Feuilletontagung IV: Das Feuilleton im Exil und der Berliner WELT

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Als Highlight der Tagung angekündigt und dem entsprechend auch von der Uni ins Kunsthaus verlegt: die Podiumsdiskussion zum Feuilleton der Gegenwart mit Sigrid Löffler, Ekkehard Knörer, Lothar Müller und Doris Akrap.

Die eingeladenen Feuilletonisten diskutierten auf dem Podium über das „Denken zwischen Ökonomie und Ästhetik“ und stellten sich Fragen wie

  • Was ist Feuilleton oder wie ist die Feuilleton-Kultur von heute zu beschreiben?
  • Bei all den Einsparungen; kann ohne freie Mitarbeiter überhaupt noch ein Feuilleton-Teil gemacht werden?
  • Wohin geht das Feuilleton, wandert es ins Internet ab und welche Nischen sucht es sich dort?

Die Moderation übernahm Colette Schmidt vom österreichischen Standard.  

Gleich zu Beginn positionierte sich Sigrid Löffler: „In Österreich gibt es keine Plattform für Literaturkritik und schon gar keine ernst zu nehmenden Feuilletons“, daher sei sie vor mittlerweile rund 20 Jahren nach Deutschland ausgewandert und habe dies nie bereut.

Interessant war die allgemein geteilte Beobachtung, dass inzwischen eine Feuilletonisierung aller journalistischen Bereiche (zum Beispiel des Politikteils) stattgefunden habe, einhergehend mit einer gleichzeitigen Politisierung des Feuilletons auf der einen und einer Boulevardisierung auf der anderen Seite.

Eine Tendenz, die dem aufmerksamen Leser auffällt. Mehr Mainstream in Bezug auf Auswahl und Besprechung der Bücher und Filme, mehr Informationen über den Kunstmarkt als über Kunst an sich.  

Diagnostiziert wurde eine abnehmende Qualität des Feuilleton und befürchtet: Feuilletonssterben, eine selbstheraufbeschworene und sich daher erfüllende Prophezeihung?

Die Struktur der Zeitung sei entscheidend; Meinungshoheit, strategische Entscheidungen, Selektion – das übliche Problem, öffentliche Meinung und die veränderte Leserschaft sind konstituierende Faktoren für das heutige Feuilleton in deutschsprachigen Zeitungen und seine Positionierung.

So agieren beispielsweise Chefredakteurszeitungen (SZ) anders als Herausgeberzeitungen (F.A.Z.), sie alle unterliegen demselben Druck, auf bestimmte Dinge wie etwa Neuerscheinungen zu reagieren.

Die Wandlung des Feuilletons hat in der Beobachtung von Lothar Müller vor knapp 30 Jahren mit dem so genannten Historikerstreit begonnen. Seitdem habe sich das Feuilleton formal und ästhetisch verändert. Diskursiv sei es nach wie vor, daher auch kritisch. Kritische Diskurse müssten in der Öffentlichkeit diskutiert werden, sagt Knörer, um eine „Selbstaufklärung des Geschmacksurteils im Kollektiven“ (nach Habermas` „Strukturwandel der Öffentlichkeit“) zu erreichen. Sigrid Löffler relativierte: „Durch die Beschleunigung, passiert diese Diskussion jedoch nicht mehr“. Vor allem für die Literaturkritik fehle im Feuilleton schlicht die Zeit für angeregte Debatten, weshalb sie auch immer mehr an Bedeutung verliere. „Ein Buch ist schließlich keine Premiere“, sagt Löffler. Damit spielt sie auf den Aktualitätsdruck an. Zeitungen müssten Kritiken zum Erscheinungszeitpunkt eines Buches bringen. Selbiges gilt für neue Filme und dergleichen. Anders sei dies bei Blogs: Literaturblogs dürften verspätet reagieren, hier fänden auch Diskussionen statt. Außerdem werde Zeitdiagnostik beispielsweise anhand der Buchkritiken von Dave Eggers “The Circle”, etwa wie im die „Zeit“-Artikel von Ijoma Mangold versucht, und daraus lediglich Symptome einer Kultur abgeleitet, ohne deren literarische Ästhetik mitzudenken. Die Leistung des Feuilletons muss sein, beides, Zeitdiagnostik und ästhetische Maxime der Kunst und Kultur zu diskutieren.

