenden zu stärken”. – Hecken stellte fest, dass Meldungen im Feuilleton keinen oder kaum Platz finden. Er griff exemplarische Meldungen von der dpa heraus und analysierte deren Adaption im Feuilleton der FAZ. Die per Definition neutrale Meldung sei immer dann, wenn sie von einem Redakteur überarbeitet wurde mit einem impliziten Gestus der Wertung präsentiert. Interessant war, dass Heckens Studierende, denen er verschiedene Feuilletons vorgelegt hatte, in der Mehrzahl Schwierigkeit hatten, die darin artikukierten Werten einzuschätzen.

Andreas Ziemann, der vermutlich diskursfreudigste Teilnehmer der Tagung, beobachtete in seinem Vortrag “Praxis und Funktion des (Medien-) Intellektuellen“ und fragte, nach  dem Selbstverständnis von Intellektuellen, Schreibenden, angestellten und freien Autoren. Ziemann, leidenschaftlicher Systemtheoretiker, ging hier jedoch vom Bourdieu’schen Verständnis des “klassischen Intellektuellen” aus, das diesen als bidimensionales Wesen charakterisiert: “Zum einen muß er (der Intellektuelle) einer autonomen, von religiösen, politischen und ökonomischen Mächten unabhängigen Welt (einem Feld) (…) angehören und deren besondere Gesetze respektieren”, zum anderen diese im Feld gesammelte Kompetenz, außerhalb des Feldes einbringen. Deutlich wird hier also die notwendige Trennung von Profession und Intellektuellen-Dasein. – “Intellektuelle sind nicht per se Männer und Frauen des Geistes und des Wortes”, hält Ziemann fest, “wenn sie sich nur durch die Medien Intellektuellen-Status erarbeitet haben, sind sie ohne Medien nichts.”

Beispiele für das Feuilleton als “zwischen ästhetischer Kritik und ästhetischem Spielraum” infrage gestellten Möglichkeitsraum und dessen selbst eingeleiteten Abgesang findet er in Paul Hühnerfelds “Stirbt das Feuilleton aus?” oder Hellmuth Karaseks “Unterm Strich. Feuilletonistisches zum Groß-Feuilleton”. Das Feuilleton sei Vermittler, Multiplikator und Plattform für intellektuelle Interventionen; der Feuilletonist selbst jedoch nicht automatisch ein Intellektueller. Intellektueller ist man nur situativ, oder mit Ulrich Oevermann (1996): “Man kann Intellektueller nicht permanent sein, als dauerhaften Beruf ausüben oder gar als Beruf erlernen. Vielmehr wird man situativ zum Intellektuellen”.

Das Potenzial, dass das Feuilleton aus seiner derzeitigen “”Misere” schöpfen könne, vergleicht Ziemann mit dem Stand der Soziologie in den 1950ern. Er orientiert sich an Helmut Schelskys Konzept der Wirklichkeitskontrolle (1959), demnach “nicht die Ziele, sondern die Grenzen des sozialen Handelns der legitime Gegenstand der gegenwärtigen Soziologie” seien. Eben gleiches gelte für eine “neue Ästhetik des Feuilletons”.

Organisatorin Hildegard Kernmayer verlas im Namen der erkrankten Nadja Geer über “Humus oder Löschkalk? Facebook und das Debattenfeuilleton.” Geer, freie Autorin und Professorin für angewandte Angewandte Literaturwissenschaft in Konstanz und Berlin, forscht zur Popkultur und -geschichte. Die Bilder sind bekannt: Miley Cyrus, nackt auf einer Abrissbirne hin- und herschwingend. Auf der daraufhin entbrannten Pop-Diskussion gründet Geers Ihre Beobachtung, dass Facebook nun als Feuilleton-Plattform angekommen sei (Social-Only-Journalismus). Findet das Feuilleton in den sozialen Medien seinen Platz? Alles Weitere kann man in Ijoma Mangolds Zeit-Text “Das Ende der Rechthaberei” nachlesen. Geer bemüht Marshall McLuhans “The Medium is the Message” und setzt dieses Diktum in Beziehung zu den “drei A der aktuellen Technik- und Medienphilosophie” – der Agency, dem Algorithmus und der Akzeleration. Sie weist z.B. auf die Problematik von “Pseudo-Zufällen” durch Algorithmen auf (Feuilleton-)Debatten hin.

