Grazer Struwwelpet(e)riade am Schauspielhaus

Die Rezension des „Struwwelpeters“, der gerade als Junk Opera am Grazer Schauspielhaus zu sehen ist und der Rocky Horror Picture Show Konkurrenz macht, erschien am KultRef-Blog und gibt es nun auch hier zum Nachlesen: 

Wer kennt sie nicht aus Kindertagen, die Geschichte vom Zappel-Philipp? Oder die vom wilden Jäger, dem zündelnden Paulinchen oder dem Hanns-Guck-in-die-Luft? Der böse Friederich, der Suppen-Kaspar und der fliegende Robert. Nicht zu vergessen der arme Daumenlutscher.

All diese Figuren stammen aus der Feder eines Frankfurter Arztes und Psychologen: Heinrich Hoffmann hat mit seinem „Struwwelpeter“ 1845, zunächst für die „Gartenlaube“, später für Generationen von Kindern und Eltern, eines der erfolgreichsten Kinderbilderbücher aller Zeiten geschrieben und illustriert. Seine Geschichten sind moralisch, belehrend und pädagogisch umstritten. Viele moralisch erhobene Zeigefinger werden darin gezückt und Kinder für ihr Fehlverhalten drastisch gerügt. Das Schicksal kommt als Strafe in Form des Schneiders, der Daumen abschneidet, mit übergroßer Schere oder als Minz und Maunz, die mit erhobenen Tatzen „Der Vater hat’s verboten“ schelten und zusehen, wie das Paulinchen bis auf seine Schuhe verbrennt, daher.

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Struwwelpeter (Mayer) und die Szenerie des „Suppen-Kaspars“(c) Lupi Spuma

Das Schauspielhaus Graz hat sich des Stoffes angenommen und den Struwwelpeter als Junk Opera professionell mit Julien Crouch und Phelim McDermott inszeniert. Unter der Regie von Markus Bothe erfährt er eine Modernisierung. Aufwendig ausgestattet, schrill und trotzdem unverfälscht wird der Struwwelpeter mit seinen langen Haaren und Nägeln als Hosenrolle (Sarah Sophia Mayer) auf der Bühne weniger zum bemitleidenswerten Verweigerer, als vielmehr zum Storyteller und Drahtzieher des Geschehens. Bitterböse Kommentare und Tierquälerei inbegriffen. Die immer aktuelle Ernährungsdebatte wird am Exempel des Suppen-Kaspars, des zweifelhaften ersten Anorektikers der literarischen Geschichte, statuiert, andere Erziehungsfragen an die Spitze getrieben und grausame Todesarten der infantilen Protagonisten vorgeführt. Eine erfinderisch-erzeugte Klangkulisse, großartige schauspielerische Leistungen (Julia Gräfner überzeugt als Vater, Eizelle und sowieso in jeder Rolle, die sich sonst noch für sie oder die sie findet; Pascal Goffin und Benedikt Greiner beweisen akrobatisches Talent), Befruchtungsszenen und Moorhuhnjagd machen den Theaterabend kurzweilig und zu einem schön-schaurigen Erlebnis der skurrilen Sorte – dem selbst die Tatsache, dass am Ende alles tot ist oder die nüchterne Feststellung der Sinnlosigkeit all der Tode, keinen Abbruch tut. Der schwarzen Pädagogik Hoffmanns setzt er Mut zur Individualität entgegen.

 

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Böhmert man(n), dann…

… mutiert Facebook zu Böhmerbook und das war der Anlass, einen Kommentar zur Causa-Böhmermann abzugeben: Meine Kolumne vom 15. April erschien in der Digitalen Tageszeitung Graz.

Der Böhmermann-Skandal beschäftigt mittlerweile seit gut zwei Wochen die Medienwelt und ihre Betrachter. Deutschlands hochintelligenter Chefsatiriker, der es versteht „ den Medienbetrieb bloßzustellen und dabei selbst Herr des Verfahrens zu bleiben“ – wie es in einem Zeit-Artikel heißt, scheint nun seine Uneindeutigkeit zum Verhängnis zu werden. Neben der Frage, ob das Erdogan-Schmähgedicht, ein Schmäh – also hinreichend als Satire gekennzeichnet war – oder tatsächlich schmähend – den Tatbestand der Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes erfülllend – gemeint war, entbrannte mit dem Fall außerdem eine Debatte um das Genre Satire und die Grenzen künstlerischer Freiheit.

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(c) freelook.info, maxresdefault

Die Causa Böhmermann (hier ein tolles Video, das die ganze Affäre zusammenfasst) zeigt, wie sehr die Medienwirklichkeit eine Scheinwirklichkeit ist. Kunst und Kritik liegen eng beieinander, aber im Gegensatz zum schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn ist diese Verbindung weit weniger bekannt, noch weniger die Kunst der Kritik. Und egal, ob geschickt inszeniertes Aufmerksamkeitsmanagement oder tatsächlich intendierte Beleidigung: Ausschlachten ist schließlich eine Strategie dieser Maschinerie, in der traditionelle Vorgehensweisen out, Risikofreude und Grenzüberschreitung in sind und die Glaubwürdigkeit der Medien ohnehin längst nicht mehr zur Diskussion steht. Warum auch eine Strategie ändern, die den Medienzirkus veranlasst, zu tun, was er immer tut, tat und tun wird: brav mitspielen.

 

Erträumte Schäume oder schäumende Träume?

