„Das Missverständnis“ – Unmissverständlich

Rezension zu „Das Missverständnis“ (Albert Camus, Deutsch nach Hinrich Schmidt-Henkel)

„Was man nicht kennt, ist leichter zu töten“ – Überzeitliche Wahrheit, die ein universell anwendbares gesellschaftliches Panorama zeichnet, das Camus´ logisch montiertes, absurdes Drama „Das Missverständnis“ entwirft.

Nikolaus Habjan, Nestroypreisträger, gebürtiger Grazer und brillanter Puppenspieler sowie –bauer, gastiert am Schauspielhaus und leitet die Off-Produktion auf der Probebühne. Dementsprechend agieren er (Martha, Knecht), Seyneb Saleh (Maria, Mutter) und Florian Köhler (Jan/Karl, Knecht) dabei mit Puppen.

Die Situation: eine vertraute. Heimkehrer Jan gibt sich entgegen des Rates seiner Frau Maria bei der Rückkehr im mittlerweile zur Pension umfunktionierten Elternhaus, der Familie –Schwester Martha und der Mutter, beide vom Vater verlassene Frauenfiguren; die Tochter sehnsüchtig, die Mutter zunehmend müder werdend – nicht zu erkennen.

Der Verlauf: ein tragischer. Was Jan, der sich dort Karl nennt und in einem Koffer seine Vergangenheit sichtbar mit sich trägt, nicht weiß: Seine Mutter und Schwester verdienen sich ihren Unterhalt mit Raubmord. Unterstützt durch Giftbecher und Hausknecht töten sie ihre Gäste und versenken die Leichen anschließend im Fluss. So später auch den verlorenen Sohn. Aufgrund eines Missverständnisses, gekonnt mit Sinn für die Feinheiten des Textes von Dramaturgin Heike Müller-Merten in Szene gesetzten und dadurch als „Erklärungsversuch“, oder besser: Begründung, fokussierten Kommunikationsstörungen und des zunächst und endlichen Nicht-Erkennens. Oder auch Erkennens. Das obliegt dem Zuschauer, ihm lässt die Inszenierung offen, ob sie ihn erkannt und trotzdem getötet oder nicht erkannt und deshalb getötet haben. Alle drei enden – Martha und die Mutter durch Freitod – mit „Wir haben jetzt alle unsere Ordnung“ tot im Wasser.

DAS-MISSVERSTAENDNIS-Senyeb-Saleh-Nikolaus-Habjan-Florian-Koehler-c-Lupi-Spuma_093-2

Seyneb Saleh, Nikolaus Habjan und Florian Köhler mit ihren Puppen in „Das Missverständnis“ (c) Lupi Spuma

Und wozu das alles? Die Sinnfrage im Existentialismus zu stellen, ist wenig befriedigend (Paradebeispiel hierfür: „Warten auf Godot“ – Samuel Beckett). Diesem philosophischen Verständnis entsprechend, ist die Welt und damit auch das Leid des als atheistisch angenommenen Menschen, sinnlos und der Tod ein Ende ohne Sinn. Die Trennung von Spieler und Puppe, die im Schlussakt beim Hinabgleiten des Toten meisterlich vollzogen wird, kann somit einerseits als die gescheiterte Symbiose der Figur des Jan mit der des knöchernen Karl, wie auch andererseits als der „existentielle Sprung“, der in der Philosophie der Existentialisten das „Weitermachen“ bezeichnet, welches das Fehlen eines Ausweges durch Akzeptanz auszugleichen versucht, und ebenfalls nicht glückt.

Etwas irritierend mutet dabei zunächst das Aufhängen der „toten“ Puppen nebeneinander an im Bühnenbild integrierten Haken durch den Hausknecht an. Es hat aber nicht nur angesichts der Interpretation des Knechts als Spielmeister oder Schöpfer, durchaus Berechtigung. Unterstützt wird diese Sichtweise noch durch sein Auftauchen zum Zeitpunkt der dritten Verleugnung Marias von Jan alias Karl.

Obwohl der Knecht stumm ist und bleibt, eröffnet und schließt er den Abend mit seinem Auftreten in der ersten und letzten Szene. Er dient als Dreh- und Angelpunkt. Er trägt die Geschichte. Warum die Dramaturgin auf das berühmte „Nein“, die Antwort auf Marias flehende Hilfeschreie, verzichtet hat, lässt sich gesellschaftlich betrachtet am ehesten anhand der Beobachterfunktion des Schöpfers nachvollziehen: Er lässt geschehen, uns schreien, existieren, ohne einzugreifen oder gar zu erklären. Ganz gemäß dem existentialistischen Denken und typisch menschlichem Verhalten– bezeichnendes, betretenes, bedeutungsgeladenes, nein: wissendes, aber tatenloses Schweigen.