Lothar Müller merkt später an, weniger stellte sich die Frage nach der Art und Weise, wie sich Debatten in sozialen Medien abspielen als vielmehr die Frage nach den Akteuren. tatsächlich sei es so: Als Nutzer glaube man lediglich, mit den eigenen Post teilte man sich “einer Öffentlichkeit” mit; tatsächlich schafft man lediglich seine eigene Filterblase, eine spezifische Teilkultur (community) und lässt andere Bereiche außen vor. Simone Jung konkretisierte: Im Feuilleton sei der Raum auf allgemeine Weise geöffnet. Dort kämen mehrere Sub-Kulturen zusammen, während sich auf Facebook homogen strukturierte  Gruppen austauschten.

a7223f69b1“Literaturkritik im Feuilleton: Überlegungen zu Theorie und Praxis einer Gattung am Beispiel der kritischen, kommentierten Edition der Essays und Kritiken von Max Herrmann-Neiße” beobachtet Sibylle Schönborn, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität DüsseldorfMax Herrmann-Neiße schrieb als Theater-, Kabarett- und Literaturkritiker und vertrat das Prinzip der “verstehenden Kritik” und verband sie mit einem Bekenntnis zur “Dichtung der Zärtlichkeit”. Dafür setzte er nicht nur Bewunderungsfähigkeit für die Werke anderer voraus. Für Herrmann-Neiße war ein guter Kritiker auch ein Dichter. Jene Autoren, die er mit dem Merkmal des Dichters auszeichnete, waren auch Sprachrohr für ein jeweiliges Literaturverständnis fungieren.

Idealjournalisten waren für ihn Alfred Polgar, Kurt Tucholsky, Hans Siemsen und Alfred Kerr. Später zählte er noch Peter Altenberg und Robert Walser hinzu. Diese seien verantwortungsbewusste “Dinge durchschauende” Köpfe, die von unabhängiger Position den Befund zu notieren wagten, die gleichzeitig Dichter waren, die Situationen leibhaftig sehen konnten. Editorisch spannend ist, wann und wo er welchen Autor wahrnahm, stets mit seinen Feuilletons an einem Abbild der sich gegenwärtig vollziehenden Literaturgeschichte arbeitend. Seine gesammelten, zu Lebzeiten herausgebrachten Kritiken waren zugleich kanonisch und der Kanon selbst in Herrmann-Neißes Verständnis eine vierte, der  Epik, Dramatik und Lyrik hinzugestellte Gattung.

Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Christa Baumberger, unter anderem Herausgeberin von Emmy Hennings Prosawerk und Kuratorin der Ausstellung “Dada Original” in der Schweizerischen Nationalbibliothek (5.3.-28.5.2016) beschloss den Freitag mit ihrem Vortrag “Ein ‘zarter und zierlicher Ton’: Emmy Hennings im Feuilleton der 1920er und 1930er Jahre”. Bekannt ist Hennings vor allem als weibliches Mitglied der Zürcher Dada-Bewegung, als Frau und Nachlassverwalterin Hugo Balls oder als Muse der expressionistischen Dichtergeneration. Erst seit einigen Jahren wird sie auch als bedeutende Autorin der literarischen Moderne gewürdigt. Als äußerst produktive Feuielletonistin verfasste sie ab Beginn der 1920er Jahre zahlreiche Literaturkritiken, Reiseschilderungen und Betrachtungen zeitbezogener Themen. Für ihre Arbeiten im Feuilleton eignete sie sich einen “zarten und zierlichen Ton” an, der manchmal nur “mühevoll errungen” war (Brief an Maria Hildebrandt, 18.1.1932). – Im Vortrag selbst standen Henning Literaturkritiken und Autorenportraits im Vordergrund.

61rtldCnnMLBemerkenswert war die aktuelle Herangewesenweise an Hennings. Baumberger eröffnete mit Roman Buchelis 2008 formuliertem Fazit, dass „die Krise des Feuilletons (…) eine Krise der Kritik“ sei. “Von Zeitfragen über politische Themen wie Terrorismus, Kriege und Konflikte zu Wissenschaftsdebatten, hin zu Freizeit, Sport und – last but not least – Kultur: Alles kann im Feuilleton abgehandelt werden. An den Rand gedrängt wurde von dieser Entwicklung das eigentliche Kerngeschäft, die Kunstkritik: von der Musikkritik bis zur Literaturkritik. Als mit dem Debattenfeuilleton der Kulturteil der Zeitungen neu erfunden werden sollte, drohte das kritische Metier vollends ins Abseits (wenn nicht gar in den Ruch der Langeweile) zu geraten.