Dass solche Ökonomisierungen und auch der Abbau von Kulturkorrespondenten in Feuilletonredaktionen deren Qualität mindern, dürfe laut Lothar Müller nicht verwundern, schließlich könne mit derartigen Verknappungen keine weltweite Informierung mehr gewährleistet werden.

Vielmehr gehe das Feuilleton dazu über grundsätzliche Debatten anzuregen, hin zur Klärung der Frage: “In welcher Gesellschaft leben wir denn heute?”

Navid Kermani, der heuer deshalb den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekam, wurde hier als Paradebeispiel genannt.

Knörer springt in die Bresche des Rezensionsfeuilletons. Er verteidigt: “Die Themen waren immer dieselben, das Niveau war ein anderes.” Daraufhin entbrannte die Diskussion über das bildungsbürgerliche Publikum, an das sich das Feuilleton der großen deutschen Zeitungen richte, und dessen Existenz in Jahr 2015. Löffler beschreibt das aktuelle Leserbild als das von “ungeduldigen, oberflächlichen Durchblätterern”.

Nischen finde das Feuilleton nach Meinung von Akrap nicht nur im Netz, sondern auch in Fernsehformaten wie der “heute-show” des ZDF. Dort findet Gesellschaftskritik in offen satirischer Weise statt, Akrap erkennt darin aber durchaus auch feuilletonistische Züge.  

Auf die Frage aus dem Publikum von Organisatorin Hildegard Kernmayer, wohin die feuilletonistische Feuilletonschreibe wie sie um 1900 praktiziert wurde, verschwunden sei, antworteten die Redner fast unisono: In die Kolumnen. Und einzig das “Streiflicht” der Süddeutschen erfüllt noch am ehesten den Anspruch der scheinbaren Leichtigkeit und ausgeklügelten stilistischen Bauweise der Kleinen Form – ganz nach der ursprünglichen Intention seines Erfinders Franz Josef Schöningh, “eine Art Leuchtturm im Sturmgebraus der täglichen Hiobsbotschaften” zu bieten.

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Organisatorinnen Simone Jung und Hildegard Kernmayer

Mit drei weiteren Beiträgen ging es am Samstag, wieder pünktlich um 9 Uhr morgens, weiter mit dem Feuilleton. Diesmal mit dem zweiten schweizerischen Vortrag “Von Nebensachen reden, wo es so viele Hauptsachen gibt. Das Feuilleton in der Literaturkritik des Exils” der Schweizer Literaturwissenschaftlerin Bettina Braun. Sie ist Doktorandin des Deutschen Seminars an der Universität Zürich und beforscht im Rahmen ihrer Dissertation den Stellenwert der Kleinen Form im Literatursystem des Exils sowie den Feuilletonismus nach 1933.

Ihre erste These postuliert eine Abwertung der Feuilletontexte exilierter Autoren der 1930er-Jahre. Dies hängt vor allem mit der die Schwierigkeit zusammen, aus dem Exil Feuilletonsammlungen in Buchform zu herauszugeben und die damit verbundene Missachtung der Texte seitens der Literaturkritik. Der Medienwechsel von der Zeitung ins Buch sei damals Voraussetzung für eine literaturkritische Diskussion gewesen. Außerdem werde das Spielerische und seine stilistische Leichtigkeit dem Feuilleton oft zum Vorwurf gemacht. In Zeiten großer Ungewissheit und gesellschaftlicher wie politischer Turbulenzen, Texte über Nebensächlichkeiten, von Dichtern, die in tiefer Abgeschiedenheit leben, nicht zu beachten, war ein trügerischer Schluss der Exilpresse.