Außerdem verfehlt diese spezielle Regieanweisung Habjans ihre Wirkung im Publikum nicht: Sie soll nach so viel Daseinskampf, Heimatproblematik, Sehnsucht und Unmöglichkeit, Betroffenheit, Fassungslosigkeit über so viele Missverstandenes, Schwere und Sinnsuche, wo keine sein soll, bewirken. Dies gelingt. Und gerade deshalb war die wohl dominanteste Reaktion: Begeisterung ob der gesamten Aufführung.

Trailervideo hier anzusehen:

„Können Sie dazu etwas sagen?“ – „Ich bin schwer dement, nein. Aber sagen Sie zuerst…“

Das Leben des Friedrich Zawrel ist eine einzige Leidensgeschichte. Gleichzeitig aber auch die Geschichte eines starken Mannes und seines unbedingten Willens zu leben. Der Grazer Regisseur und Schauspieler Nikolaus Habjan hörte von Zawrels Schicksal, traf den Pensionisten in Wien und schrieb das Stück „F. Zawrel. Erbbiologisch und sozial minderwertig.“ Für das mit Puppen und Schauspielern inszenierte wirkmächtige Stück wurde Habjan 2012 mit dem Nestroypreis ausgezeichnet. Reaktionen und Reflexionen zum Stück:

Der erste Gedanke an eine mögliche Rezension war: „Ohne Worte. Selbst hingehen und anschauen!“. Das lässt sich aber nicht nur auf fast jedes x-beliebige Stück anwenden, sondern nichts darüber zu sagen, würde dieser phantastischen Inszenierung Unrecht tun. Abgesehen vielleicht vom Grad der Betroffenheit und Emotionalität, die das Stück im Publikum ausgelöst hat: Es gab angefangen mit betroffener Stille, hemmungslosem Schluchzen, anschließenden Standing Ovations, über tosenden Applaus bis hin zu einem Zusammenbruch – zugegeben, der hatte wahrscheinlich weniger mit dem Stück zu tun, als mit der körperlichen Verfassung betreffender Person – unterschiedlichste Reaktionen in der Zuschauermenge. Markant allerdings: Das Schweigen, dann erst folgte der erlösende Applaus.

Deshalb kommt hier Variante zwei – Ein Versuch der Annäherung an eine Beschreibung des dokumentarischen Figurentheaters von Nikolaus Habjan:

habjan_linshalm-manuela

(c) Manuela Linshalm

Erbbiologisch und sozial minderwertig, das soll nicht nur Titel und (scherzhafte) Grabinschrift des Friedrich Zawrel sein, sondern war auch Ergebnis des Attests seines Psychiaters im Steinhof alias „Spiegelgrund“, der Kinderversuchsanstalt alias Euthanasieklinik während des NS-Regimes in Wien. Friedrich Zawrel ist Zeitzeuge, Patient und Opfer der Kriegs- und Nachkriegsgräuel in Österreich. Vor allem aber ist er ein Kind. Ein Kind, das von seinen Eltern weggezerrt, eingesperrt und misshandelt wurde. Ein Kind, das Angst hatte, das unvorstellbare Qualen erdulden musste, weil es sich weigerte, „krank“ zu sein. Ein Kind, das Widerstand leistete und in der Freundlichkeit einer Krankenschwester jene Hilfe erfuhr, die eine Flucht möglich machte, jedoch nur solange bis es seitens der Republik erneut Opfer sozialer Ungerechtigkeit und Pseudo-Entnazifizierung wurde. Denn die geschilderten Verbrechen der Nationalsozialisten wurden bis herauf ins Jahr 2000 von höchster Instanz unterstützt und vertuscht. Die Botschaft Zawrels und damit auch Habjans: Tragt die Geschichte hinaus in die Welt und vergesst nicht! Vergesst nie! Vor allem nicht, dass die Täter noch Jahrzehnte lang unbehelligt weiterpraktizierten.

