Setz-en Sie sich, bitte!

Von Helden, gefallenen und solchen, denen man Denkmale Setz-t, Sinn und Sein.

Das Spielzeithighlight 2015.2016 in Graz ist gefunden: Es ist die dramatische Adaption von Clemens J. Setz’ zweitem Roman “Die Frequenzen”. Sie feierte am Samstag ihre fulminante Uraufführung. Ein dreistündiges Fest der Sinne, das das Frequenzrauschen der preisgekrönten Vorlage auf unterschiedlichsten Bühnenebenen wahrnehmbar macht und Stunden in kurzwe(i)llige Bilder übersetzt.

Gedächtnis

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(c) Birgit Hupfeld

Mit Alexander Eisenach (Bild) hat ein großer Freund und Kenner des postdramatischen Theaters den Weg nach Graz gefunden. Dass der gebürtige Berliner auch ein Könner ist, beweist er mit der gewaltigen, multimedialen Inszenierung der “Frequenzen”. Das Schauspielhaus Graz setzt dem Autor Setz, der sich bereits im Buch gleich an mehreren Stellen selbst verewigt hat, mit dieser Adaption ein imposantes Denkmal. Der ungestüme Grazer ‘Feldhase’ wiederum zollt  der Stadt im Roman nach Manier eines aufmerksamen erkennenden Flaneurs Respekt .

Schräglage

Setz’ Liebeserklärung an das “nicht-lineare Wesen der Zeit” erzählt vom Synästheten Alexander Kerfuchs, der an einem Tinitus und unter dem Vaterverlust leidet, und seinem Schulfreund Walter Zmal, aus dem, zu Tode gefördert, schließlich gar nichts wurde. Die Protagonisten sind durch die gemeinsam zugebrachte Kindheit und die jeweiligen ödipalen Konflikte verbunden, einander aber doch fremd. Der Roman belebt unbelebte Dinge, verschränkt sinnliche Wahrnehmungsebenen und strotzt, obwohl formal nicht perfekt, durch verwegene Dialoge und virtuoses Sprachspiel von poetischer Kraft, Humor und Skurrilität. Geleitet wird die Erzählung von der physikalischen Theorie des Welle-Teilchen-Dualismus, jener nahe an der Philosophie angesiedelten Vorstellung einer Verschränkung von Raum und Zeit, auf der die Quantenphysik fußt. In der Raumzeit herrscht eine Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieser transzendente Leitfaden gibt die Lesart des Romans vor und verbindet als Hintergrundrauschen im Frequenzbereich die vielschichtigen Erzählstränge zum skurrilen Ganzen. “Warum sollten nicht die Frequenzen das Entscheidende sein?” – Selten war ein Titel passender.

Versatz

Dramaturgin Karla Mäder verspricht einen skurrilen Abend in detailreichen Bildern, die nicht wissen lassen, wo man zuerst hinschauen soll. Eine Art inszenierte Reizüberflutung also. Sie behält Recht. Bevor aber überhaupt an eine Theateraufführung gedacht werden konnte, mussten 700 Seiten Text und darin geschildertes komplexes Geschehen in ein spielbares Drehbuch gepackt werden, das es möglichst linear entwickelt, beschreibt sie die intensive Arbeit an einer Reihung der nahezu unüberschaubaren Erzählstränge. Deklarierter Fokus dabei lag jedoch auf einer Wiedergabe der ironisch-humorigen Sprachkunst Setz’, dessen Dialoge fast prädestiniert für eine theatrale Umsetzung erscheinen. Schließlich entstand innerhalb von nur fünf Probenwochen die Dramaturgie, die von nur fünf Schauspielern und einem Kind umgesetzt wird.

Zeitvertreib

Das hochmotivierte Ensemble gibt alles und brilliert in der Darstellung sich vor Verzweiflung windender Charaktere. Aufwendige Kostüme und häufige -wechsel (Claudia Irro) und die Drehbühne machen die schauspielerische Leistung noch bemerkenswerter. Franz Xaver Zach mimt eine sich mit Proust´schen Fragebögen abmühende Gottfigur und stellt sein Können in einer schier endlosen, die anderen einschläfernden, monologischen Schimpftirade unter Beweis. Die suchende, Schöne und fachlich fragwürdige Psychologin Valerie wird von Evamaria Salcher ausdrucksstark gespielt. Vera Bommer ist als Lydia gleichermaßen überzeugend wie als Patientin Valeries oder wenn sie Walters Vater imitiert, ebenso Jan Brunhoeber als neurotischer Schauspieler Walter Zmal, der in der Bühnenfassung kurzerhand zum psychopathischen Mörder Valeries degradiert wird. Setz’ Namensvetter Clemens Maria Riegler verkörperte Alexander Kerfuchs – als wahnsinniger Rosa-Brillen-Träger, verlassenes Kind oder missverstandener Mann im Clinch mit der Frau am Steuer jenes Wagens, der Fiat heißt (bezeichnenderweise lateinisch für ‘es ist geschehen’ oder ‘es werde’ steht), gelb ist wie der Freitag in der synästhetischen Wahrnehmung Kerfuchses und das Kennzeichen “G-FR111” (111 das numerologisch ‘Unvorhersehbarkeit’ meint) trägt – in allen Facetten seines emotional gemarterten Daseins. Diesem wird am Ende bei der zweiten Hochzeit des Vaters, mit David Bowies “Space Oddity” treffend untermalt, der Todesstoß versetzt.

