Grazer Struwwelpet(e)riade am Schauspielhaus

Die Rezension des „Struwwelpeters“, der gerade als Junk Opera am Grazer Schauspielhaus zu sehen ist und der Rocky Horror Picture Show Konkurrenz macht, erschien am KultRef-Blog und gibt es nun auch hier zum Nachlesen: 

Wer kennt sie nicht aus Kindertagen, die Geschichte vom Zappel-Philipp? Oder die vom wilden Jäger, dem zündelnden Paulinchen oder dem Hanns-Guck-in-die-Luft? Der böse Friederich, der Suppen-Kaspar und der fliegende Robert. Nicht zu vergessen der arme Daumenlutscher.

All diese Figuren stammen aus der Feder eines Frankfurter Arztes und Psychologen: Heinrich Hoffmann hat mit seinem „Struwwelpeter“ 1845, zunächst für die „Gartenlaube“, später für Generationen von Kindern und Eltern, eines der erfolgreichsten Kinderbilderbücher aller Zeiten geschrieben und illustriert. Seine Geschichten sind moralisch, belehrend und pädagogisch umstritten. Viele moralisch erhobene Zeigefinger werden darin gezückt und Kinder für ihr Fehlverhalten drastisch gerügt. Das Schicksal kommt als Strafe in Form des Schneiders, der Daumen abschneidet, mit übergroßer Schere oder als Minz und Maunz, die mit erhobenen Tatzen „Der Vater hat’s verboten“ schelten und zusehen, wie das Paulinchen bis auf seine Schuhe verbrennt, daher.

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Struwwelpeter (Mayer) und die Szenerie des „Suppen-Kaspars“(c) Lupi Spuma

Das Schauspielhaus Graz hat sich des Stoffes angenommen und den Struwwelpeter als Junk Opera professionell mit Julien Crouch und Phelim McDermott inszeniert. Unter der Regie von Markus Bothe erfährt er eine Modernisierung. Aufwendig ausgestattet, schrill und trotzdem unverfälscht wird der Struwwelpeter mit seinen langen Haaren und Nägeln als Hosenrolle (Sarah Sophia Mayer) auf der Bühne weniger zum bemitleidenswerten Verweigerer, als vielmehr zum Storyteller und Drahtzieher des Geschehens. Bitterböse Kommentare und Tierquälerei inbegriffen. Die immer aktuelle Ernährungsdebatte wird am Exempel des Suppen-Kaspars, des zweifelhaften ersten Anorektikers der literarischen Geschichte, statuiert, andere Erziehungsfragen an die Spitze getrieben und grausame Todesarten der infantilen Protagonisten vorgeführt. Eine erfinderisch-erzeugte Klangkulisse, großartige schauspielerische Leistungen (Julia Gräfner überzeugt als Vater, Eizelle und sowieso in jeder Rolle, die sich sonst noch für sie oder die sie findet; Pascal Goffin und Benedikt Greiner beweisen akrobatisches Talent), Befruchtungsszenen und Moorhuhnjagd machen den Theaterabend kurzweilig und zu einem schön-schaurigen Erlebnis der skurrilen Sorte – dem selbst die Tatsache, dass am Ende alles tot ist oder die nüchterne Feststellung der Sinnlosigkeit all der Tode, keinen Abbruch tut. Der schwarzen Pädagogik Hoffmanns setzt er Mut zur Individualität entgegen.

 

Erträumte Schäume oder schäumende Träume?

Letzten Mittwoch feierte die t’eig Theatergruppe mit ihrer neuen Produktion “Schönste Zeit” Premiere. Unterstützung holte sie sich diesmal von Siebtklässlern des BORG Dreierschützengasse. Die Schüler spielten ihr eigenes gegenwärtiges und zukünftiges Ich sowie das vergangene ihrer Eltern, die zurückkehren an den Ort des Geschehens, das Brauhaus Puntigam, wo vor 30 Jahren der Maturaball stattfand. Sie erzählen von Lebenswegen und Statistiken, eingeschlagenen und verlassenen Wege, Individualität und sich doch überall ähnlich wiederholender Zukunft. 

Bill Medley und Jennifer Warnes sprechen von der “Best Time of My Life”, Pitbull & Ne-Yo von “Time of Our Lives”, die American Authors vom “Day of My Life” und die Szene aus Dirty Dancing zu den Klängen von “Time of My Life” kennt man ja. Doch wann bitteschön, hat man denn nun die schönste Zeit? Oder ist es vielleicht nur ein einzelner epischer Moment? Und wann weiß man das? Bitte nicht erst retrospektiv, sondern mit Marker: “Achtung, das ist er jetzt, der schönste Moment deines Lebens.” So läuft das leider nicht. Vielmehr bekommt man vielfach zu hören: “Genieß die Schulzeit, so schön wirst du´s nie mehr haben” oder “Die Studienzeit, das war die schönste Zeit”. Das Leben und die Schule, das sind doch zwei Paar Schuhe. In der Schule lernt man schließlich für das Leben – Oder ist es doch anders herum? Das viel diskutierte Zwitscher-Stichwort zur „Gedichtanalyse in vier Sprachen“ versus wirtschaftlichen Kenntnissen wie Steuern, Mietrecht und Versicherungen, wird im Stück durchexerziert. Wie ist es denn nun und was ist für den erträumten Lebensentwurf wichtiger?

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(c) Heldentheater: t’eig Theatergruppe und Schüler des BORG Dreierschützengasse auf ihrer endlosen „Road to Nowhere“

Das t’eig Theater hat diese Thematik kurzerhand in ein Stück verpackt, in dem 17-jährige Schüler sich einer bereits vergangenen Zukunft bedienen. Im Rahmen eines fingierten 30-jährigen Klassentreffens reflektieren sie anhand der Leben ihrer Eltern über ihre eigene Zukunft. Der Bogen ist gespannt: Die, die am Anfang des ‚Ernst des Lebens‘ stehen korrespondieren mit jenen, die diesen schon ein Stück weit gemeistert haben. Das heißt, die 80er Jahre sind präsent, die Handys der heute 17-Jährigen am Tisch vor dem Publikum jedoch noch präsenter. Da piept und leuchtet die Gegenwart lautlos vor sich hin, während ihre Besitzer zu “Road to Nowhere” in Endlosschleife im Leben ihrer Eltern herumtanzen und springen, schlurfen und sich voran schleppen. Die einen auf der Überholspur, die anderen hinten nach, lebend oder bloß vegetierend, mitunter Rollen tauschend, gestoppt wird auf Autobahn oder Landstraße gleichermaßen, wenn auch nur wegen der im Abstand von 10 Jahren stattfindenden Klassentreffen. Mehr oder minder sind alle bedacht auf den schönen Schein, die Fassade, teilen sich um der Anerkennung für das Erreichte willen mit oder versuchen verzweifelt, sich gut zu präsentieren, um das Versagen, das scheinbar ausweglose Unglück ihrer Situation zu vertuschen. Unisono werden sie geistig wieder zu Schülern, als die, der Klasse ehemals vorstehende, Magistra auftritt und autoritär-grantelnd zur Ruhe mahnt. 