Letzten Mittwoch feierte die t’eig Theatergruppe mit ihrer neuen Produktion “Schönste Zeit” Premiere. Unterstützung holte sie sich diesmal von Siebtklässlern des BORG Dreierschützengasse. Die Schüler spielten ihr eigenes gegenwärtiges und zukünftiges Ich sowie das vergangene ihrer Eltern, die zurückkehren an den Ort des Geschehens, das Brauhaus Puntigam, wo vor 30 Jahren der Maturaball stattfand. Sie erzählen von Lebenswegen und Statistiken, eingeschlagenen und verlassenen Wege, Individualität und sich doch überall ähnlich wiederholender Zukunft. 

Bill Medley und Jennifer Warnes sprechen von der “Best Time of My Life”, Pitbull & Ne-Yo von “Time of Our Lives”, die American Authors vom “Day of My Life” und die Szene aus Dirty Dancing zu den Klängen von “Time of My Life” kennt man ja. Doch wann bitteschön, hat man denn nun die schönste Zeit? Oder ist es vielleicht nur ein einzelner epischer Moment? Und wann weiß man das? Bitte nicht erst retrospektiv, sondern mit Marker: “Achtung, das ist er jetzt, der schönste Moment deines Lebens.” So läuft das leider nicht. Vielmehr bekommt man vielfach zu hören: “Genieß die Schulzeit, so schön wirst du´s nie mehr haben” oder “Die Studienzeit, das war die schönste Zeit”. Das Leben und die Schule, das sind doch zwei Paar Schuhe. In der Schule lernt man schließlich für das Leben – Oder ist es doch anders herum? Das viel diskutierte Zwitscher-Stichwort zur „Gedichtanalyse in vier Sprachen“ versus wirtschaftlichen Kenntnissen wie Steuern, Mietrecht und Versicherungen, wird im Stück durchexerziert. Wie ist es denn nun und was ist für den erträumten Lebensentwurf wichtiger?

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(c) Heldentheater: t’eig Theatergruppe und Schüler des BORG Dreierschützengasse auf ihrer endlosen „Road to Nowhere“

Das t’eig Theater hat diese Thematik kurzerhand in ein Stück verpackt, in dem 17-jährige Schüler sich einer bereits vergangenen Zukunft bedienen. Im Rahmen eines fingierten 30-jährigen Klassentreffens reflektieren sie anhand der Leben ihrer Eltern über ihre eigene Zukunft. Der Bogen ist gespannt: Die, die am Anfang des ‚Ernst des Lebens‘ stehen korrespondieren mit jenen, die diesen schon ein Stück weit gemeistert haben. Das heißt, die 80er Jahre sind präsent, die Handys der heute 17-Jährigen am Tisch vor dem Publikum jedoch noch präsenter. Da piept und leuchtet die Gegenwart lautlos vor sich hin, während ihre Besitzer zu “Road to Nowhere” in Endlosschleife im Leben ihrer Eltern herumtanzen und springen, schlurfen und sich voran schleppen. Die einen auf der Überholspur, die anderen hinten nach, lebend oder bloß vegetierend, mitunter Rollen tauschend, gestoppt wird auf Autobahn oder Landstraße gleichermaßen, wenn auch nur wegen der im Abstand von 10 Jahren stattfindenden Klassentreffen. Mehr oder minder sind alle bedacht auf den schönen Schein, die Fassade, teilen sich um der Anerkennung für das Erreichte willen mit oder versuchen verzweifelt, sich gut zu präsentieren, um das Versagen, das scheinbar ausweglose Unglück ihrer Situation zu vertuschen. Unisono werden sie geistig wieder zu Schülern, als die, der Klasse ehemals vorstehende, Magistra auftritt und autoritär-grantelnd zur Ruhe mahnt. 

Der vermeintlich so individuelle Weg jedes Einzelnen erscheint schließlich doch nicht so einzigartig und man muss feststellen, dass sich alles irgendwie wiederholt. „Nach den Leggings ist vor den Leggings” – Die Kinder der Achtziger haben nun selbst Kinder, die meisten beschäftigen dieselben Sorgen und kleinen Freuden, alle sind gezeichnet vom Leben und sehen in ihren Kindern dieselben Träume und Hoffnungen, die sie selbst einmal hatten. Fest steht die Vergangenheit, die Gegenwart ist nur ein kurzer Moment und die Zukunft ungewiss. Wie wahr, wie wahr. Blöd nur, dass Wege selten beschildert sind, sondern erst wenn man sie bereits beschritten hat, offenbaren, ob sie Irrungen oder bloß Wirrungen bereithalten. Und überhaupt, wo ist bei dieser Straße eigentlich die Selbstbestimmtheit, einen neuen Weg zu gehen oder umzukehren? Besser gesagt, die viel wichtigere Frage, die sich aufdrängt, ist: Wo ist die notwendige Kraft geblieben, diese Weg-Änderung vorzunehmen?

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Schlusschor und Sesselhaufen aus Statistiken und sinnbildlichen Lebenslügen (c) Heldentheater.

Thomas Sobotka und sein Team inszenieren die Zeit, ihr Vergehen und die unermüdliche Schleife des Lebens in der „Road to Nowhere“ der Talking Heads – Der Theaterabend bietet viel Wahrheit, Mut zur Wiederholung und lange Zeit für eine Status-Quo-Reflexion über das eigene Leben. Er wirft auch die Frage auf, ob der schöne Ansatz – Jung lernt von Alt – auch 2016 noch praktikabel ist. Die zugrundeliegende Moral könnte allerdings schöner nicht sein: Die schönste Zeit liegt immer vor uns. Im hinzugefügten “Hoffentlich” liegt die ungeschönte Wahrheit.