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(c) Lupi Spuma

Glashaus

Die zwei jugendlichen Ichs des Protagonisten – eines gespielt vom Kinderdarsteller Felix Ostanek, das andere von Riegler bzw. Brunhoeber – tauschen ihre Rollen, als sie sich vorne treffen, während hinter der Bühne weitergespielt wird und Walter von Riss erzählt, der quer durch die Raumzeit verläuft. Eine erklärende und ähnlich grandios umgesetzte Szene spielt Franz Xaver Zach als Walters Vater hinter der Bühne. Er kriecht unter das Bett und gibt so vor, im Keller besagten Riss zu entdecken. Die Filmsequenz dieses Ortswechsels wird gleichzeitig vom Kind Walter, der im Bett darüber liegt, mitangehört und so die Vorgeschichte als Schlüsselszene präsentiert. Als der verängstigte kleine Junge seine Mutter fragt, ob sie denn da sei, antwortet diese mit einer weiteren sprachlich explizit werdenden Gleichzeitigkeit: “Ja, ich bin im Wohnzimmer und der Küche.” Verantwortlich für die (Dreh-)Bühnengestaltung ist Daniel Wollenzin. Ihm gelang mit der vorder- und hintergründig bespielbaren Ansicht ein raffinierter Clou. Vorne steht eine vom großen Architekten gestaltete Fassade, die außer Schein nicht viel bietet, aber als ausgebranntes Schaufenster und Badezimmer verwendet wird. Hinten bespielt wird das Gerüst erkennbar, das die Fassade aufrechterhält und unter anderem als Gasthaus, Schlafzimmer und Garten funktionalisiert wird.

Schein

Die Ebene der Schauspieler ist also nur eines der eingesetzten theatralen Mittel, die in ihrer Vielzahl gleichzeitig die Erzählung vermitteln. Der Vielstimmigkeit und Polyvalenz der Vorlage versucht die Inszenierung gerade in den Details – selbst der auftretende Chor versucht alle menschenmöglichen Tonlagen/Frequenzen abzudecken – gerecht zu werden. Mehrere Dinge passieren auf der Bühne in einer Verschmelzung von Handlung und Raum nebeneinander. Abhängig davon, wo der Blick gerade innehält, nimmt man als Zuschauer eine Perspektive ein, die ein völlig anderes Bild ergibt, als noch Momente oder Zentimeter zuvor. Gleichzeitig wird verkündet: “Es gibt keine unterschiedlichen Perspektiven, es gibt nur das hier”. Das Wie und das Was des Geschehens verschwimmt spätestens dann, wenn das Gespielte simultan zu sehen ist, aufgenommen wird und auf einer zweiten transparenten ‘Leinwand’ gezeigt wird.

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(c) Lupi Spuma

Thomason

Der Roman wie die Inszenierung werfen Fragen auf. Fragen nach Identität, Selbstbestimmung oder dem Schicksal. Sinnfragen. Setz entwirft einen komplexen Entwurf vom komplexen Leben. “Was passiert, passiert.” Der Riss in der Wand, der Walters “seelische Gleichgewichtsstörung” auslöst, wird zum Riss in der Welt. Er ist tiefgreifend, aber seine Grenzen verlaufen unscharf bis messerscharf. Die Inszenierung strotzt vor widersprüchlicher Skurrilität, in Szene gesetzten Dinge und Handlungen, die ihrer Funktion längst beraubt oder schlicht gänzlich entartet simultan erscheinen, dennoch überdauern und von teils intertextueller Sprache als sinnlose Sinnsuche entlarvt werden (=Thomasons) . “Es ist als würde man kleine Holzkästen malen und behaupten, es wären Schafe” (aus Der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry).   

 

 

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