Der vermeintlich so individuelle Weg jedes Einzelnen erscheint schließlich doch nicht so einzigartig und man muss feststellen, dass sich alles irgendwie wiederholt. „Nach den Leggings ist vor den Leggings” – Die Kinder der Achtziger haben nun selbst Kinder, die meisten beschäftigen dieselben Sorgen und kleinen Freuden, alle sind gezeichnet vom Leben und sehen in ihren Kindern dieselben Träume und Hoffnungen, die sie selbst einmal hatten. Fest steht die Vergangenheit, die Gegenwart ist nur ein kurzer Moment und die Zukunft ungewiss. Wie wahr, wie wahr. Blöd nur, dass Wege selten beschildert sind, sondern erst wenn man sie bereits beschritten hat, offenbaren, ob sie Irrungen oder bloß Wirrungen bereithalten. Und überhaupt, wo ist bei dieser Straße eigentlich die Selbstbestimmtheit, einen neuen Weg zu gehen oder umzukehren? Besser gesagt, die viel wichtigere Frage, die sich aufdrängt, ist: Wo ist die notwendige Kraft geblieben, diese Weg-Änderung vorzunehmen?

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Schlusschor und Sesselhaufen aus Statistiken und sinnbildlichen Lebenslügen (c) Heldentheater.

Thomas Sobotka und sein Team inszenieren die Zeit, ihr Vergehen und die unermüdliche Schleife des Lebens in der „Road to Nowhere“ der Talking Heads – Der Theaterabend bietet viel Wahrheit, Mut zur Wiederholung und lange Zeit für eine Status-Quo-Reflexion über das eigene Leben. Er wirft auch die Frage auf, ob der schöne Ansatz – Jung lernt von Alt – auch 2016 noch praktikabel ist. Die zugrundeliegende Moral könnte allerdings schöner nicht sein: Die schönste Zeit liegt immer vor uns. Im hinzugefügten “Hoffentlich” liegt die ungeschönte Wahrheit.

Setz-en Sie sich, bitte!

Von Helden, gefallenen und solchen, denen man Denkmale Setz-t, Sinn und Sein.

Das Spielzeithighlight 2015.2016 in Graz ist gefunden: Es ist die dramatische Adaption von Clemens J. Setz’ zweitem Roman “Die Frequenzen”. Sie feierte am Samstag ihre fulminante Uraufführung. Ein dreistündiges Fest der Sinne, das das Frequenzrauschen der preisgekrönten Vorlage auf unterschiedlichsten Bühnenebenen wahrnehmbar macht und Stunden in kurzwe(i)llige Bilder übersetzt.

Gedächtnis

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(c) Birgit Hupfeld

Mit Alexander Eisenach (Bild) hat ein großer Freund und Kenner des postdramatischen Theaters den Weg nach Graz gefunden. Dass der gebürtige Berliner auch ein Könner ist, beweist er mit der gewaltigen, multimedialen Inszenierung der “Frequenzen”. Das Schauspielhaus Graz setzt dem Autor Setz, der sich bereits im Buch gleich an mehreren Stellen selbst verewigt hat, mit dieser Adaption ein imposantes Denkmal. Der ungestüme Grazer ‘Feldhase’ wiederum zollt  der Stadt im Roman nach Manier eines aufmerksamen erkennenden Flaneurs Respekt .

Schräglage

Setz’ Liebeserklärung an das “nicht-lineare Wesen der Zeit” erzählt vom Synästheten Alexander Kerfuchs, der an einem Tinitus und unter dem Vaterverlust leidet, und seinem Schulfreund Walter Zmal, aus dem, zu Tode gefördert, schließlich gar nichts wurde. Die Protagonisten sind durch die gemeinsam zugebrachte Kindheit und die jeweiligen ödipalen Konflikte verbunden, einander aber doch fremd. Der Roman belebt unbelebte Dinge, verschränkt sinnliche Wahrnehmungsebenen und strotzt, obwohl formal nicht perfekt, durch verwegene Dialoge und virtuoses Sprachspiel von poetischer Kraft, Humor und Skurrilität. Geleitet wird die Erzählung von der physikalischen Theorie des Welle-Teilchen-Dualismus, jener nahe an der Philosophie angesiedelten Vorstellung einer Verschränkung von Raum und Zeit, auf der die Quantenphysik fußt. In der Raumzeit herrscht eine Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieser transzendente Leitfaden gibt die Lesart des Romans vor und verbindet als Hintergrundrauschen im Frequenzbereich die vielschichtigen Erzählstränge zum skurrilen Ganzen. “Warum sollten nicht die Frequenzen das Entscheidende sein?” – Selten war ein Titel passender.

Versatz

Dramaturgin Karla Mäder verspricht einen skurrilen Abend in detailreichen Bildern, die nicht wissen lassen, wo man zuerst hinschauen soll. Eine Art inszenierte Reizüberflutung also. Sie behält Recht. Bevor aber überhaupt an eine Theateraufführung gedacht werden konnte, mussten 700 Seiten Text und darin geschildertes komplexes Geschehen in ein spielbares Drehbuch gepackt werden, das es möglichst linear entwickelt, beschreibt sie die intensive Arbeit an einer Reihung der nahezu unüberschaubaren Erzählstränge. Deklarierter Fokus dabei lag jedoch auf einer Wiedergabe der ironisch-humorigen Sprachkunst Setz’, dessen Dialoge fast prädestiniert für eine theatrale Umsetzung erscheinen. Schließlich entstand innerhalb von nur fünf Probenwochen die Dramaturgie, die von nur fünf Schauspielern und einem Kind umgesetzt wird.

Zeitvertreib

Das hochmotivierte Ensemble gibt alles und brilliert in der Darstellung sich vor Verzweiflung windender Charaktere. Aufwendige Kostüme und häufige -wechsel (Claudia Irro) und die Drehbühne machen die schauspielerische Leistung noch bemerkenswerter. Franz Xaver Zach mimt eine sich mit Proust´schen Fragebögen abmühende Gottfigur und stellt sein Können in einer schier endlosen, die anderen einschläfernden, monologischen Schimpftirade unter Beweis. Die suchende, Schöne und fachlich fragwürdige Psychologin Valerie wird von Evamaria Salcher ausdrucksstark gespielt. Vera Bommer ist als Lydia gleichermaßen überzeugend wie als Patientin Valeries oder wenn sie Walters Vater imitiert, ebenso Jan Brunhoeber als neurotischer Schauspieler Walter Zmal, der in der Bühnenfassung kurzerhand zum psychopathischen Mörder Valeries degradiert wird. Setz’ Namensvetter Clemens Maria Riegler verkörperte Alexander Kerfuchs – als wahnsinniger Rosa-Brillen-Träger, verlassenes Kind oder missverstandener Mann im Clinch mit der Frau am Steuer jenes Wagens, der Fiat heißt (bezeichnenderweise lateinisch für ‘es ist geschehen’ oder ‘es werde’ steht), gelb ist wie der Freitag in der synästhetischen Wahrnehmung Kerfuchses und das Kennzeichen “G-FR111” (111 das numerologisch ‘Unvorhersehbarkeit’ meint) trägt – in allen Facetten seines emotional gemarterten Daseins. Diesem wird am Ende bei der zweiten Hochzeit des Vaters, mit David Bowies “Space Oddity” treffend untermalt, der Todesstoß versetzt.