Resanitas Wilde Frau

Ausstellung. 

Heute Abend wird im Kunsthaus Graz (Space 05, 19 Uhr) die Ausstellung „Wilde Frau!“ eröffnet. Zugleich wird das gleichnamige Buch (Verlag der Provinz) präsentiert. Die Chefkuratorin des Kunsthauses Kathrin Bucher Trantow wird die Einführung zusammen mit Karl-Heinz Herper von der der Steirischen Kulturinitiative und der Autorin und Kulturanthropologin Elsbeth Wallnöfer gestalten. Die beiden Künstlerinnen Resa Pernthaller und Anita Fuchs – zusammen „Resanita“ – zeigen die Ergebnisse ihres künstlerischen, von der Kulturinitiative geförderten Rechercheprojekts. Sie machten sich dafür im zentraleuropäischen Raum auf die Suche nach dem weiblichen Pendant zum archetypischen „Wilden Mann“ und bereisten dafür Slowenien, Rumänien, Kroatien, die Ukraine und die Slowakei.

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(c) Resanita

Die dabei entstandenen Bilder und Animationen setzten sie zu jener Fotostrecke zusammen, die sie als Antwort und feministische Intervention auf Charles Frégers Fotostrecke „Wilder Mann“ verstanden wissen wollen. Von 06. Bis 17. April wird diese im Rahmen der Kunsthaus-Reihe „Offenes Haus“ zu sehen sein.

Trauben-, Gersten- … Apfelsaft!

Jetzt da es einen österreichischen, sogar noch besser: einen steirischen, Cider – den „Thronprinz“ – gibt, wird es Zeit die heimische Trinkkultur unter die Lupe zu nehmen und zu fragen, was denn ein Cider überhaupt ist oder wieso gerade das Getränk den traditionellen Bier- bzw. Weintrinker zum (Ab-)Wechseln verleiten könnte.

Ganz unbekannt ist die gekelterte Alternative zum Wein ja nicht: Most, vergorener Apfel- oder Traubensaft, wurde früher auf beinahe jedem Hof für den Eigenbedarf hergestellt. In Schweden ist eine süßere Variante des Cider aus Birnen besonders beliebt. Vom Apfelwein berichtet Herodot erstmals 400 v. Chr.: in der kleinasiatischen Region Side, der der Cider seinen Namen bis heute verdankt, presste man Äpfel und trank deren Saft. Weltweit kennt man heute viele Ciderarten, ob in Mexiko, Neuseeland, England oder den USA oder Frankreich – nennt sie zwar von Region zu Region unterschiedlich, genießt sie jedoch überall gekühlt und als leicht alkoholisches Erfrischungsgetränk. Man darf also gespannt sein, welche Trinkkultur die Österreicher für ihren Cider entwickeln.

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(c) Thronprinz Cider

Und man darf hoffen, dass beim österreichischen Cider mehr im Glas landet – als beispielsweise in Spanien. Dort wird in Andenken an die Fasslagerung auch Flaschencider aus mindestens einem Meter Höhe ins Glas eingeschenkt, um den enormen Druck, mit dem der Cider früher aus dem Fass schoss, zu simulieren.

Na dann – Prost!

 

Der Thronprinz erobert Graz

Werbung in südsteirischer Sache und für alle Cider-Liebhaber: Seit wenigen Monaten gibt es einen österreichischen Apfelschaumwein, der die steirische Getränkekultur um eine weitere Spezialität erweitert. Für die „Digitale Tageszeitung“ habe ich über eine Release-Party des neuen „Thronprinz“ berichtet: 

Zwei steirische Winzersöhne machten sich auf, die Welt des Weines zu erkunden und kamen mit der Idee für einen Cider alias Apfelschaumwein made in Austria zurück. Jetzt sind sie auf großer Release-Tour und machen heute Abend ab 20 Uhr auch im Grazer Flann O’Brian halt.

Unterstützt werden sie dabei von der ebenfalls südsteirischen Band „The Rootups“, die sich zuletzt mit ihrer Single „Circles“ in den Soundportal-Hits listeten.

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(c) Thronprinz(en): Herbert König, Alexander Sattler, Jürgen Trummer

„In Neuseeland haben sind wir auf den Geschmack von Cider gekommen und daheim in Österreich haben wir ihn vermisst, also haben wir herumexperimentiert und kurzerhand unseren eigenen Cider kreiert“, erklärt Produktionsguru Jürgen Trummer.

Dieses eigene Experiment ist nun nach etwa drei Jahren ‚Gärzeit’ produktionsreif und lanciert unter dem Markennamen „Thronprinz“ als erster trockener österreichischer Apfelcider in den Läden, vor allem jenen der Kette „Wein & Co.“ Eine Positionierung in ausgewählten Lokalen in Graz und Teilen Wiens ist bereits nach nur wenigen Monaten gelungen, berichtet Alexander Sattler vom Sattlerhof, der auch für das Marketing des Thronprinz Ciders verantwortlich ist.

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(c) Thronprinz

Qualität – angefangen beim Rohstoff Apfel bis zum Produktionsvorgang – ist den beiden „Cider-Providern“ wichtig: nur frisch und per Hand geerntete, schonend gepresste und ausschließlich steirische Äpfel geben dem Thronprinz seinen typischen Geschmack. Ab heute kann man sich von diesem im Flann O’Brian selbst überzeugen.