Rezensionsfeuilleton heisst fortan mit einem leicht abschätzig gemeinten Begriff das trockene Brot der Kunstkritik. Die Selbstprofilierung des Feuilletons vollzieht sich nun vornehmlich über kulturfremde Themen oder künstlich erzeugte Erregungen.” Doch 2013 kommt Bucheli auf seine Argumentation zurück und sieht in der Digitalisierung “eine Chance für die Neudefinition und Vertiefung der Literaturkritik”, da hier eine kritische Öffentlichkeit hergestellt werde.

Baumberger: “Blenden wir von da um hundert Jahre zurück, zum Feuilleton in der Weimarer Republik. 1920 bis 1930 entfaltet die Presse eine mediale Vielfalt von bislang ungekannten Dimensionen. 1928 erscheinen allein in der Metropole Berlin rund 100 Tageszeitungen, darunter 10 in fremden Sprachen, ca 100 Unterhaltungs- und ca 100 Fachzeitschriften, davon 20 fremdsprachige.” Literaturzeitschriften gab es an jeder Ecke und die Kritik werte jede Publikation auf. “Die Grenzen zwischen eigentlichen Kritiken und anderen Feuilletontexten sind fliessend; Autorenporträts, Erinnerungstexte an Autoren und öffentliche Briefe von Dichter an Dichterkollegen sind gang und gäbe.” Der Ton dieser Texte ist zumeist plaudernd, ein neuer Stil wird durchgesetzt, der auf besondere Weise von Emmy Hennings kultiviert wird. Sie ist Beobachterin fürs Feuilleton und als Autorin wird sie wiederum vom Feuilleton beobachtet. Wenn Dichter über Dichter schreiben, entsteht eine besondere Form, wie in Hennings Bericht über Johanns R. Bechers Verhaftung, erschienen am 6. Januar 1926 im Berliner Tageblatt. Hennings, die selbst einst inhaftiert war, die sich immer wieder literarisch mit dem Gefängnis auseinandersetzte, schrieb subjektiv, ihre eigene Kritikerposition relativierend und poetisierend – wie man es auch von Else Lasker-Schüler kennt:

„Der Dichter Becher ist verhaftet, vermutlich aus politischen Gründen. Ach, du mein Gott, ich kenne Becher so gut; seit Jahren, und er weiss von Politik so wenig, wie das Kätzchen. Er ruft nur: Immer Drauf! Und Dran! und hin und her! und dann dichtet er schön. […] Wie kann so ein Mensch gefährlich sein? Aber ich trau mich nichts gegen die Verhaftung zu tun. Denn, wenn ich sage, er hat hübsche Glühwürmer im Kopf, ein paar Raketen, meinetwegen Sterne, dann besorge ich, dass er selbst gekränkt ist.“ Berührt das? Definitiv. Es macht zugleich neugierig auf diese wundersam herzergießende, frei denkende Dichterin. Baumberger im Fazit: “Hennings ist keine Literaturkritikerin, ihre Stärke ist nicht die kritisch-intellektuelle Durchdringung eines fremden Stoffes und das Fällen eines Urteils. Bezeichnenderweise haben wir bislang keinen einzigen Verriss von Hennings gefunden. Ihre Texte schmiegen sich gleichsam als Liebkosungen um die Bücher – das Resultat sind Empfehlungen an die Leserschaft.”

Ausgewählte Literatur: “Pop: Kultur & Kritik #7”, transcript, 180 Seiten, 16,90 Euro / Andreas Ziemann: “Soziologie der Medien”, transcript, 160 Seiten, 12,50 Euro / Nadja Geer: “Sophistication. Zwischen Denkstil und Pose”, V&R Unipress, 268 Seiten, 44,99 Euro / Schönborn, Sibylle (Hrsg.): “Exzentrische Moderne: Max Herrmann-Neiße (1886-1941)”, 284 Seiten, 72,80 Euro / Nicola BehrmannChrista Baumberger (Hgg.): “Emmy Hennings Dada”, Scheidegger und Spiess, 240 Seiten, 48 Euro