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(c) Lupi Spuma

Glashaus

Die zwei jugendlichen Ichs des Protagonisten – eines gespielt vom Kinderdarsteller Felix Ostanek, das andere von Riegler bzw. Brunhoeber – tauschen ihre Rollen, als sie sich vorne treffen, während hinter der Bühne weitergespielt wird und Walter von Riss erzählt, der quer durch die Raumzeit verläuft. Eine erklärende und ähnlich grandios umgesetzte Szene spielt Franz Xaver Zach als Walters Vater hinter der Bühne. Er kriecht unter das Bett und gibt so vor, im Keller besagten Riss zu entdecken. Die Filmsequenz dieses Ortswechsels wird gleichzeitig vom Kind Walter, der im Bett darüber liegt, mitangehört und so die Vorgeschichte als Schlüsselszene präsentiert. Als der verängstigte kleine Junge seine Mutter fragt, ob sie denn da sei, antwortet diese mit einer weiteren sprachlich explizit werdenden Gleichzeitigkeit: “Ja, ich bin im Wohnzimmer und der Küche.” Verantwortlich für die (Dreh-)Bühnengestaltung ist Daniel Wollenzin. Ihm gelang mit der vorder- und hintergründig bespielbaren Ansicht ein raffinierter Clou. Vorne steht eine vom großen Architekten gestaltete Fassade, die außer Schein nicht viel bietet, aber als ausgebranntes Schaufenster und Badezimmer verwendet wird. Hinten bespielt wird das Gerüst erkennbar, das die Fassade aufrechterhält und unter anderem als Gasthaus, Schlafzimmer und Garten funktionalisiert wird.

Schein

Die Ebene der Schauspieler ist also nur eines der eingesetzten theatralen Mittel, die in ihrer Vielzahl gleichzeitig die Erzählung vermitteln. Der Vielstimmigkeit und Polyvalenz der Vorlage versucht die Inszenierung gerade in den Details – selbst der auftretende Chor versucht alle menschenmöglichen Tonlagen/Frequenzen abzudecken – gerecht zu werden. Mehrere Dinge passieren auf der Bühne in einer Verschmelzung von Handlung und Raum nebeneinander. Abhängig davon, wo der Blick gerade innehält, nimmt man als Zuschauer eine Perspektive ein, die ein völlig anderes Bild ergibt, als noch Momente oder Zentimeter zuvor. Gleichzeitig wird verkündet: “Es gibt keine unterschiedlichen Perspektiven, es gibt nur das hier”. Das Wie und das Was des Geschehens verschwimmt spätestens dann, wenn das Gespielte simultan zu sehen ist, aufgenommen wird und auf einer zweiten transparenten ‘Leinwand’ gezeigt wird.

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(c) Lupi Spuma

Thomason

Der Roman wie die Inszenierung werfen Fragen auf. Fragen nach Identität, Selbstbestimmung oder dem Schicksal. Sinnfragen. Setz entwirft einen komplexen Entwurf vom komplexen Leben. “Was passiert, passiert.” Der Riss in der Wand, der Walters “seelische Gleichgewichtsstörung” auslöst, wird zum Riss in der Welt. Er ist tiefgreifend, aber seine Grenzen verlaufen unscharf bis messerscharf. Die Inszenierung strotzt vor widersprüchlicher Skurrilität, in Szene gesetzten Dinge und Handlungen, die ihrer Funktion längst beraubt oder schlicht gänzlich entartet simultan erscheinen, dennoch überdauern und von teils intertextueller Sprache als sinnlose Sinnsuche entlarvt werden (=Thomasons) . “Es ist als würde man kleine Holzkästen malen und behaupten, es wären Schafe” (aus Der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry).   

 

 

Diagonale: History of Now

Für Cineasten und Fans des österreichischen Films hatte das Warten vergangene Woche endlich ein Ende: Die jährliche Diagonale – das Festival des österreichischen Films präsentierte die Neuproduktionen heimischer Filmemacher und verwandelte Graz wieder in die Hochburg der Filmschaffenden.

Alles, was in der Branche Rang und Namen hat, bevölkerte dieser Tage die Landeshauptstadt. Man traf sich aber nicht nur um die neuesten Werke zu genießen, sondern auch um sie zu diskutieren. Das Festival, das sich als Forum für Präsentation und Auseinandersetzung versteht, eröffnet außerdem die Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch. Aktuellen Tendenzen des künstlerischen Filmens konnte ebenso nachgespürt werden, wie sie im Rahmen diverser Publikumsgespräche und Diskussionsveranstaltungen mit Filmexperten die Projekte kritisch und differenziert zu hinterfragen. Zusätzlich neuen Wind verschafften der diesjährigen Diagonale seine Neo-Leiter Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber.

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Zita Geier und Ursula Strauss bei der Eröffnung der Diagonale              (c) Raneburger

Zur Eröffnung wurde am Dienstag die Verfilmung des autobiographischen Romans “Maikäfer flieg” von Christine Nöstlinger gezeigt. Der Film von Mirjam Unger erfuhr bereits im Vorfeld große mediale Aufmerksamkeit, nichtzuletzt aufgrund der herausragenden Leistung der erst 10-jährigen Hauptdarstellerin Zita Geier. Ursula Strauss durfte sich für ihre Rolle als Christines Mutter über den Schaupielpreis der Diagonale freuen. Seit Freitag läuft der Film auch regulär in den österreichischen Kinos.

Ein weiteres Highlight war die Verfilmung des literarischen Briefwechsels zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann Herzzeit, die unter dem Titel “Die Geträumten” das Rennen um den begehrten, mit 21.000 Euro dotierten Großen Diagonale Spielfilmpreis für sich entscheiden konnte.

Am Rande wurde auch eine besonders ehrliche Low-Budget-Produktion gezeigt:  Nadiv Molcho durfte mit “History of Now” am Freitag sein Erstlingswerk im Rahmen des Festivals vorstellen. Der Sohn des bekannten Körpersprachexperten, Star-Pantomimen und Wiener Universitätsprofessors Samy Molcho übernahm nicht nur Drehbuch und Regie, sondern überraschte mit einer Einfühlsamkeit, die ihresgleichen sucht. Er hat mit seiner Romanze eine authentische Liebesgeschichte auf die Leinwand gezaubert, in der sich nahezu jeder irgendwie wiederfindet.

Im Zentrum des Films stehen Eli und Maya, gespielt von Molcho Junior und Aya Beldi. Beide sind Mitte zwanzig, lernen einander kennen und verlieben sich. Sie sind voller Träume, streben nach Mehr und sind gleichzeitig romantisch-naiv. Vor allem Maya strahlt inspirierenden Hunger auf das Leben, flatterhafte kindliche Neugier und gleichzeitig laszive Herausforderung aus, Eli wird als unschuldig-verträumter Romantiker dargestellt, der mit einer Mischung aus Faszination und Neid beobachtet wie unbeschwert Maya durchs Leben geht. Er hadert mit sich, weil er nach Struktur strebt und sich zugleich von der Unbestimmtheit Mayas angezogen fühlt. Molcho zeichnet seine Charaktere als liebevolle, aber unterschiedliche, er lässt sie sich an ihren Differenzen erfreuen und reiben, anfangs vor allem lustige Momente erleben. Der Humor Elis erinnert tatsächlich ein wenig an den seines Vorbilds, den (Stadt-) Neurotiker Woody Allen. Die Ambivalenz zwischen Spaß haben und Erwachsenwerden wird durch ebendiesen charmanten Humor überbrückt, bis dieser von der Ernsthaftigkeit erstickt wird, die Maya (noch) nicht erträgt. Vor allem dieses anfängliche Kennenlernen und Verlieben bietet derart authentische Situationen, dass die Identifikation mit den Figuren leicht fällt. Der Kokon, den sich die beiden bauen und aus dem sie die Realität abseits ihrer Zweisamkeit ausschließen, ist nur zu gut als die “rosa Brille” bekannt. Der Film ikonisiert indem er die Blase zentral setzt und sie so großartig zeigt wie sie allein, ohne ihren Kontext, ist. Eine Darstellung des Alltäglichen sei sein Ziel mit dem Film gewesen, erklärt Nadiv Molcho im anschließenden Publikumsgespräch. Das gelang ihm gerade durch das bewusste Nicht-Inszenieren der prototypischen Blockbuster-Dramaturgie (äußere Konflikte wie Krebs, Schwangerschaft, etc.) und dadurch, eine unverfälschte Nähe zwischen den beiden zu zeigen, die den Seher seine distanzierte Haltung vergessen lässt.