 

 

Setz-en Sie sich, bitte!

Von Helden, gefallenen und solchen, denen man Denkmale Setz-t, Sinn und Sein.

Das Spielzeithighlight 2015.2016 in Graz ist gefunden: Es ist die dramatische Adaption von Clemens J. Setz’ zweitem Roman “Die Frequenzen”. Sie feierte am Samstag ihre fulminante Uraufführung. Ein dreistündiges Fest der Sinne, das das Frequenzrauschen der preisgekrönten Vorlage auf unterschiedlichsten Bühnenebenen wahrnehmbar macht und Stunden in kurzwe(i)llige Bilder übersetzt.

Gedächtnis

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(c) Birgit Hupfeld

Mit Alexander Eisenach (Bild) hat ein großer Freund und Kenner des postdramatischen Theaters den Weg nach Graz gefunden. Dass der gebürtige Berliner auch ein Könner ist, beweist er mit der gewaltigen, multimedialen Inszenierung der “Frequenzen”. Das Schauspielhaus Graz setzt dem Autor Setz, der sich bereits im Buch gleich an mehreren Stellen selbst verewigt hat, mit dieser Adaption ein imposantes Denkmal. Der ungestüme Grazer ‘Feldhase’ wiederum zollt  der Stadt im Roman nach Manier eines aufmerksamen erkennenden Flaneurs Respekt .

Schräglage

Setz’ Liebeserklärung an das “nicht-lineare Wesen der Zeit” erzählt vom Synästheten Alexander Kerfuchs, der an einem Tinitus und unter dem Vaterverlust leidet, und seinem Schulfreund Walter Zmal, aus dem, zu Tode gefördert, schließlich gar nichts wurde. Die Protagonisten sind durch die gemeinsam zugebrachte Kindheit und die jeweiligen ödipalen Konflikte verbunden, einander aber doch fremd. Der Roman belebt unbelebte Dinge, verschränkt sinnliche Wahrnehmungsebenen und strotzt, obwohl formal nicht perfekt, durch verwegene Dialoge und virtuoses Sprachspiel von poetischer Kraft, Humor und Skurrilität. Geleitet wird die Erzählung von der physikalischen Theorie des Welle-Teilchen-Dualismus, jener nahe an der Philosophie angesiedelten Vorstellung einer Verschränkung von Raum und Zeit, auf der die Quantenphysik fußt. In der Raumzeit herrscht eine Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieser transzendente Leitfaden gibt die Lesart des Romans vor und verbindet als Hintergrundrauschen im Frequenzbereich die vielschichtigen Erzählstränge zum skurrilen Ganzen. “Warum sollten nicht die Frequenzen das Entscheidende sein?” – Selten war ein Titel passender.

Versatz

Dramaturgin Karla Mäder verspricht einen skurrilen Abend in detailreichen Bildern, die nicht wissen lassen, wo man zuerst hinschauen soll. Eine Art inszenierte Reizüberflutung also. Sie behält Recht. Bevor aber überhaupt an eine Theateraufführung gedacht werden konnte, mussten 700 Seiten Text und darin geschildertes komplexes Geschehen in ein spielbares Drehbuch gepackt werden, das es möglichst linear entwickelt, beschreibt sie die intensive Arbeit an einer Reihung der nahezu unüberschaubaren Erzählstränge. Deklarierter Fokus dabei lag jedoch auf einer Wiedergabe der ironisch-humorigen Sprachkunst Setz’, dessen Dialoge fast prädestiniert für eine theatrale Umsetzung erscheinen. Schließlich entstand innerhalb von nur fünf Probenwochen die Dramaturgie, die von nur fünf Schauspielern und einem Kind umgesetzt wird.

Zeitvertreib

Das hochmotivierte Ensemble gibt alles und brilliert in der Darstellung sich vor Verzweiflung windender Charaktere. Aufwendige Kostüme und häufige -wechsel (Claudia Irro) und die Drehbühne machen die schauspielerische Leistung noch bemerkenswerter. Franz Xaver Zach mimt eine sich mit Proust´schen Fragebögen abmühende Gottfigur und stellt sein Können in einer schier endlosen, die anderen einschläfernden, monologischen Schimpftirade unter Beweis. Die suchende, Schöne und fachlich fragwürdige Psychologin Valerie wird von Evamaria Salcher ausdrucksstark gespielt. Vera Bommer ist als Lydia gleichermaßen überzeugend wie als Patientin Valeries oder wenn sie Walters Vater imitiert, ebenso Jan Brunhoeber als neurotischer Schauspieler Walter Zmal, der in der Bühnenfassung kurzerhand zum psychopathischen Mörder Valeries degradiert wird. Setz’ Namensvetter Clemens Maria Riegler verkörperte Alexander Kerfuchs – als wahnsinniger Rosa-Brillen-Träger, verlassenes Kind oder missverstandener Mann im Clinch mit der Frau am Steuer jenes Wagens, der Fiat heißt (bezeichnenderweise lateinisch für ‘es ist geschehen’ oder ‘es werde’ steht), gelb ist wie der Freitag in der synästhetischen Wahrnehmung Kerfuchses und das Kennzeichen “G-FR111” (111 das numerologisch ‘Unvorhersehbarkeit’ meint) trägt – in allen Facetten seines emotional gemarterten Daseins. Diesem wird am Ende bei der zweiten Hochzeit des Vaters, mit David Bowies “Space Oddity” treffend untermalt, der Todesstoß versetzt.