Braun zeichnet die zeitgenössische Medienwelt hinter den Texten nach. Die Rezeption ist ihre Schnittstelle zwischen Literatur und Journalismus, an der das Feuilleton angesiedelt ist. Exemplarisch und textnah tut sie das anhand der Rezeption der Feuilletons von Robert Musil, Alfred Polgar und Franz Hessel und beweist, dass sich die Form nicht wie vorgeworfen “verselbständigt” hat und ohne eigene Aussage auskommt. Hessel, der auch als Übersetzer von Marcel Proust Bekanntheit erlangte, veröffentlichte seine gesammelten Werke in fünf Bänden erst 1999. Er emigrierte 1938 zum zweiten Mal nach Paris. Musil wanderte bekanntlich in die Schweiz aus, Polgar nach Prag und Berlin.

Ernst Ottwalt, betont als einer der Wenigen: “Polgars Werk sinkt vor Leichtigkeit in die Tiefe”. Er verdrehe die Tatsachen nicht, sondern präsentiert sie so polemisch zugespitzt, dass sie sie noch unterstreichen würden, lobt Hans Sahl im Vorwort zum “Sekundenzeiger(auf GoogleBooks verlinken ist ok?). Polgars “Handbuch eines Kritikers” wurde als eines der wenigen Werke positiv aufgenommen und diskutiert.

In der Diskussion im Anschluss an den Vortrag wurde Musils “Nachlass zu Lebzeiten”, hier im Gutenberg-Spiegel als Volltext nachzulesen, als Beispiel für Sprachspiel, anachronistische Darstellung und die grundsätzliche Problematik von Feuilletonsammlungen, die unter dem Ettikett “Für den Tag geschrieben” geführt werden, besprochen.

 

Kritikerstimmen aus der Versenkung holen und damit eine Rezeptionsgeschichte nachzeichnen funktioniert nur, wenn es Archive gibt, in denen man solche findet. Deshalb fokussierte der vorletzte Beitrag der Tagung eine quantitative Auswertung des Innsbrucker Zeitungsarchivs und qualitative Aspekte der journalistischen Form des Interviews. Unter dem Titel: “Das Interview – Zur Ehrenrettung seiner feuilletonistischen Form” referierten Marc Reichwein von der Welt und Michael Pilz vom Innsbrucker Zeitungsarchiv.

Das Interview – beliebtestes Mittel der Berichtgestaltung, billige Art schnell und viel schreiben zu können, affirmatives Infotainment ohne große Recherche. Oder?

Das ist es doch was man gemeinhin am Image des Interviews kratzt. Die Selbstdarstellung von Autoren, die unkritisch-hinterfragende Haltung der Journalisten.

Pilz und Reichwein sind der Aussage Hubert Winkels, Juror beim Bachmann-Preis und Kulturchef beim Deutschlandfunk, nachgegangen: “Personenbezogene Textsorten nehmen immer mehr Raum ein.” Schon Haacke hat 1952 eine “Interviewseuche” diagnostiziert. Eine Umfrage Thierry Chervels vom perlentaucher wirft die “Halbierungsthese” in den Raum: die Zahl der Kritiken von 2001 bis heute sei nicht nur zurückgegangen, sondern habe sich sogar halbiert.

Die beiden gingen diesem Imageproblem nach, umrissen kurz die Traditionslinie, aus der heraus das Interview entstand und gaben einen Überblick zur aktuellen Forschung. Nach quantitativer und qualitativer Analyse kamen sie zum überraschenden Schluss: Diese Tendenz ist nicht belegbar.

Reichwein und Pilz verglichen anhand der Daten aus dem Innsbrucker das Verhältnis von Interviews und personalisierten Formen – Es könne Zunahme von Interviews und vor allem keine Verdrängung auf Kosten von Rezensionen festgestellt werden.  

Einzig in der “Zeit” habe man eine Anstieg von Interviewformen bemerkt, dies hänge vermutlich mit der Erscheinungsform des Wochenmediums zusammen und sei ein zu erforschendes Desiderat.

Mit André Müller, Tom Kummer und Moritz von Uslar brachten sie zum Abschluss noch drei amüsante Beispiele aus der Interviewpraxis, die auch dem Feuilletonismus der Gegenwart zugeschrieben werden.

2 Gedanken zu “Feuilletontagung IV: Das Feuilleton im Exil und der Berliner WELT

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