Eli und Maya beginnen eine ernsthafte mehrjährige Beziehung, die im Urlaub in Marokko durch einen Heiratsantrag Elis gekrönt werden soll. Dort verbringen sie die Zeit ihres Lebens und schließen mit dem deutschen Paar Lea und Kai Freundschaft. Der Plan von der gemeinsamen Zukunft gerät jedoch ins Wanken, als sich Maya auf Kai einlässt – berauscht von Alkohol, Marihuana und der Fremde, fernab des heimatlichen Alltags. Fast scheint das Motto ‘laissez faire’ (aka man ist ja im Urlaub, noch jung und ungebunden) – als Entschuldigung durchzuklingen. Dass sie damit die Beziehung zu Eli zerstört, wird Maya erst im Nachhinein bewusst. Was beiden aber auch erst dadurch klar wird: Sie sind grundverschieden, trotz ihrer gemeinsamen Blase. “Shit happens” als moralische Essenz des Films vorzuschlagen, zeugt in diesem Fall nicht von fehlender philosophischer Tiefe, sondern viel mehr von bitterem Realismus, der auf die freigeistige jugendliche Illusion von der Liebe unweigerlich folgen muss und doch einen melancholischen Nachgeschmack hinterlässt.

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Mit einem Budget von nur rund 25.000 Euro und zwei Monaten Zeit für die gesamte Produktion standen Molcho und sein Team vor einer großen Herausforderung. Gerade diese Knappheit beschlossen sie, produktiv für die Intimität ihres Films zu nutzen. Der Charme der Drehorte Wien und Marrakesch wird daher meist durch die Linse einer tragbaren Kamera eingefangen, die Beleuchtung ist natürlich und deshalb atmosphärisch. Die Schauspieler sind vornehmlich befreundete Laien und Molchos Familie, die die Produktion ihres jüngsten Sprosses zudem finanziell und mit Schauplätzen in Wien, etwa dem Lokal von Haya Molcho am Naschmarkt, unterstützte. Was dadurch an Expertise fehlt, wird durch das besonders harmonische Spiel der Hauptdarsteller Nadiv Molcho und Aya Beldi ausgeglichen. Wenngleich an manchen Dingen ‘gespart’ werden musste, an den Kostümen und der Dekoration merkt man das nicht: Farbenpracht und Leichtigkeit vermitteln die bunten, wallenden Stoffbahnen, in die Protagonistinnen (von Kyra Sophie) gehüllt wurden. Natürliche Sinnlichkeit und gierige Lebenslust lässt sie strahlen, wenn sie sich zum Rauschen des Meeres oder den vielfältigen Klängen der Filmmusik bewegen. Die Wohnung in Wien ist liebevoll eingerichtet und das Domizil in Marokko, an sich schon mit sinnlicher Atmosphären-Romantik aufgeladen, wird durch flackernden Kerzenschein, die Vorstellung der orientalischen Düfte und der verspielten Gestaltung auch ästhetisch zum zauberhaften Refugium.

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Nadiv Molcho mit seinem Vater Samy 2013 (c) Thomas Lehmann

Obwohl der Film ganz ohne äußeren Konflikt und konventionelles Drama auskommt, strotzt er also vor inneren Konflikten, nämlich solchen, die sich auf der Gefühlsebene der Protagonisten abspielen und das ganz persönliche Drama darstellen, das sich einerseits individuell gestaltet und doch in abgewandelter Form jedem widerfährt. Er schafft es, etwas objektiv Unaufregendes – einen “no big deal” – zum “biggest deal” zu machen.

Nadiv Molcho betont explizit, mit dem Film kein politisches Statement transportieren zu wollen. Er möchte sein Publikum viel mehr 93 Minuten lang einladen, den Film um seiner visuellen Ästhetik willen zu genießen, sich von ihm und seiner emotionalen Tiefe berauschen zu lassen. Die Zuseher berührt der Film mit einer Ehrlichkeit, Witz und nachvollziehbaren Gefühlen. Die retrospektive Erzählweise aus Elis Sicht (durch seine Stimme aus dem Off) lässt zunächst ins Jetzt eintauchen, das von der Vergangenheit überschattet wird. Was Eli und Maya jetzt sind, sind sie nicht ohne und nur durch ihre gemeinsame Vergangenheit. Das Wiedersehen nach Jahren der Trennung in Wien ist ein Moment und doch die gesamte Geschichte, die “History of Now”.

Vegetieren bis … kommt

Ich startete mit einem Theaterabend in die neue Woche. Den Besuch im Schauspielhaus konnte ich aber alles andere als eindeutig, weder begeistert noch enttäuscht, bilanzieren. Eine Parallele zum Stück? Vor allem die Spanne zwischen Storyline und schauspielerischer Leistung klafft weit auseinander.

Wie an einem typischen Montag nicht anders zu erwarten, trauert man einerseits noch dem vergangenen Wochenende nach und blickt andererseits gespannt auf die kommende Woche. Selbiges Dilemma kennt Daniel Putkammer, gespielt von Nico Link, nur zu gut. Stets bestreitet er einen Arbeitstag nach dem anderen und hofft, der nächste Tag möge eine Besserung bringen. Unterstützung bekommt er von seinen Kollegen und diversen anderen Leidensgenossen, die ihr Dasein mittlerweile ebenso verbittert fristen und von Gastschauspieler Ralph Püttmann mannigfaltig, aber durchwegs glaubhaft gemimt werden.

Der Büroalltag, dem der Ingenieur Putkammer von Kantinenmuff bis hin zu gelangweilten wie skurrilen Kollegen ausgesetzt ist, wird erschreckend realistisch und perspektivenlos in zehn Episoden dargestellt. Der angekündigte Termin beim “Alten” aka Chef lässt Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufkeimen, Putkammer malt sich aus, was eine Beförderung an Besserungen bewirken wird. Als die vermeintliche Beförderung sich dann als Versetzung nach Rumänien entpuppt, stürzt er angesichts der wieder verlängerten Durststrecke und des andauernden Abwartens im “Warteraum Zukunft” in eine depressive Sinn- und Seinskrise. Diese mündet wenig überraschend im Eklat, einem aus Verzweiflung geborenen Kontrollverlust, der ihn fast zu klischeehaft aller Zunkunftsmöglichkeiten beraubt.

Die Figur Putkammers steht stellvertretend für eine gut ausgebildete junge Generation von Akademikern, die sich nach langen Jahren der Ausbildung dem Wahnsinn einer globalisierten Arbeitswelt ausgeliefert sieht, sich allmählich resignierend doch immer weiter abrackert, Praktika absolviert und auf den ersehnten Lohn, eine an Prestige und Bezahlung  angemessene, gesicherte Stelle im Unternehmen, hinarbeitet, bis die Erkenntnis, dass diese wohl nie erreicht werden wird, sie verzweifeln lässt. Das Schauspielerduo brilliert: Link spielt den Hamster im Hamsterrad des Kapitalismus mit reichlich Emotion und wird dabei durch unterschiedliche Positionierung auf der Bühne und wechselnder Beleuchtung unterstützt, bis er letzten Endes vor seiner eigenen Niederlage nicht mehr davonlaufen kann und grandios scheitert. Püttmann überrascht mit erstaunlicher Stimmgewalt und verkörpert sogar die betrunkene Freundin eines Freundes Putkammers überzeugend, ohne ins Gauklerische abzudriften.