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(c) Lupi Spuma

Glashaus

Die zwei jugendlichen Ichs des Protagonisten – eines gespielt vom Kinderdarsteller Felix Ostanek, das andere von Riegler bzw. Brunhoeber – tauschen ihre Rollen, als sie sich vorne treffen, während hinter der Bühne weitergespielt wird und Walter von Riss erzählt, der quer durch die Raumzeit verläuft. Eine erklärende und ähnlich grandios umgesetzte Szene spielt Franz Xaver Zach als Walters Vater hinter der Bühne. Er kriecht unter das Bett und gibt so vor, im Keller besagten Riss zu entdecken. Die Filmsequenz dieses Ortswechsels wird gleichzeitig vom Kind Walter, der im Bett darüber liegt, mitangehört und so die Vorgeschichte als Schlüsselszene präsentiert. Als der verängstigte kleine Junge seine Mutter fragt, ob sie denn da sei, antwortet diese mit einer weiteren sprachlich explizit werdenden Gleichzeitigkeit: “Ja, ich bin im Wohnzimmer und der Küche.” Verantwortlich für die (Dreh-)Bühnengestaltung ist Daniel Wollenzin. Ihm gelang mit der vorder- und hintergründig bespielbaren Ansicht ein raffinierter Clou. Vorne steht eine vom großen Architekten gestaltete Fassade, die außer Schein nicht viel bietet, aber als ausgebranntes Schaufenster und Badezimmer verwendet wird. Hinten bespielt wird das Gerüst erkennbar, das die Fassade aufrechterhält und unter anderem als Gasthaus, Schlafzimmer und Garten funktionalisiert wird.

Schein

Die Ebene der Schauspieler ist also nur eines der eingesetzten theatralen Mittel, die in ihrer Vielzahl gleichzeitig die Erzählung vermitteln. Der Vielstimmigkeit und Polyvalenz der Vorlage versucht die Inszenierung gerade in den Details – selbst der auftretende Chor versucht alle menschenmöglichen Tonlagen/Frequenzen abzudecken – gerecht zu werden. Mehrere Dinge passieren auf der Bühne in einer Verschmelzung von Handlung und Raum nebeneinander. Abhängig davon, wo der Blick gerade innehält, nimmt man als Zuschauer eine Perspektive ein, die ein völlig anderes Bild ergibt, als noch Momente oder Zentimeter zuvor. Gleichzeitig wird verkündet: “Es gibt keine unterschiedlichen Perspektiven, es gibt nur das hier”. Das Wie und das Was des Geschehens verschwimmt spätestens dann, wenn das Gespielte simultan zu sehen ist, aufgenommen wird und auf einer zweiten transparenten ‘Leinwand’ gezeigt wird.

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(c) Lupi Spuma

Thomason

Der Roman wie die Inszenierung werfen Fragen auf. Fragen nach Identität, Selbstbestimmung oder dem Schicksal. Sinnfragen. Setz entwirft einen komplexen Entwurf vom komplexen Leben. “Was passiert, passiert.” Der Riss in der Wand, der Walters “seelische Gleichgewichtsstörung” auslöst, wird zum Riss in der Welt. Er ist tiefgreifend, aber seine Grenzen verlaufen unscharf bis messerscharf. Die Inszenierung strotzt vor widersprüchlicher Skurrilität, in Szene gesetzten Dinge und Handlungen, die ihrer Funktion längst beraubt oder schlicht gänzlich entartet simultan erscheinen, dennoch überdauern und von teils intertextueller Sprache als sinnlose Sinnsuche entlarvt werden (=Thomasons) . “Es ist als würde man kleine Holzkästen malen und behaupten, es wären Schafe” (aus Der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry).   

 

 

Alles Grün!

Der Frühling hält langsam aber sicher in der Stadt, der Natur und dem Gemüt Einzug. Zum heutigen St. Patrick´s Day erstrahlt noch so manches mehr in grün, was natürlich anders gefärbt ist:

In Graz ist es vorzugsweise Bier, in anderen Städten sogar Flüsse. Das irische Dreifaltigkeitssymbol des Kleeblatts („Shamrock“) ist farbgebend und allgegenwärtig. Denn der Festtag des heiligen Patrick am 17. März ersetzt mitten in der Fastenzeit das liturgische violett kurzzeitig durch frisches Grün ab. Fällt der Tag in die Karwoche, wird er sogar zurückverlegt, um begangen werden zu können. Zuletzt war das 2008 der Fall, da konnte man bereits am 15. März feiern. Der Gedenktag des Bischofs Patrick, des christlichen Missionars von Irland, wird hierzulande in traditionell irischen Pubs gefeiert. Sein Sterbetag ist bis heute ein irischer Feiertag, gilt er doch als Schutzpatron des Landes.

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(c) wikimedia.org

 

Aus diesem Anlass pilgern heute wie jedes Jahr Fans des gälischen Volkes in sämtliche original irische Pubs der Stadt. Reservierungen werden tendenziell nicht angenommen, dafür geht es mancherorts schon zu Mittag los mit dem einfärbigen Treiben. Willkommen ist jeder mit Durst auf grünes Bier oder Hunger auf traditionelle Speisen wie Irish Stew oder Cottage Pie. Glücklich ist, wer einen Platz ergattern kann. Noch glücklicher, wer grün gekleidet kommt, dann winken grüne Goodies wie lustige Hüte oder Kleeblattbrillen. Hier ein Vorschlag für eine St. Patrick’s Day-Tour:

Mittagessen im Flann O’Brien:

Ab 11 Uhr lädt das größte Pub der Stadt zum Verzehr typischer Köstlichkeiten. Empfehlung des Tages: Flanns Irish Stew.