Der Mehrwert, der das Stück erst Nestroypreis-fähig macht und eingangs erwähnte Betroffenheit bewirkt, ist die Art der Inszenierung und Nikolaus Habjan selbst. Autor und Regisseur des Stückes, Schauspieler und Puppenspieler in einer Person.

Wie würde sich Nikolaus Habjan äußern, könnte er die Geschichte des F. Zawrel noch einmal zum ersten Mal hören? Genau so, wie er sich auf der Bühne präsentiert: Denn, offensichtlich, das ist zumindest der Eindruck, der einem aufmerksamen Beobachter auf der Bühne vermittelt wird, freut, leidet, ja lebt Habjan mit seinen Figuren mit. Er vermittelt die Geschichte derart authentisch: er schreit, flüstert, lacht und weint. Tritt als Schauspieler meisterhaft hinter seine Figuren und ist dennoch auf der Bühne präsent, als derjenige, der im wahrsten Sinne des Wortes die Fäden zieht und in seinen Figuren. Dramaturgisch spannt Habjan den Bogen vom leicht-bekömmlich, netten Einstieg über die tragisch-schockierende Lebensgeschichte des Friedrich Zawrel, genial bis zum moralisierenden Ende, das die Missstände in der österreichischen Gesellschaft noch einmal auf den Punkt bringt und zusätzlich mit Intertext von Erich Fried (Was geschieht) und einer eingeblendeten Videosequenz des „echten“ Zawrel arbeitet. Die Kritik an der niederträchtigen Mentalität (Gerhard Fritsch in Fasching lässt durch den Vergleich der österreichischen Mentalität mit einem Punschkrapfen – außen rosa, innen braun – grüßen), dem Verstecken hinter dem „erzwungenen“ Anschluss und der Opferrolle Österreichs bleibt, gerade wegen der geschickt verwebten Komik, durch die die Zuschauer nicht wissen, ob sie angesichts der Schwere der Thematik überhaupt lachen dürfen, erhalten.

Abschluss dieses Versuchs: Es schließt sich der Kreis zur abgespeckten Variante eins: “Selbst hingehen und anschauen!”

Puppenspiel vom Spiegelgrund

Der Grazer Regisseur, Schauspieler und Puppenspieler Nikolaus Habjan tourt mit seinem unheimlich-berührenden Stück „F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig“ durch Österreich und erntet einen Applausregen nach dem anderen. Von Standig-Ovations bis schockierter Betroffenheit reicht die Spannbreite der Publikumsreaktionen. Nun gastierte er auch am Grazer Schauspielhaus. Eine Gastrezension von Julia Klimacsek

Es ist eine Lebensgeschichte, die ebenso wenig „gewöhnlich“ gelebt wie erzählt wird. Friedrich Zawrel erfuhr die Grauen des 3. Reiches sowie den problematischen Umgang mit der Aufarbeitung derselben in Österreich am eigenen Leib. Nikolaus Habjan und Simon Meusburger inszenieren eben diese Geschichte auf beeindruckende und bewegende Art und Weise. – Die Tatsache, dass die ganze Vorstellung hindurch nur ein einziger Schauspieler (Habjan) auf der Bühne steht, der die verschiedenen Rollen teils selbst und teils mit Klappmaulpuppen spielt, mindert keinesfalls die Qualität des Stücks oder der Performance. Im Gegenteil: Mit beeindruckender Flexibilität und Präzision wechselt Habjan innerhalb weniger Augenblicke zwischen den Figuren hin und her und schafft es, während seines Puppenspiels seine eigene Persönlichkeit so weit in den Hintergrund zu stellen, dass die Puppen tatsächlich zum Leben erwachen. Andererseits spielt er seine „menschlichen“ Rollen mit ebenso viel Ausdruck und Hingaben, dass man als Zuschauer/in das Gefühl hat, ein Ensemble aus vielen verschiedenen Figuren bewege sich auf der Bühne.

hab.jpg

(c) Sabine Hauswirth

Die Botschaft des Stücks, das Erinnern nur ja nie „in Vergessenheit geraten zu lassen“, wird mit jeder Szene deutlicher und am Ende der Vorstellung mit einem eindringlichen Gedicht von Erich Fried auf den Punkt gebracht. Man spürt deutlich, dass Habjan und Meusburger diese Botschaft am Herzen liegt, was die Wirkungskraft des Stücks und der Aufführung noch zusätzlich zur ohnehin eindrucksvollen Geschichte steigert. – Ein Stück, das definitiv zu Herzen geht und zum Nachdenken anregt!