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V.l.: Nico Link und Ralph Püttmann (c) Lupi Spuma

Was die Storyline besonders am Schluss an originellen Wendungen missen lässt, macht die detailverliebte Darstellung der Schräglage im Hierarchiesystem der Unternehmensunkultur mit all ihren skurrilen und neurotischen Akteuren wett. Großartiger Einsatz von Requisiten, tontechnischer Ausstattung und einem Bühnenbild, das sowohl funktional wie auch ästhetisch in der Inszenierung von Oliver Kluck zum Einsatz kommt, persiflieren das Abbild einer Arbeitswelt – zwischen Mehrarbeit, einem Wechselspiel aus Unter- und Überforderung und trotzdem prekären Lebensverhältnissen – mit all seinen Routinen und Ritualen.

 

Da ist der Wolf drin

Am Donnerstag feierte ein neues Stück am Grazer Schauspielhaus Premiere. Fast das ganze Ensemble samt Intendanz versammelte sich neben verschiedensten Medienvertretern auf der Zuschauertribüne im HAUS ZWEI. Die Neugier auf den Wolf dürfte groß gewesen sein.

Lupus in Fabula“ von Henriette Dushe ist eine kunstvoll verdichtete Todesfuge über das schöne Leben und sein hässliches Ende. „Der Tod, der Tod, … der Tod ist eine Sau“ heißt es anders als im Celan-Original. Die Inszenierung von Claudia Bossard zeigt, wie Angehörige mit dem nahenden Tod eines geliebten Menschen umgehen und wie sie sich in ihrer Trauer gebärden. „Sprechen ist die Hauptsache von allem“, wird programmatisch verkündet. Drei Schwestern, gespielt von Vera Bommer (sie brilliert als die Jüngste), Veronika Glatzner (als die Mittlere) und Evamaria Salcher (als die Älteste), reden über ihren Schmerz hinweg, versuchen ihn wegzusprechen, um jeden Preis und um nur ja keine Emotionen zum sterbenden Vater aufkommen zu lassen. Es ist der verzweifelte Versuch ihrer Ohnmacht zu entkommen. Ihr Sprechen ist eine namen- und verblose Realitätsflucht, teils makaber und voll schwarzem Humor. Gerede, das ohne echte Aussage auskommt. Sogar ganz ohne Mutter.

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(c) Lupi Spuma

Eine Flucht ins Manifeste und ins Terrain platter, aber dadurch sicherer Metaphorik. Jede für sich hat auf der Bühne ein Bollwerk zur Verfügung, spinnt mit geschickt eingesetzten Requisiten einen Kokon, um sich zu schützen. Die Medikamenten-Szene offenbart den Wolf, der schon im Kartoffelbrei steckt und mit dem verfrühten Winter im Rudel lautstark mit Geheul daherkommt als Potenzierung und Umkehrung der bis dahin angewandten Strategien. Der Tod, eine Vereinigung von Konkretem und Absurdem, er kommt ironisch daher, weil er nicht einmal erfahrbar ist (– frei nach Thomas Bernhard). Doch am Ende sind sie alle da, am Sterbebett des Vaters, warten und hüllen weiße Stille über die Lücke, die bleibt.

 

Fannys Weg zum Funny Girl

Fanny Brice, der größte komische Broadway- und Radio-Star im Amerika des 20. Jahrhunderts, ist Protagonistin des Musicals „Funny Girl“, das seit 16. Januar in Graz gastiert.

Nach dem Theater Chemnitz, Dortmund und dem Staatstheater Nürnberg ist die Oper Graz die bereits vierte Station der Neuauflage des Musical-Klassikers. Mit der Uraufführung im New Yorker Winter Garden Theatre 1964 feierte Barbra Streisand, 21-jährig, in der Rolle der Fanny Brice und mit dem (im Drehbuch umstrittenen) Charthit „People“ ihren Durchbruch. Beide Damen verbindet ein starker Charakter. Stur und durchsetzungsfähig gingen Brice und Streisand ihren eigenen Weg – den von Stars.

In der Neuinszenierung führt Frederike Haas die Tradition weiter und performt nicht nur stimmlich stark. Für die Triple-Threat Musical-Darsteller kam in „Funny Girl“ eine zusätzliche Herausforderung hinzu: Sie mussten nicht nur tanzen, schauspielern und singen können, sondern für viele Sequenzen auch steppen lernen. Passend zur Zeit der 1910er bis 1920er Jahre und der Musik von Jule Styne. Der ursprünglich klassisch ausgebildete Komponist fand auch in „Funny Girl“ für jede Situation den richtigen Ton, der im englischen Original auf der Grazer Bühne ein halbes Jahrhundert später noch immer großartig klang. Die restliche Textfassung wurde von Heidi Zerning, die auch Alice Munros deutsche Stimme ist,  ins Deutsche übersetzt.

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Uschi Plautz, Götz Zemann und Marc Seitz mit dem Ensemble (c) Werner Kmetitsch

Die Wandelbarkeit der Fanny Brice wird anschaulich dargestellt: Über 18 verschiedene Kostüme trägt Haas im Laufe der zweieinhalb Stunden dauernden Darbietung. Das Werden zum Broadway-Star, dem ‚Funny Girl’ wird übrigens ähnlich wie bei Nestroys virtuosem Perückeneinsatz, durch das vom ursprünglichen Feuerrot ausgehenden Erblonden ihrer Haare angezeigt. Ihre unterschiedlichen Rollen, privat wie beruflich, verschweigt das Stück ebenso wenig wie die Komik der jiddischen Sprachkünstlerin, Satirikerin der „Zeigfeld-Follies“ und späteren „Baby Snooks“ im Radio (hier ein Beispiel). Überhaupt überzeugte die Ausstattung von Susanne Hubrich mit einer Detailtreue, die den Zuschauer staunen ließ. Stefan Huber und Bernd Krispin beeindruckten mit ihrer feinfühligen Inszenierung vor allem deshalb, weil er Fanny so vielschichtig präsentierte – als Star und Mensch in ihrem Umfeld und ihrer Gedankenwelt.

Wie bringt man innere Gefühle und Gedanken einer Figur auf die Bühne? Das dürfte eine der größten Herausforderungen bei dieser Inszenierung gewesen sein – gelöst wurde das Problem mittels Zweiteilung des Bühnenbildes. Fannys Hälfte wurde beleuchtet, ein Spot auf sie gerichtet, der Rest gedämpft und das Geschehen auf der anderen Bühnenhälfte eingefroren. Dann sprach sie ihren Monolog.

Neben Frederike Haas erfüllen Boris Pfeifer als Nick Arnstein, Uschi Plautz als Rose Brice und Götz Zemann als Florenz Zeigfeld jr., außerdem Marc Seitz als Eddie Ryan, Fannys bester Freund und Choreograph, die hohen Erwartungen des Publikums.

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(c) Werner Kmetitsch

Gleich zu Beginn des zweiaktigen Musicals, in der ersten Erinnerungssequenz, die Brice in ihrer Garderobe des Theaters memoriert, singt sie überzeugt: „Selbst, wenn keiner mein Talent erkennt – ich bin ein Star!“ Und damit sollte sie bis Ende, im zweiten großen Song mit „Don’t rain on my parade“, Recht behalten.