Pitcher-Challenge: O’riginal Pub, Schönaugasse 5, ab 12 Uhr.

The Pub am Mariahilferplatz 20 legt ab 17 Uhr los, im Molly Malone (Färbergasse 15) feiert man bereits seit dem 15. März bis morgen früh!

Live Irish Folk Music genießen: als Warm-Up bei der „Office Party“ in The Office Pub, Trauttmansdorffgasse 3, ab 20 Uhr mit den beiden Bands „The Shenanigans“ (p.p.c.) und „Boxty“ (GMD) den St. Patrick’s Day beim Konzert feiern.

After-Show-Party mit grünem Kleidungsstück im Pharmacy, Leonhardstraße 35.

Absacker im O’Carolan’s Irish Pub, Badgasse 2.

 

 

Diagonale: History of Now

Für Cineasten und Fans des österreichischen Films hatte das Warten vergangene Woche endlich ein Ende: Die jährliche Diagonale – das Festival des österreichischen Films präsentierte die Neuproduktionen heimischer Filmemacher und verwandelte Graz wieder in die Hochburg der Filmschaffenden.

Alles, was in der Branche Rang und Namen hat, bevölkerte dieser Tage die Landeshauptstadt. Man traf sich aber nicht nur um die neuesten Werke zu genießen, sondern auch um sie zu diskutieren. Das Festival, das sich als Forum für Präsentation und Auseinandersetzung versteht, eröffnet außerdem die Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch. Aktuellen Tendenzen des künstlerischen Filmens konnte ebenso nachgespürt werden, wie sie im Rahmen diverser Publikumsgespräche und Diskussionsveranstaltungen mit Filmexperten die Projekte kritisch und differenziert zu hinterfragen. Zusätzlich neuen Wind verschafften der diesjährigen Diagonale seine Neo-Leiter Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber.

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Zita Geier und Ursula Strauss bei der Eröffnung der Diagonale              (c) Raneburger

Zur Eröffnung wurde am Dienstag die Verfilmung des autobiographischen Romans “Maikäfer flieg” von Christine Nöstlinger gezeigt. Der Film von Mirjam Unger erfuhr bereits im Vorfeld große mediale Aufmerksamkeit, nichtzuletzt aufgrund der herausragenden Leistung der erst 10-jährigen Hauptdarstellerin Zita Geier. Ursula Strauss durfte sich für ihre Rolle als Christines Mutter über den Schaupielpreis der Diagonale freuen. Seit Freitag läuft der Film auch regulär in den österreichischen Kinos.

Ein weiteres Highlight war die Verfilmung des literarischen Briefwechsels zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann Herzzeit, die unter dem Titel “Die Geträumten” das Rennen um den begehrten, mit 21.000 Euro dotierten Großen Diagonale Spielfilmpreis für sich entscheiden konnte.

Am Rande wurde auch eine besonders ehrliche Low-Budget-Produktion gezeigt:  Nadiv Molcho durfte mit “History of Now” am Freitag sein Erstlingswerk im Rahmen des Festivals vorstellen. Der Sohn des bekannten Körpersprachexperten, Star-Pantomimen und Wiener Universitätsprofessors Samy Molcho übernahm nicht nur Drehbuch und Regie, sondern überraschte mit einer Einfühlsamkeit, die ihresgleichen sucht. Er hat mit seiner Romanze eine authentische Liebesgeschichte auf die Leinwand gezaubert, in der sich nahezu jeder irgendwie wiederfindet.

Im Zentrum des Films stehen Eli und Maya, gespielt von Molcho Junior und Aya Beldi. Beide sind Mitte zwanzig, lernen einander kennen und verlieben sich. Sie sind voller Träume, streben nach Mehr und sind gleichzeitig romantisch-naiv. Vor allem Maya strahlt inspirierenden Hunger auf das Leben, flatterhafte kindliche Neugier und gleichzeitig laszive Herausforderung aus, Eli wird als unschuldig-verträumter Romantiker dargestellt, der mit einer Mischung aus Faszination und Neid beobachtet wie unbeschwert Maya durchs Leben geht. Er hadert mit sich, weil er nach Struktur strebt und sich zugleich von der Unbestimmtheit Mayas angezogen fühlt. Molcho zeichnet seine Charaktere als liebevolle, aber unterschiedliche, er lässt sie sich an ihren Differenzen erfreuen und reiben, anfangs vor allem lustige Momente erleben. Der Humor Elis erinnert tatsächlich ein wenig an den seines Vorbilds, den (Stadt-) Neurotiker Woody Allen. Die Ambivalenz zwischen Spaß haben und Erwachsenwerden wird durch ebendiesen charmanten Humor überbrückt, bis dieser von der Ernsthaftigkeit erstickt wird, die Maya (noch) nicht erträgt. Vor allem dieses anfängliche Kennenlernen und Verlieben bietet derart authentische Situationen, dass die Identifikation mit den Figuren leicht fällt. Der Kokon, den sich die beiden bauen und aus dem sie die Realität abseits ihrer Zweisamkeit ausschließen, ist nur zu gut als die “rosa Brille” bekannt. Der Film ikonisiert indem er die Blase zentral setzt und sie so großartig zeigt wie sie allein, ohne ihren Kontext, ist. Eine Darstellung des Alltäglichen sei sein Ziel mit dem Film gewesen, erklärt Nadiv Molcho im anschließenden Publikumsgespräch. Das gelang ihm gerade durch das bewusste Nicht-Inszenieren der prototypischen Blockbuster-Dramaturgie (äußere Konflikte wie Krebs, Schwangerschaft, etc.) und dadurch, eine unverfälschte Nähe zwischen den beiden zu zeigen, die den Seher seine distanzierte Haltung vergessen lässt.

