Urban Culture

Nein, heute gibt es keinen Beitrag zum internationalen Frauentag. Stattdessen gibt es ein im entferntesten kulturpolitisches Statement. 

Letzte Woche besuchte ich die “Urban Future Global Conference, bei der auch diesmal wieder Architekten, Städteplaner und andere Stadtexperten aus aller Welt sich über neueste Technologien und Konzepte bezüglich Stadtentwicklung, Mobilität, nachhaltiges Bauen und Wohnen sowie Logistik und Energieeffizienz austauschten. – Und die ich für meine Kulturkolumne als “Urban Culture”-Konferenz betrachtet habe.

UFGC2016_Visual_FutureCityRendering.png

Future City Rendering (c) UFGC2016

Graz wurde hierfür übrigens nicht zufällig ausgewählt: Der „Urban Future“-Organisator, Thomas Pucher, ist zum einen selbst Grazer und als Architekt tätig, zum anderen weltweit gefragter Städteplaner. Er kam 2014 erstmals auf die Idee, eine Konferenz dieser Art zu veranstalten. Graz, die Stadt, deren Innenstadt Teil des UNESCO Weltkulturerbes ist und sich gleichzeitig (wie Berlin auch) “City of Design” nennen darf, bietet sich mit diesem Spannungsfeld geradezu an.

Um City Change und die damit zu erwirken beabsichtigte Rettung der Welt durch eine nachhaltige “Urban Future”, ging es bei der gleichnamigen Vernetzungsveranstaltung in Graz. Michael Jacksons „Heal The World“ klingt da sofort im Ohr. Auch er formuliert die Forderung, die Welt zu einer besseren zu machen und meint ‚besser’ im Sinn von ‚lebenswerter’. Dass eine mit der Entwicklung der Städte in Verbindung stehende Rettung der Welt gar nicht abwegig erscheint, zeigen die Zahlen:

In den letzten 200 Jahren wuchs die Weltbevölkerung von einer auf über sieben Milliarden Menschen an. Dass sieben Milliarden mehr Platz und Ressourcen brauchen als eine, liegt auf der Hand. Die Bevölkerung zieht es in die Ballungsräume und dort werden mittlerweile rund 75% der gesamten Ressourcen verbraucht. Ein Wachstum solchen Ausmaßes erfordert strukturiertes Stadtmanagement. Doch das allein genügt nicht: ausreichend Raum und Versorgung sichern zwar die Existenz der Bewohner einer Stadt, gewährleisten allein aber noch kein qualitatives Leben seiner Bewohner.

Qualität meint ein Mehr als bloßes Überleben. Wohnen meint mehr als ein Dach über dem Kopf, das hat IKEA nicht nur werbetechnisch gut erkannt. „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ fragen sich auch Städteplaner und Architekten, wenn sie neue Lösungen für urbane Gebiete entwerfen und hinterfragen damit auch den Lifestyle-Begriff der jeweiligen Bewohner. Sie sind deshalb gleichermaßen Künstler wie Michael Jackson einer war oder die Filmemacher der Diagonale (– das Festival des österreichischen Films, zu dem es nächste Woche auch eine Rezension geben wird) es sind. Künstler haben eines gemein: Sie alle leisten Kulturarbeit.

Dass diese Kulturarbeit dringend notwendig ist, fällt nicht nur am Beispiel großstädtischer Metropolen auf. Stadtentwicklung (“city change”) ist durchaus auch in kleinen und mittelgroßen Städten von Bedeutung. Das betonten nicht nur die geladenen Experten der Konferenz mehrfach, sondern wird sogar dann augenscheinlich, wenn ich nur einen Blick in meine südsteirische Heimatstadt (rund 12.000 Einwohner) werfe: Ein verwaister Hauptplatz, menschenleere Gassen und nackte Verkaufsflächen in der Innenstadt. Kaum nähert man sich aber dem Stadtrand, sieht man Wohnsiedlungen und ein Einkaufszentrum nach dem anderen, die die Menschenmassen aus der Stadt locken und vom Land her anziehen. Das pulsierende Herz der Stadt, außerhalb der Stadt?

Viele österreichische Kleinstädte kämpfen vor allem in den letzten Jahren mit starker Zuwanderung in die Randbezirke und Abwanderung aus dem Zentrum. Die Folge sind Wohnungsknappheit bzw. der Zwang zu Neubauten, Gentrifizierung und eine traurige Innenstadt.

Die soziale Durchmischung müsse dafür gewährleistet bleiben, meinte, danach gefragt, auch Berlins Ex-Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), im Gespräch mit der Grazer Vize-Bürgermeisterin, Martina Schröck (SPÖ), am Mittwoch. Dies sei unter anderem Aufgabe der Politik. Wowereit muss es ja wissen, schließlich hat sich Berlin im letzten Jahrzehnt gewandelt wie keine andere europäische Metropole. Es hat sich vom Mief seiner Geschichte gelöst ohne sich von ihr zu verabschieden und präsentiert sich heute als hippe, junge, dynamische Stadt, die Kreative aus aller Welt anzieht. Diesen Wandel vollzieht Graz gerade – oder versucht es zumindest. Vieles ist schon gelungen – etwa mit dem Kunsthaus, eine Blase mitten ins Stadtbild zu bauen, ohne Boykott wegen Sittenverstoßes – doch gegen die müffelnde österreichische Gesinnung wird Graz noch länger ankämpfen müssen. Eine Baustelle ist Graz also nicht nur in den Sommermonaten.

Die ‚Baustelle‘ Stadt fällt dann ins Aufgabengebiet der Politik, wenn es darum geht, finanzielle Mittel für die Umsetzung der von Kulturarbeitern und der Visionären vorgeschlagenen, adäquaten Lösungen zu lukrieren, um eine lebenswerte “Urban Future” für ihre Stadt zu ermöglichen.

 

 

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