Das Musical zeichnet die Anfangsphase der steilen Karriere und die Liebesgeschichte von Brice und ihrem ersten Ehemann Nick Arnstein nach. Dabei transportiert es noch viel mehr als echte Emotionen zwischen dem zukünftigen Ehepaar, „Funny Girl“ porträtiert Fanny Brice junge, zielstrebige Frau, die es selbstbewusst mit jedem Mann aufnimmt und das in einer Zeit, in der die Rolle der Frau noch lange keine emanzipierte war. Ohne Fleiß kein Preis, das wusste Brice und arbeitete hart, bis sie unabhängig und erfolgreich war. Doch ließ sie dieses Wissen nicht davor zurückscheuen, dem Theater zum rechten Zeitpunkt, jenem, an dem für sie die Erreichung ihres persönlichen Glückes so nahelag, den Rücken zu kehren. Da ist sie die Frau, die auf der Bühne „My Man“ singt und ihre Erfüllung auch in der Aufgabe als Ehefrau und Mutter findet. Für sie ist Karriere und (Ehe-)Frau-Sein kein Widerspruch. Sie ist eine Frau, die weiß, was sie will und was nicht, eine, die für die Liebe kämpft, doch letztlich einsehen muss, dass Liebe allein nicht reicht.

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Frederike Haas und Boris Pfeifer (c) Werner Kmetitsch

Zumindest nicht für ein Happy End jeder Lovestory, schon gar nicht über alle gesellschaftlichen Hürden hinweg. Die Beziehung zu Arnstein scheitert schließlich nicht an seiner Spielsucht, sondern an der Unvereinbarkeit von Liebe und Macht. Ihre Liebe war echt, doch zusammen funktionierten die beiden nicht („Das wird aus einer Ehe mit einer erfolgreichen Frau, die sich durch ihn reicher fühlt, wenn er verdreckt aus dem Sandkasten kriecht“) und so mussten sie am Ende des zweiten Aktes einsehen, dass sie zwar einander lieben, aber sich selbst mehr (und aufgrund dessen gar nicht erst versuchen wollten, daran zu arbeiten). Daraufhin leiten sie die Scheidung ein und Fanny, nun endgültig zum Funny Girl lanciert, beschließt, neu anzufangen und nicht zurückzuschauen. (Die ‚echte’ Brice hat übrigens nach Scheidung Nummer drei beschlossen, für den Rest ihres Lebens allein zu bleiben und diesen Vorsatz strikt durchgehalten.) Glück in der Liebe und Pech im Spiel – oder umgekehrt, aber immer nur eins von beidem. Das könnte man als Lehre aus diesem Stoff ziehen ohne dabei zu vergessen, den schön realistisch-feministischen Anspruch mitzudenken.

Für all jene, die keine Karten mehr bekommen konnten, seien hier und hier noch die beiden Verfilmungen zu “Funny Girl” und dem Sequel “Funny Lady” als Tipp zum Nachschauen erwähnt.

 

Vom Finden, Verlieren, Wiederfinden und schließlich doch Verlieren

Neben dem aus der letzten Spielzeit übrig gebliebenen Inszenierung von Ed Hauswirth Jugend ohne Gott“ steht nun noch ein zweites Ödön von Horváth Stück auf dem Spielplan des Grazer Schauspielhauses: „Kasimir und Karoline“, ein Stück über die Käuflichkeit von Zuneigung, inszeniert von Dominic Friedel.

„Und die Liebe höret nimmer auf“… aber sterben müssen wir alle.

Die Anweisung Horváths, das Stück spiele „in unserer Zeit“, hat sich der junge Regisseur Dominic Friedel zu Herzen genommen. Mit moderner Musik, stimmenstark dargeboten von den Schauspielern selbst und flimmernden Lichtern wird nicht nur irgendeine Jahrmarktstimmung evoziert, sondern eine von heute. Das Bühnenbild ist auf die „Wiesn“ reduziert und damit grandios. Es wird getanzt, gelacht, gesungen und gespielt. Bis der Schutzmantel des Geldes weicht und darunter Ungewissheit, Machtlosigkeit und Verzweiflung zum Vorschein kommen. Geliebt wird scheinbar oberflächlich, solange das Prekariat vertuscht und dem Hedonismus gefrönt werden kann.

Ödön von Horváths sozialkritisches Stück „Kasimir und Karoline“ zeigt, was mit einer Liebe in Abhängigkeit von monetären Verhältnissen passiert. Der Chauffeur Kasimir ist gerade ‚abgebaut’ worden – also neo-arbeitslos und begleitet seine Verlobte Karoline nur um derentwillen auf das Münchner Oktoberfest. Dort verlieren sie sich bald. Er landet beim Kleinkriminellen Merkl Franz, sie verirrt sich in die Arme des Eugen Schürzinger und des Kommerzienrats Konrad Rauch. Beide buhlen um sie.

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(c) Lupi Spuma

Sarah Sophia Mayer spielt Karoline als lebenslustiges junges Mädchen. Leicht und unbelastet schwebt sie über die Bühne. Oktoberfest genießt sie in vollen Zügen. Wer ihr dabei Gesellschaft leistet scheint anfangs nicht, zwischenzeitlich völlig egal und schließlich übermächtig wichtig. Nico Link verleiht ihrem Verlobten durch und durch melancholische Züge. Sein Abgleiten in die Hoffnungslosigkeit einer Depression ist beinahe körperlich spürbar. Listig und argwöhnisch, dabei aber zumindest dem Anschein nach charmant, besticht Pascal Goffin, wie schon in „Volpone oder Der Fuchs“ als Karoline umgarnender Schürzinger. Die schrägste Bühnenperformance, dieser im wahrsten Sinne des Wortes „schrägen“ (auch dem Bühnenbild geschuldeten) Inszenierung, lieferten der Merkl Franz und seine Erna alias Jan Brunhoeber und Henriette Blumenau ab. Der düstere Merkl stellt sich zunächst nur durch Kommentare und Seitenhiebe heraus, zieht Kasimir nach und nach zu sich auf die ‚schiefe Bahn’ und endet schließlich selbst als in der Dunkelheit gleich dreimal sterbendes Skelett. Sein Totentanz ist zugleich schrill und anmutig. Clemens Maria Riegler mimt den erfolgreichen Unternehmer Konrad Rauch, der anfangs schüchtern, später gemein und skrupellos den Ausspruch: „Zukunft ist eine Beziehungsfrage“ verkörpert.

Die zärtliche Szene zwischen Kasimir und Erna nach Merkls Tod ist schauspielerisch top, ebenso wie die zusätzlich noch gesanglich starke Performance von Julia Richter und Silvana Veit, die die leichten Mädchen am Oktoberfest darstellen. Die traurige Stimmung wird durch passende Songs wie Johnny Cashs „Hurt“ noch zusätzlich verstärkt, nur einige herzhafte Lacher werden von Franz Xaver Zach zur Auflockerung provoziert.

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(c) Lupi Spuma

All die Träume vom Anfang entpuppen sich schließlich als Schäume. Die Situation endet im Fiasko – Kasimir und Karoline, die ehrliche Gefühle füreinander hatten, verlieren sich in den Wirren von Pessimismus, Optimismus und Zynismus, dem Streben nach Erfolg und Macht, echter und käuflicher Zuneigung. Aus ihren Träumen eine gemeinsame Realität zu basteln schaffen die Figuren ob mangelnder Kommunikation und fehlender Rückbesinnung auf ihre Grundwerte schließlich nicht. Hin und hergerissen zwischen Träumen, Sehnsüchten und dem Zufriedensein mit der Imperfektion („Das Leben ist nun einmal unvollkommen“) machen sie jeder für sich weiter. Denn „solange wir uns nicht aufhängen, solange leben wir.“

Regisseur Friedel hat mit einem fähigen Ensemble, toller Bühnengestaltung und originellen Charakterzeichnungen aus dem Horváth´schen Text eine trauernde Stille inmitten vom Oktoberfest-Lärm auf die Bühne gezaubert. Hochmodern und sozialkritisch wie es das Original bei seiner Entstehung war, überlässt Friedels Inszenierung dem Zuseher selbst, darüber zu spekulieren was wohl das „Zeppelin“ der heutigen Gesellschaft sein mag.