Eli und Maya beginnen eine ernsthafte mehrjährige Beziehung, die im Urlaub in Marokko durch einen Heiratsantrag Elis gekrönt werden soll. Dort verbringen sie die Zeit ihres Lebens und schließen mit dem deutschen Paar Lea und Kai Freundschaft. Der Plan von der gemeinsamen Zukunft gerät jedoch ins Wanken, als sich Maya auf Kai einlässt – berauscht von Alkohol, Marihuana und der Fremde, fernab des heimatlichen Alltags. Fast scheint das Motto ‘laissez faire’ (aka man ist ja im Urlaub, noch jung und ungebunden) – als Entschuldigung durchzuklingen. Dass sie damit die Beziehung zu Eli zerstört, wird Maya erst im Nachhinein bewusst. Was beiden aber auch erst dadurch klar wird: Sie sind grundverschieden, trotz ihrer gemeinsamen Blase. “Shit happens” als moralische Essenz des Films vorzuschlagen, zeugt in diesem Fall nicht von fehlender philosophischer Tiefe, sondern viel mehr von bitterem Realismus, der auf die freigeistige jugendliche Illusion von der Liebe unweigerlich folgen muss und doch einen melancholischen Nachgeschmack hinterlässt.

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Mit einem Budget von nur rund 25.000 Euro und zwei Monaten Zeit für die gesamte Produktion standen Molcho und sein Team vor einer großen Herausforderung. Gerade diese Knappheit beschlossen sie, produktiv für die Intimität ihres Films zu nutzen. Der Charme der Drehorte Wien und Marrakesch wird daher meist durch die Linse einer tragbaren Kamera eingefangen, die Beleuchtung ist natürlich und deshalb atmosphärisch. Die Schauspieler sind vornehmlich befreundete Laien und Molchos Familie, die die Produktion ihres jüngsten Sprosses zudem finanziell und mit Schauplätzen in Wien, etwa dem Lokal von Haya Molcho am Naschmarkt, unterstützte. Was dadurch an Expertise fehlt, wird durch das besonders harmonische Spiel der Hauptdarsteller Nadiv Molcho und Aya Beldi ausgeglichen. Wenngleich an manchen Dingen ‘gespart’ werden musste, an den Kostümen und der Dekoration merkt man das nicht: Farbenpracht und Leichtigkeit vermitteln die bunten, wallenden Stoffbahnen, in die Protagonistinnen (von Kyra Sophie) gehüllt wurden. Natürliche Sinnlichkeit und gierige Lebenslust lässt sie strahlen, wenn sie sich zum Rauschen des Meeres oder den vielfältigen Klängen der Filmmusik bewegen. Die Wohnung in Wien ist liebevoll eingerichtet und das Domizil in Marokko, an sich schon mit sinnlicher Atmosphären-Romantik aufgeladen, wird durch flackernden Kerzenschein, die Vorstellung der orientalischen Düfte und der verspielten Gestaltung auch ästhetisch zum zauberhaften Refugium.

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Nadiv Molcho mit seinem Vater Samy 2013 (c) Thomas Lehmann

Obwohl der Film ganz ohne äußeren Konflikt und konventionelles Drama auskommt, strotzt er also vor inneren Konflikten, nämlich solchen, die sich auf der Gefühlsebene der Protagonisten abspielen und das ganz persönliche Drama darstellen, das sich einerseits individuell gestaltet und doch in abgewandelter Form jedem widerfährt. Er schafft es, etwas objektiv Unaufregendes – einen “no big deal” – zum “biggest deal” zu machen.

Nadiv Molcho betont explizit, mit dem Film kein politisches Statement transportieren zu wollen. Er möchte sein Publikum viel mehr 93 Minuten lang einladen, den Film um seiner visuellen Ästhetik willen zu genießen, sich von ihm und seiner emotionalen Tiefe berauschen zu lassen. Die Zuseher berührt der Film mit einer Ehrlichkeit, Witz und nachvollziehbaren Gefühlen. Die retrospektive Erzählweise aus Elis Sicht (durch seine Stimme aus dem Off) lässt zunächst ins Jetzt eintauchen, das von der Vergangenheit überschattet wird. Was Eli und Maya jetzt sind, sind sie nicht ohne und nur durch ihre gemeinsame Vergangenheit. Das Wiedersehen nach Jahren der Trennung in Wien ist ein Moment und doch die gesamte Geschichte, die “History of Now”.

Urban Culture

Nein, heute gibt es keinen Beitrag zum internationalen Frauentag. Stattdessen gibt es ein im entferntesten kulturpolitisches Statement. 