 

 

„Chewy, dir ist kalt?“

Ich bin Star Wars-Fan. Ja, ich bekenne mich. Der Krieg der Sterne, weit-weit-entfernte Galaxien, das apokalyptische Märchen, sympathische Figuren und dunkle Bösewichte, Vatermörder und andere gefallene Helden, grüne Männchen – das alles begeistert mich. Und natürlich die Macht, Kult, Stil, Hintergrund und Lucas. Aber Star Wars VII – „Das Erwachen der Macht“ hat mir nicht gefallen. So gar nicht. Und ich weiß, damit widerspreche ich ziemlich jeder anderen Kritikerstimme. Es mag der Uhrzeit geschuldet sein (ich kam um 03.40 Uhr morgens aus dem Kinosaal, da wir eine gesonderte Premierenvorstellung genossen) oder am Umstand liegen, dass der Film mich in den ersten zwanzig Minuten, als ich ihm noch eine Chance geben wollte, so überhaupt nicht überzeugt hat. Lächerlich, bestenfalls parodistisch, so kamen mir diese Minuten vor. Ich habe versucht, nicht zu spoilern. Das ist das Ergebnis. Ein Text, der von Aufzählungen und Vergleichen lebt und der vor Sarkasmus trieft. Aber mal ehrlich: Inhaltlich hatten wir das alles doch schon mal?! 

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Gestern hatte der neue Star Wars VII in Österreich Premiere. „Das Erwachen der Macht“ ist, wie erwartet, ein Ausschlachten des Stoffes und allein für die Filmindustrie ein Gewinn. Vielleicht noch für eingefleischte Fans, die die ersten sechs Teile schon auswendig mitsprechen können und denen alles egal ist, sobald etwas mit „Star Wars“ überschrieben ist. Außer den alten Darstellern (Harrison Ford alias Han Solo, Carrie Fisher alias Prinzessin Leia, auch Chewbacca ist wieder mit von der Partie) und der gewohnten Musik von John Williams ist an diesem Film aber wenig gelungen. Der Plot ist zwar aus jenen alten, dafür abgeflachten Figuren (Han Solo und Chewy sind immer noch ein Dreamteam, obwohl Han der Witz seines Humors gänzlich abhanden gekommen ist) und neuen Figuren wie der Schrottsammlerin Rey, die Han als „den Vater, den sie nie hatte“ ansieht, sowie Stormtrooper-Deserteur Finn und dem Kampfpiloten Poe Dameron gesponnen, aber auch nach exakt den alten Handlungssträngen. Alle suchen nach Luke alias Mark Hamill, der 30 Jahre zuvor verschwunden ist. Die Galaxis ist immer noch schwarz-weiß, der einzige Unterschied: Die dunkle Seite der Macht haben nicht mehr die Sith inne, sondern die „Erste Ordnung“, deren Anführer Lord Voldemort aus Harry Potter verblüffend ähnlich sieht. Der Todesstern ist nun dreimal so groß, die Vater-Sohn-Kontroverse gleich aufgebaut, R2D2 heißt jetzt BB-8* und rollt durch die Gegend.

Einzig unter Darth Vaders Maske steckt kein verbrannter Halbtoter, sondern ein dunkelhaariger Schönling: Kylo Ren, Sohn von Han und Prinzessin – jetzt: General – Leia, gespielt von Hipstar Adam Driver (siehe Bild).

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(c) cinemablend.com

Wenn man bedenkt, dass die Star Wars Saga bereits abgeschlossen, die Prequels erzählt und bereits kritisch gesehen wurden, Disney zwar einen gut gemachten Film produziert hat, aber das Fehlen von George Lucas nicht verschleiern konnte, kann man Regisseur J. J. Abrams eigentlich gar keinen Vorwurf machen.

Aber die entscheidende Schlacht im Schneegestöber stattfinden zu lassen, das kann man ihm wirklich übelnehmen. Erde tu dich auf! Ach, das tut sie ja.

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Was die ersten zwanzig Minuten des Filmes nicht zu leisten vermochten, schaffte auch der Rest nicht mehr. Da aber auch Filme eine zweite Chance verdienen, werd ich mir Star Wars VII demnächst im Rahmen eines Features noch einmal zu Gemüte führen. Danach finde ich hoffentlich auch ein paar Details, die mir sehr gefallen und von den überaus spannenden Hintergründen beispielsweise zur Besetzung und Produktion (Stichwort: GoT) ablenken. Dazu aber in einem anderen Beitrag mehr.

*Um dem Vorwurf zu entgehen, falsche Aussagen zu treffen: R2D2 kommt selbst im Film vor, BB-8 ist lediglich der Begleiter für Rey, der R2D2 früher für Obi Wan Kenobi und Anakin Skywalker war – hierin fußt die Analogie .

Im Bann der Erzähl-Zeit

Es ist faszinierend, auf wie viele unterschiedliche Arten und Weisen Geschichten erzählt werden können. Das „Internationale Storytelling-Festival“ beschäftigt sich genau damit. In Graz ist es als „Graz erzählt“ bekannt und wird von Schriftsteller und Märchenerfinder Folke Tegetthoff geleitet. Besonders faszinierend ist, mit welchen Mitteln Märchen erzählt werden können. Ihr Vorteil: Man kann mit kollektivem Wissen spielen. Das Märchen von Dornröschen (hier im Originaltext zum Nachlesen) kennt nahezu jeder im europäischen Raum. Was die Brüder Grimm 1812 erstmals niederschrieben, ist eine Geschichte, die über Jahrhunderte hinweg Konjunktur hat und hatte, jedes Kind dazu veranlasst, einmal vom Prinzen zu träumen oder selbst der Prinz sein zu wollen. Es gibt mannigfaltige Bearbeitungen des Stoffes, einen gleichnamigen Verlag, musikalische Umsetzungen und darstellende Adaptionen en masse. Eine davon habe ich am Dienstag in der Oper Graz gesehen. Einige Eindrücke.

Der Ankündigungstext auf der Website der Oper verspricht: „– und den Zuschauern wird dabei eine neue Perspektive auf „ihr“ Grazer Opernhaus garantiert.“ Dieses Versprechen wurde eingehalten. Als erstes irritiert der Blick auf die Eintrittskarte, dort steht nicht „Loge“, „1., 2. oder 3. Rang“, sondern „Freie Platzwahl“. In der Oper? Hört sich an, als wäre da wirklich etwas anders als sonst. Das war es auch.

Man betrat den Zuschauerraum und erblickte mit weißen Laken verhüllte Sitzreihen. Und eine Leiter, deren Zweck sich erst gegen Ende erschloss. Durch den Mittelgang wurde man direkt zur Bühne gelotst.

Auf der Bühne war eine dreigliedrige Tribüne aufgebaut, man ging einmal quer über die Bühne und nahm darauf mit Blickrichtung Zuschauerraum Platz. (Siehe Bild)

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(c) Julia Neuwirth

Gespannt und aufgeregt besah man diese ungewohnte Seite der Bühne. Das Orchester war auch nicht wie sonst im Orchestergraben versteckt sondern in die linke Ecke der Bühne versetzt, keine zwei Meter von der ersten Reihe entfernt.

Der Titel des Abends, „Der liebe Schlaf – Ein Dornröschenballet“, ließ wenigstens eines gewiss wissen: Es handelt sich um eine Tanzperformance mit musikalischer Gestaltung. Das 16-köpfige Ballet-Ensemble wurde mit Musik von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Georg Friedrich Telemann und Antonio Vivaldi an- und begleitet. Der eigentliche Geschichtenerzähler dieses Abends war dessen Choreograph Jörg Weinöhl. Vielschichtig und stilistisch eindeutig abgrenzbar setzt er jede figürliche Verkörperung seines Ensembles in Szene. Man erkennt ohne weiteres, ja spürt fast instinktiv, wer da auf der Bühne von den Tänzern dargestellt werden soll und welche Dynamik sich mit jeder einzelnen Figur ergibt. Zur unglaublichen Körperbeherrschung und Präzision der Bewegungen, konnte man die schauspielerische Leistung bewundern. Denn trotz so großer körperlicher Anstrengung, kippte die Miene der Tänzer nie in unpassend schmerzverzerrte oder gequälte Gesichtsausdrücke, sondern blieb stets professionell leicht-lächelnd.

Zu Beginn staunte das Publikum nicht schlecht. Einige Minuten lang herrschte konzentrierte Stille und atemlose Faszination. Obwohl man keiner gesprochenen Handlung folgen musste und theoretisch den machtvollen Gesang (der übrigens nur von zwei Stimmen, einer männlichen, der von Martin Fournier, und einer weiblichen, jener von Sieglinde Feldhofer bestritten wurde) auch als bloße Rahmung hätte sehen können, ohne auf den Text zu achten, war die Darbietung alles andere als langweilig. Schlanke, athletische Körper bewegten sich so anmutig und leicht durch den Raum, als koste das Tanzen weder Mühe noch Energie. Fast schien es als schwebten die Tänzer durch den Raum und dehnten die Zeitachse hin zu einem gebannten, enthobenen Wahrnehmen jenseits des herkömmlichen Zeitempfindens. Obwohl sie hüpften, liefen, Pirouetten drehten und sich artistisch durch die Lüfte bewegten. Oder durch imaginäres Wasser schwammen.

So tauchten sie in das Märchen ein: Der graue Prolog war beendet, nachdem man den Kinder-Gaststars aus dem Märchenbuch vorzulesen begann und man Lorena Sabena die Badehaube reichte und sie ab- und damit eintauchte ins Märchen „Dornröschen“.

Die dargestellten Bilder – vom Kennenlernen des Königspaares, über das Hochzeitsfest und die Geburt der Tochter – bildeten eine harmonische Einheit und assoziierten ebenso intensive Gefühle wie die feuerwerksgleichen Lichteffekte. Trat das ganze Ensemble auf, hatte man den Eindruck ein einzelner Körper bewege sich, Soli oder Paarsequenzen erfüllten umgekehrt den ganzen Bühnenraum. Eine verzauberte Stimmung breitete sich aus.

Bis die „böse“ Fee auftauchte, ihrem Ärger Luft machte und mit ihrem Fluch den Zauber ins Dramatische verkehrte: Miki Wakabayashi vermochte stilistisch Hektik, lauernde Feindseligkeit und gleichzeitig trotzdem feenhafte Grazie zu vermitteln. Sie schuf durch ihren Tanz und den anschließenden Abgang eine Atmosphäre betroffener Stille in dessen Bresche nur die zwölfte Fee mit ihrem mildernden Wunsch springen konnte.

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Bruna Diniz Afonso                             by Wolf Silveri

Als anschließend zum ersten Mal Bruna Diniz Afonso als Dornröschen auftrat, war man wieder besänftigt und entzückt von der jugendlichen Zartheit und dem spielerischen Reigen der 16-Jährigen Königstochter. Energetisch und unbelastet frohlockte sie über die Bühne. Die roten Schleifen ihres unschuldig weißen Kleides zu Maschen gebunden.

Lässigkeit und Freude aber auf andere Art und Weise drückten anschließend die vier Köche aus, die mit den Vorbereitungen zum Geburtstagsfest beschäftigt waren. Konterkariert wurde ihre einfach erscheinende Profession von einer neckischen Tellerwäscherin.

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(c) Oper Graz, Werner Kmetitsch

Dornröschen kehrt unbeschwert und nichtsahnend mit der Spindel in der Hand zurück. Man hält den Atem an. Im Tanz löst sie nach und nach die Schleifen ihres Kleides, sticht sich dann völlig unspektakulär an der Spindel und fällt zu Boden, wo sie liegen bliebt und so die Zwischensequenz einleitet.

Diese („Back in Grey“) zeigt die Reaktionen der anderen auf das Geschehene, ein hektisches Chaos, Verzweiflung und Trauer noch unterstützt durch die Klänge des Chores aus der linken Ecke der Bühne neben dem Orchester.

Es betteten sich das Königspaar, die Feen und alle anderen solidarisch zu Dornröschen, jeweils zwei Kinder (eines in weiß und ein zweites mit Maske in schwarz) reichten ihnen Kissen und wachten neben den Schlafenden. Dazu ertönte ein einsames Cembalo-Spiel Händels. Als letzte verabschiedeten sich die zwölfte und 13. Fee mit einem Paartanz, der Verbunden- und gleichzeitig Zerrissenheit zeigte.

Dass sich Medieneinsatz auch in der Oper Beliebtheit erfreut, zeigte der Einsatz einer Radiosequenz. Ähnlich wie zuletzt im Schauspielhaus bei „Cactus Land“ übernimmt der O-Ton die Funktion des „In-die-Gegenwart-Zurückholens“ – Die Durchsage kündigt die Halbzeit des hundertjährigen Schlafes und den Krisengipfel in 50 Jahren an. Langsam beginnen alle aufzuwachen, zuletzt auch Dornröschen und zwar als sich das Vorhandensein der Leiter endlich erklärt. Der Prinz, auf modernen Mann getrimmt, mit blauem locker sitzenden Anzug, Hornbrille für den intellektuellen Touch und schneidigem Krönchen im Haar erscheint im Zuschauerraum auf Höhe der Mitte des ersten Ranges und kommt die Leiter runter auf Dornröschen zu.

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(c) Oper Graz, Werner Kmetitsch

Kein Kuss, dafür eine Art Schwenzeltanz, der sie mitreißt, erweckt Dornröschen endgültig. Das Orchester steigert die Intensität des Moments, ebenso wie der erstmalige Einsatz beider Sänger im Duett. Man freut sich mit dem jungen Paar und muss unwillkürlich grinsen. Stirn an Stirn, verliebt und überglücklich verharren die beiden danach atemlos.

Nach und nach gesellen sich alle anderen hinzu, vom Chor her ertönt ein mehrstimmiges „Happy Happy Ending“, von der Decke wird noch einmal das Glühbirnenmeer heruntergelassen, das Ensemble bewegt sich individuell und doch gestimmt im Freudentaumel und geht ab.

Der Zuschauer sieht sich wie aus einem Traum erweckt, vom Bann des Gesamtkunstwerkes befreit und entdeckt die Uhr direkt am Bühnenrand, die zwar die ganze Zeit über da war, aber über den Moment hinaus keine Bedeutung hatte. Weil Zeit im traumwandlerischen Schlaf solange keine Bedeutung hat, bis der rechte Zeitpunkt zum Aufwachen gekommen ist.