Letzte Woche besuchte ich die “Urban Future Global Conference, bei der auch diesmal wieder Architekten, Städteplaner und andere Stadtexperten aus aller Welt sich über neueste Technologien und Konzepte bezüglich Stadtentwicklung, Mobilität, nachhaltiges Bauen und Wohnen sowie Logistik und Energieeffizienz austauschten. – Und die ich für meine Kulturkolumne als “Urban Culture”-Konferenz betrachtet habe.

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Future City Rendering (c) UFGC2016

Graz wurde hierfür übrigens nicht zufällig ausgewählt: Der „Urban Future“-Organisator, Thomas Pucher, ist zum einen selbst Grazer und als Architekt tätig, zum anderen weltweit gefragter Städteplaner. Er kam 2014 erstmals auf die Idee, eine Konferenz dieser Art zu veranstalten. Graz, die Stadt, deren Innenstadt Teil des UNESCO Weltkulturerbes ist und sich gleichzeitig (wie Berlin auch) “City of Design” nennen darf, bietet sich mit diesem Spannungsfeld geradezu an.

Um City Change und die damit zu erwirken beabsichtigte Rettung der Welt durch eine nachhaltige “Urban Future”, ging es bei der gleichnamigen Vernetzungsveranstaltung in Graz. Michael Jacksons „Heal The World“ klingt da sofort im Ohr. Auch er formuliert die Forderung, die Welt zu einer besseren zu machen und meint ‚besser’ im Sinn von ‚lebenswerter’. Dass eine mit der Entwicklung der Städte in Verbindung stehende Rettung der Welt gar nicht abwegig erscheint, zeigen die Zahlen:

In den letzten 200 Jahren wuchs die Weltbevölkerung von einer auf über sieben Milliarden Menschen an. Dass sieben Milliarden mehr Platz und Ressourcen brauchen als eine, liegt auf der Hand. Die Bevölkerung zieht es in die Ballungsräume und dort werden mittlerweile rund 75% der gesamten Ressourcen verbraucht. Ein Wachstum solchen Ausmaßes erfordert strukturiertes Stadtmanagement. Doch das allein genügt nicht: ausreichend Raum und Versorgung sichern zwar die Existenz der Bewohner einer Stadt, gewährleisten allein aber noch kein qualitatives Leben seiner Bewohner.

Qualität meint ein Mehr als bloßes Überleben. Wohnen meint mehr als ein Dach über dem Kopf, das hat IKEA nicht nur werbetechnisch gut erkannt. „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ fragen sich auch Städteplaner und Architekten, wenn sie neue Lösungen für urbane Gebiete entwerfen und hinterfragen damit auch den Lifestyle-Begriff der jeweiligen Bewohner. Sie sind deshalb gleichermaßen Künstler wie Michael Jackson einer war oder die Filmemacher der Diagonale (– das Festival des österreichischen Films, zu dem es nächste Woche auch eine Rezension geben wird) es sind. Künstler haben eines gemein: Sie alle leisten Kulturarbeit.

Dass diese Kulturarbeit dringend notwendig ist, fällt nicht nur am Beispiel großstädtischer Metropolen auf. Stadtentwicklung (“city change”) ist durchaus auch in kleinen und mittelgroßen Städten von Bedeutung. Das betonten nicht nur die geladenen Experten der Konferenz mehrfach, sondern wird sogar dann augenscheinlich, wenn ich nur einen Blick in meine südsteirische Heimatstadt (rund 12.000 Einwohner) werfe: Ein verwaister Hauptplatz, menschenleere Gassen und nackte Verkaufsflächen in der Innenstadt. Kaum nähert man sich aber dem Stadtrand, sieht man Wohnsiedlungen und ein Einkaufszentrum nach dem anderen, die die Menschenmassen aus der Stadt locken und vom Land her anziehen. Das pulsierende Herz der Stadt, außerhalb der Stadt?

Viele österreichische Kleinstädte kämpfen vor allem in den letzten Jahren mit starker Zuwanderung in die Randbezirke und Abwanderung aus dem Zentrum. Die Folge sind Wohnungsknappheit bzw. der Zwang zu Neubauten, Gentrifizierung und eine traurige Innenstadt.

Die soziale Durchmischung müsse dafür gewährleistet bleiben, meinte, danach gefragt, auch Berlins Ex-Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), im Gespräch mit der Grazer Vize-Bürgermeisterin, Martina Schröck (SPÖ), am Mittwoch. Dies sei unter anderem Aufgabe der Politik. Wowereit muss es ja wissen, schließlich hat sich Berlin im letzten Jahrzehnt gewandelt wie keine andere europäische Metropole. Es hat sich vom Mief seiner Geschichte gelöst ohne sich von ihr zu verabschieden und präsentiert sich heute als hippe, junge, dynamische Stadt, die Kreative aus aller Welt anzieht. Diesen Wandel vollzieht Graz gerade – oder versucht es zumindest. Vieles ist schon gelungen – etwa mit dem Kunsthaus, eine Blase mitten ins Stadtbild zu bauen, ohne Boykott wegen Sittenverstoßes – doch gegen die müffelnde österreichische Gesinnung wird Graz noch länger ankämpfen müssen. Eine Baustelle ist Graz also nicht nur in den Sommermonaten.

Die ‚Baustelle‘ Stadt fällt dann ins Aufgabengebiet der Politik, wenn es darum geht, finanzielle Mittel für die Umsetzung der von Kulturarbeitern und der Visionären vorgeschlagenen, adäquaten Lösungen zu lukrieren, um eine lebenswerte “Urban Future” für ihre Stadt zu ermöglichen.